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Regional Göttinger Jazzfestival mit Weltstars im Deutschen Theater
Nachrichten Kultur Regional Göttinger Jazzfestival mit Weltstars im Deutschen Theater
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23:08 07.11.2010
Mit Beifall im Stehen gefeiert: Scott Colley, Donny McCaslin und Antonio Sanchez (von links).
Mit Beifall im Stehen gefeiert: Scott Colley, Donny McCaslin und Antonio Sanchez (von links). Quelle: Heller
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Das Göttinger Jazzfestival stellt sich immer mehr als Erfolgsmodell in der deutschen Jazzfestival-Landschaft dar. Während so renommierte Festivals wie in Moers, Berlin oder Salzau von Krisen, Finanzsorgen oder sinkenden Zuschauerzahlen geplagt sind, zeigt sich das Göttinger Festival äußerst vital. Das hat mehrere Gründe: zum einen ein ehrenamtlich agierendes Organisationsteam, ein individuelles Programm abseits ausgetretener Agentur-Pfade, das Ambiente des Deutschen Theaters (DT) und der Umstand, dass es auf der großen Bühne mittlerweile weder Oldtime noch Freejazz gibt. Diese Musikstile sind im Jazzmuseum gelandet. Stattdessen steht die Vielfalt des zeitgenössischen Jazz im Vordergrund. Dieses Konzept überzeugte das Publikum auch 2010: Die Abende am Freitag und Sonnabend im DT waren ausverkauft.

Am Freitagabend eröffnete das Günter „Baby“ Sommer Quartett das Festival. Die Musik der vier altersweisen Männer changierte zwischen andächtiger Hymne, vergnügtem Postbop und kollektiver Klangsuche. Die Stücke wirkten mal kantig wie ein ungeschliffener Diamant, mal leuchteten sie stimmungsvoll wie ein geschliffener Edelstein. Sommer spielte vergnügt mit Handtuch oder Besen auf dem Schlagzeug und brachte die Zuschauer zum Lachen. Bei allem was die Musiker taten, zeigten sie sich als Künstler, die eine sensible Poesie der musikalischen Freiheit zelebrieren.

Mit Rita Marcotulli präsentierte sich auf dem Festival eine hierzulande noch unbekannte Pianistin aus Italien. Zusammen mit den geerdeten Kontrabassisten Palle Danielsson und dem zurückhaltenden Drummer Roberto Gatto verzauberte sie die Besucher. Die Kompositionen der 51-Jährigen sind Klang gewordene Gedichte: verträumt, nachdenklich und zugleich tänzerisch leicht. Mit ihren Harmonien der linken Hand schuf sie impressionistische Stimmungen, die Melodien der rechten Hand strahlten silbern. Wer sie hört, weiß: Die Welt kann voller Schönheit sein.

Fulminant startete der Sonnabend: Mit Standing Ovations feierte das Publikum das Quartet des Saxofonisten Donny McCaslin. Seine Musik war emotional distanziert, aber intellektuell inspirierend. Publikumsliebling McCaslin spielte sich mit langen Improvisationslinien in die Herzen der Zuhörer. Star-Pianist Uri Caine präsentierte sich mit unkonventionellen Soli zwischen Mainstream-Jazz und Klassik. Drummer Antonio Sanchez feuerte das explosivste Schlagzeugsolo des Festivals ab.

Der Norweger Karl Seglem öffnete die Tür zu einer magischen Welt. Wenn er auf seinen Ziegenhörnern oder dem Saxofon spielte, tauchte man in eine sphärische Welt ein. Er mischte mit seiner Band Jazz und die Folklore der norwegischen Fjells. Violinist Håkon Högemo schob auf der traditionellen Hardanger-Geige die archaische Musik in Richtung Trance – ergreifend, mystisch, entrückt.

Konzeptlos wirkte die Squeeze­band, die mit Worldjazz das Festival abschloss. Die Band des Perkussionisten Reto Weber wirkte zusammengewürfelt. Die Performance bestand größtenteils aus aneinander gereihten Einzeldarbietungen der Bandmitglieder, und Gitarrist Dany Martínez spielte geradezu laienhaft.

Aber trotzdem: Das Solo der lebenden Rhythmusmaschine Nino. G war eines der Glanzlichter des Festivals. Nur mit Mund, Lippen und Zunge erzeugte der Hip-Hop-Künstler noch nie gehörte Rhythmen und verband dies gekonnt mit Stand-Up-Comedy. Sein Beitrag zeigte eine neue Unverkrampftheit im Jazz. So gesehen war es ein guter Festivalabschluss.

Von Udo Hinz