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Regional Der staunende Mephisto
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00:22 29.04.2019
Nikolaus Kühn spielt den Mephisto. Weil er Schauspieler ist. Weil er muss. Quelle: Thomas Müller
Göttingen

Etwas Großes war geplant. Und ist gescheitert. Die gigantischste Faust-II-Inszenierung aller Zeiten sollte auf dem Göttinger Campus und hier im größten Hörsaal von Niedersachsen neue Maßstäbe für das internationale Theater setzen. Das Deutsche Theater Göttingen mit allen Schauspielern, Statisten und Bühnenbildnern, sieben Göttinger Fakultäten mit ihren Professoren und Assistenten, eine extra geschaffene hochkomplexe Kreatur künstlicher Intelligenz, noch nie erlebte bühnentechnische Aufbauten und Raffinessen aufwendig installiert, alles das war geplant, einbezogen - und dann das… Mephisto muss klein beigeben. Die Sache ist geplatzt. Übrig bleiben ein nuschelnder Schauspieler und ein verwirrter Professor. All das ist Teil dieser Bühnengeschichte.

1000 Euro für ein Theaterticket

Aber prinzipiell macht dieses Scheitern nichts. Menschen, die an Papiergeld glauben und den hohen Wert, der angeblich darin steckt, denen lässt sich bestimmt auch anderer Tand glaubhaft vermitteln. Zum Beispiel, dass eben diese kläglich gescheiterte Aufführung die Kraft hat, die ganze Welt zu verändern. Zum Besseren übrigens und zur Abwechslung. Dieser Gedanke muss einfach nur in die Welt. Und ist er virulent, dann wird ein Theaterticket im Internet bald für 50, für 100, für 1000 Euro gehandelt. Die Nachfrage ist enorm. Konzerne investieren in Göttinger Faust-II-Theaterkarten, bieten sie den Banken als Sicherheit an. Investmentbanker, ja sogar die Sparkasse, greifen zu. Auch sie wollen schließlich etwas abbekommen von dem Haufen Gold, auf den man sich nur noch setzen muss. Das ist, nebenbei gesagt, der Traum der Alchimisten: Gold machen aus dem Nichts. Zur nächsten Aufführung also kommen nur die Schönen und Reichen, Otto Normalbürger kann sich die Tickets nicht leisten. Die Bundeskanzlerin sitzt in der ersten Reihe und wartet, wie das gesamte Publikum, auf die weltverändernde Wirkung dieser Inszenierung. Doch dann ist da nichts als das, was sowieso jeder, spätestens seit Goethe, längst weiß: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles.“ Nichts Neues unter der Sonne.

Strukturen werden aufgebrochen

Das also kommt dabei heraus, wenn ein Professor für Soziologie die Welt und im Besonderen die Finanzwelt erklären will, sich dafür bei Goethe und seinem schwergeistigen Alterswerk bedient und ein echter Schauspieler auch noch mitmacht und den Mephisto mimt. Dann nämlich kehrt sich die Angelegenheit um und ein Wissenschaftler erklärt dem staunenden Teufel, worum sich alles dreht, zumindest unter menschlichen Horizonten. Und diese Variante ist gar nicht so schlecht – um mit dem Lob für das Stück einmal auf unterster Stufe anzufangen. Zwar ist der (echte) Professor Sascha Münnich über Nacht nicht zum begnadeten Schauspieler mutiert und die ein oder andere Straffung der Übergänge könnte der knapp einstündigen Inszenierung durchaus mehr Pep verleihen (wenngleich auch die Stille im Raum wirkungsvoll eingesetzt wird), aber: Der Versuch, zwei auf den ersten Blick so unterschiedliche Bereiche wie die Wissenschaft und das Theater zusammenzuführen, bringt in diesem Fall tatsächlich etwas Besonderes, vielleicht sogar etwas tatsächlich Neues hervor. Altbekannte Strukturen (hier das Theater, dort die Forschung) werden aufgebrochen und neu zusammengesetzt. Das ist erfrischend. Das braucht Mut. Über die weltverändernde Wirkung freilich müsste noch diskutiert werden. Aber selbst die ist schon gegeben, wenn der ein oder andere Theatergast aus diesem Stück die Anregung mitnimmt, dass es in unserer, der menschlichen Hand liegt, in welcher Weise wir als irdische Gemeinschaft zusammenleben, dass es in unserer Hand liegt, Momente zu erschaffen, von denen wir, ganz goethesch, sagen: Verweile doch, du bist so schön.

Bildung und Glaube

In der Ankündigung von „Science and Fiction (Faust II)“ heißt es auf den Punkt gebracht: „Ohne den kollektiven Glauben zerfällt Geld in wertlose Baumwollschnipsel und das Theater wird als großer Schwindel enttarnt.“ Theater freilich ist alles. Alles. Schwindel, wenn man so will. Spielräume zur freien Gestaltung, positiv ausgedrückt. Wer das einmal erkannt hat, kann die Welt verändern. Allmählich, wahlweise und zur Abwechslung auch zum Besseren. Entscheidend ist, woran wir glauben. Und dabei – und auch das ist goethesch – hat der Grad unserer Bildung eine nicht zu unterschätzende Bedeutung.

Weitere Aufführungen sind am 3., 4., 5., 8. 24., 25. und 26. Mai, jeweils ab 20 Uhr. Kartentelefon: 0551/4969300.

Von Ulrich Meinhard

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