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Regional Autorin Nieberding diskutiert über die Proteste der Jugend
Nachrichten Kultur Regional Autorin Nieberding diskutiert über die Proteste der Jugend
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18:30 09.10.2019
Mareike Nieberding Quelle: R
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Göttingen

Die Autorin Mareike Nieberding ist zu Gast bei Göttinger Literaturherbst. Am Montag, 21. Oktober, sitzt sie um 19 Uhr mit Luisa Neubauer, Thea Dorn und Wolfgang Gründinger auf dem Podium. Das Quartett spricht über die Bewegung „Fridays for Future“. Der Titel des Abends lautet: „Wir sind viele, wir sind laut!“ Nieberding hat sich in ihrem aktuellen Buch „Verwende Deine Jugend“ mit dem Aufbegehren der jungen Generation befasst.

Tageblatt: Ist die Fridays for Future Bewegung laut genug?

Meinhard: Ich finde ja, Greta Thunberg und ihre MitstreiterInnen von Fridays for Future haben im letzten Jahr geschafft, was viele KlimaforscherInnen, Grünen-PolitikerInnen und ökologisch Bewegte in den Jahren und Jahrzehnten zuvor nicht geschafft haben: Sie haben die Bedrohungen der Klimakrise und die daraus resultierende dringend gebotene politische Debatte darüber, wie diese angegangen werden soll, zum Top-Thema gemacht, in den Medien, in den Parlamenten und an Küchentischen weltweit. Das muss ihnen erstmal jemand nachmachen! Zumal ich die Frage umdrehen würde: Nehmen PolitikerInnen und Parteien die Proteste von Fridays for Future ernst genug? Ich finde, nein!

Müssen es noch mehr Protestierende werden, damit eine Veränderung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft unumkehrbar wird?

Mehr Protestierende bedeuten mehr Druck auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Deshalb gilt wie so oft im Leben: the more the merrier. Aber viel wichtiger fände ich, dass sie auch in politische Prozesse eingebunden werden: dass sie auf Parteitage, in Redaktionen, in Bundestags-Debatten, zu Hinterzimmer-Runden, in die Chefetagen der Dax-Konzerne eingeladen werden, um dort aber dann auch bitte auf Augenhöhe mit ihnen zu sprechen und sie nicht weiterhin paternalistisch zu belehren, wie es immer noch viel zu oft passiert. Natürlich wäre es auch gut, wenn noch mehr Ältere in die Proteste einstimmen. Und es wäre wichtig, dass die vielen neu politisierten Jugendlichen ihren Protest von der Straße auch in ihre Schulen und Familien tragen und dass hoffentlich viele von ihnen in Parteien eintreten. Die Parteien schrumpfen, die Jugend ist radikal in der Unterzahl, jetzt wäre die Chance, ihre wenigen Stimmen in den Parteien zu vervielfältigen.

Wenn das Problem Klimaveränderung nicht mehr der Politik überlassen bleiben soll, welche neuen Strukturen müssen dann geschaffen werden?

Jede/r einzelne kann etwas zur Bekämpfung der Klimakrise beitragen: auf Fleisch und das Auto verzichten, nicht mehr fliegen, sich regional und saisonal ernähren, Plastik reduzieren. Das ist gut, das sind viele Anfänge, die einen Unterschied machen. Aber effektiv reduzieren lassen sich die Emissionen nur durch politische Maßnahmen. Und die müssen viel weiter gehen als das gerade beschlossene Klimapaket.

Könnte es also sein, dass das Heft des Handelns andere in die Hand nehmen müssen?

Es wäre gut, wenn die BürgerInnen breiter an der politischen Debatte beteiligt werden würden. Es gibt bereits Experimente mit Bürgerräten, die sind wichtig und gut. Andererseits hat natürlich auch jede/r BürgerIn die Chance, sich in die Politik einzumischen, indem er oder sie sich zur Wahl stellt. Damit das passiert, muss das Ehrenamt Politik wieder attraktiver werden, dafür muss Hate Speech härter bestraft werden und sich die Gesellschaft auch hinter ihre PolitikerInnen stellen, die Menschen, die für sie alle aktiv sind. Nicht nur in der Bundespolitik, sondern in jedem kleinen Dorf, jeder Gemeinde.

Wenn wirklich Änderungen her sollen, müssten wir uns alle ändern. Das ist jedoch unwahrscheinlich. Kaum einer will freiwillig verzichten. Es sei denn – was passiert?

Ich glaube nicht, dass der Mensch lernunfähig ist. Natürlich ist es möglich, Dinge zu verändern, zu verzichten. Warum nicht? Aber klar, Verzicht tut weh, auch weil wir es in unserer Konsum- und Überflussgesellschaft nicht mehr daran gewöhnt sind, auf etwas verzichten zu müssen. Außerdem steckt jede/r in Zwängen, die den Co2-Abdruck hinauftreiben. Ich glaube, es geht eher darum, sich selbst und seine Lebensweise überhaupt mal in Frage zu stellen, darüber nachzudenken, was man ändern könnte und dann Schritt für Schritt vorzugehen. So zu tun, als wollten die KlimaaktivistInnen jetzt die Menschen dazu zwingen, von einem Tag auf den anderen ihren kompletten Lebensstil über den Haufen werfen, ist doch populistischer Quatsch.

Ist eine Wende in der Klimapolitik mit demokratischen Mitteln angesichts der vielen Blockierer, Lobbyisten, Leugner und Bedenkenträger überhaupt realisierbar? Braucht es eine weltweite Ökodiktatur, um die Erde zu retten?

Angela Merkel sagt: Politik ist, was möglich ist. Greta Thunberg sagt: Politik muss tun, was nötig ist. Dazwischen liegt das demokratische Miteinander, das Streiten, Abwägen, der Kompromiss. Und ich glaube fest daran, dass dieser dazu in der Lage ist, die Klimakrise zumindest einzudämmen. Die vergangenen hundert Jahre haben diesem Land schmerzlich bewiesen, wohin Diktaturen führen: ins Verderben. Ich wüsste nicht, inwiefern eine Ökodiktatur besser sein könnte, als jede andere Diktatur. Worüber wir allerdings wieder mehr diskutieren sollten, sind Pflichten. Aktuell geht es viel um Rechte, die Rechte der Fleischesser, der SUV-Fahrer, der Vielflieger. Vielleicht sollten wir auch mal wieder über die Pflichten reden, die es in einer Demokratie auch gibt.

Wie lässt sich erklären, dass ein Mädchen aus Schweden diese Bewegung initiieren konnte, warum jetzt, da die Problemlage doch seit Jahrzehnten bekannt ist?

Ich glaube, in der Person Greta Thunberg ist alles zusammengekommen, was für einen historischen Umbruch vonnöten ist: Eine weltweite Debatte um die Klimakrise war längst überfällig, denn mit den letzten zwei Hitzesommern, den immer extremer werdenden Wetternachrichten aus der ganzen Welt, den Ernteausfällen und vertrockneten Wäldern konnte keiner mehr die Augen vor diesem Problem verschließen. Und dann sitzt da diese junge Frau mit den langen Zöpfen und mit einer so klaren und absolut unbestreitbaren Botschaft, quasi der Inbegriff jugendlicher Unschuld, und hält den Menschen den Spiegel vors Gesicht! Eine perfekte Kombination aus Zeit, Ort und Person und eine klare Botschaft an alle jungen Menschen weltweit: Jeder Mensch ist von politischer Bedeutung, jeder Mensch hat die Chance, die Welt zu verändern. Interview: Ulrich Meinhard

Der Göttinger Literaturherbst

Mareike Nieberding: „Verwende deine Jugend“, Klett-Kotta, 108 Seiten, 12 Euro.

Von Ulrich Meinhard

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