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Regional Göttinger Jacobikantorei singt Weihnachtsoratorium
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00:18 21.12.2017
Ausgewogener Chorklang: Kantorei St. Jacobi und Ensemble Antico unter der Leitung von Stefan Kordes. Quelle: Michael Schäfer
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Göttingen

Eingeleitet wurde der Abend mit der Bach-Kantate „Gelobet seist du, Jesu Christ“ BWV 91, die ebenfalls die Weihnachtsgeschichte zum Inhalt hat: gerahmt von zwei Chorsätzen mit jubilierenden Bläsern sowie vier solistisch besetzten Sätzen. Hier konnten sich die prächtig miteinander harmonierenden Vokalsolisten schon bestens bewähren. Anna Nesyba besitzt einen sehr hell und klar timbrierten, koloraturenfreudigen Sopran, zu dem der ebenfalls lichte, schlanke Mezzosopran von Rebekka Stolz perfekt passt. Dazu steuert Jörn Lindemann seinen bis in höchste Lagen ganz unangestrengt geführten Tenor bei. Komplettiert wurde das Solistenquartett durch Marian Müller – der seine ersten musikalischen Sporen im Göttinger Knabenchor verdiente – mit seinem obertonreich strahlenden, kernigen Bass.

Auf dieses gewichtige Präludium folgte der zweite Teil des Bachschen Weihnachtsoratoriums, also die Kantaten vier bis sechs. Da fehlt zwar der trompetenüberglänzte Chor „Jauchzet, frohlocket“ aus dem ersten Teil. Doch ist der Eingangschor der vierten Kantate „Fallt mit Danken, fallt mit Loben“ nicht minder prachtvoll. Kordes nahm durchweg bewegte Tempi, er konnte auf diese Weise den vielfach tänzerischen Duktus der Musik Bachs sehr beschwingt hervorkehren. Seine Choristen folgten ihm mit großer Lockerheit der Stimmen, die Chor-Koloraturen blieben stets konturenscharf. Besonders schön: Das Verhältnis der Chorstimmen war fein austariert, sodass beispielsweise die Einsätze des Tenors genauso durchschlagskräftig waren wie die des Soprans.

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Neben den durchsichtig gesungenen fugierten Chorsätzen zeigten die Choristen auch in den Chorälen ihre gute Verfassung. Die klangen ebenfalls nirgends schwerfällig, nirgends pathetisch, sondern schlicht, lebendig und leicht.

In seiner Evangelistenpartie ist Lindemann ganz zu Hause. Er singt auswendig und versieht sie mit derart differenziertem Ausdruck, dass man der biblischen Botschaft gebannt lauscht. Wenn etwa Herodes heimlich die Weisen beruft, dann bekommt diese Stelle im Pianissimo geradezu einen Verschwörerton. Doch er kann auch – etwa in seiner Arie „Nun mögt ihr die stolzen Feinde schrecken“ – mit gut grundierter Kraft singen und sich mühelos gegen das Orchester behaupten.

Die übrigen Solisten sind ebenfalls gut beschäftigt. Ein Glanzlicht: In der Arie für Sopran, Tenor und Alt „Ach, wenn wird die Zeit erscheinen?“ führen zwei Solostimmen einen Dialog mit der dritten in der Weise, dass auf ein die ängstlich geäußerte Erlösungshoffnung (Sopran und Tenor) der Alt mit dem Satz „Schweigt, er ist schon würklich hier“ die Glaubensgewissheit verkündet. Dieses Verflochtensein von Zweifel und Sicherheit führten Nesyba, Lindemann und Stolz sehr eindrucksvoll vor. Nicht minder wirkungskräftig das kurze Solistenquartett „Was will der Hölle Schrecken nun“, in dem die Stimmen ähnlich strahlten wie die Trompeten im prachtvollen Schlusschoral „Nun seid ihr wohl gerochen“.

Das Ensemble Antico folgte dem beschwingten Interpretationsstil von Kordes mit großem Engagement. Einzig bei einigen nicht immer ganz stabilen Passagen der Oboen (die auch bisweilen ein wenig Mühe mit den frischen Tempi hatten) und leichten Ungenauigkeiten in der Intonation der Solo-Violine musste man kleine Abstriche machen. Am Ende wollte der begeisterte Beifall für Solisten, Chor, Orchester und Dirigent Kordes kaum enden.

Von Michael Schäfer