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Regional Negt und Steidl: Ein Soziologe und ein Verleger auf Spurensuche
Nachrichten Kultur Regional Negt und Steidl: Ein Soziologe und ein Verleger auf Spurensuche
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17:50 27.10.2019
„Erfahrungsspuren“: Oskar Negt beim Göttinger Literaturherbst. Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Es ist eine besondere Lesung zum 28. Literaturherbst in Göttingen. Eine Lesung, die eigentlich gar keine ist, sondern eine Spurensuche zweier außergewöhnlicher Männer. Unter dem Titel „Erfahrungsspuren“ haben am Sonntag der Sozialwissenschaftler Oskar Negt und der Göttinger Verleger Gerhard Steidl im Alten Rathaus vor etwa 250 Zuhörern über ihre gemeinsame langjährige Arbeit geplaudert und manches Nähkästchen geöffnet.

Moderiert von Stephan Lohr begaben sich Steidl auf die (Spuren)Suche nach den Anfängen ihrer gemeinsamen Arbeit vor etwa 30 Jahren, nach dem Geheimnis der perfekten Buchproduktion und nach dem politischen Wirken sozialphilosophischer Texte. Im Mittelpunkt stand natürlich ein Buch: „Erfahrungsspuren. Eine autobiographische Denkreise“. Es ist eines der beiden jüngsten Bucherscheinung des inzwischen 85-jährigen Soziologen und Philosophen Negt im Steidl-Verlag. Dort ist, neben anderen Schriften, schon die 20-bändige Werkausgabe Negts erschienen – inzwischen in einer erneut überarbeiteten Auflage.

DT-Schauspieler Florian Eppinger liest aus dem Werk von Oskar Negt. Quelle: Peter Heller

„Das braucht Vertrauen“

„Und das ist gut so“, sagt Negt, erkennbar krankheitsbedingt angeschlagen, aber im Geiste hellwach, schlagkräftig und pointiert, wie ihn manche älteren Besucher den Soziologen und Sozialwissenschaftler aus seinen früheren Vorlesungen in Hannover noch kennen. Er macht keinen Hehl daraus, dass seine eigene wissenschaftliche Schreibe mitunter für Normalleser schwere Kost ist und erst durch einen guten Lektor „verständlich“ wird. „Das braucht Vertrauen, gegenseitige Anerkennung und Respekt voreinander – frei von jedem Narzismus“, sagt Negt. „Dann kommt etwas Gutes dabei heraus“, fügt er an und meint damit seine frühere gemeinsame Arbeit mit Co-Autor Alexander Kluge und dann mit Steidl und seinem Team.

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Vom Kleinbauern-Kind zum Professor:

Der Sozilphilosoph: Oskar Negt

Oskar Negt wurde 1934 auf einem Gut nahe Königsberg als jüngstes von sieben Kindern geboren. Er stammt aus einer Familie von Kleinbauern und Arbeitern. Negt floh 1945 mit zwei Schwestern nach Dänemark, wo er zweieinhalb Jahre lang getrennt von den Eltern mit den beiden Schwestern in einem Flüchtlingslager lebte, ehe er nach Niedersachsen übersiedelte. Nach dem Besuch der Oberrealschule in Oldenburg begann Negt zunächst ein Studium der Rechtswissenschaften in Göttingen, wechselte dann nach Frankfurt am Main, wo er bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno Soziologie und Philosophie studierte. 1962 promovierte er mit einer Dissertation über den Gegensatz von Positivismus und Dialektik. Von 1962 bis 1970 war er Assistent von Jürgen Habermas an den Universitäten in Heidelberg und Frankfurt am Main; 1970 wurde er auf den Lehrstuhl für Soziologie der Technischen Universität Hannover, inzwischen Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover, berufen, an der er bis zu seiner Emeritierung 2002 lehrte. (Quelle: Wikipädia)

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Er habe Negts Vorlesungen Ende der 1980er-Jahre „inkognito“ in Hannover besucht „und eigentlich nichts verstanden“, verriet Steidl entwaffnend ehrlich. „Instinktiv“ aber habe er sich aber weiter für Negt interessiert. Als schließlich ein Radiomoderator Theorien von Negt medienkonform erläuterte, „habe ich ihn zum ersten Mal verstanden“. Kurz darauf erschien mit „Kältestrom“ das erste Negt-Büchlein im Steidl-Verlag.

Es folgten viele weitere und das „Buch“ wurde zum verbindenden Element der beiden ganz unterschiedlichen Männer: für den einen als erfolgreicher Wissenschaftler und Autor, für den anderen als Verleger. Bücher seien der eigentlich privilegierte Gegenstand seines Lebens, so Negt – „abgesehen von meiner Frau und meiner Tochter“. Bücher seien das prägende Element seiner Lebensgeschichte vor allem in den schweren Anfangsjahren mit der Kindheit auf einem Kleinbauernhof, Flucht und Lager in Dänemark.

Signierstunde: Oskar Negt mit Fans, Steidl (2. v.r.) und Stephan Lohr (R). Quelle: Peter Heller

„Gefühlte“ Bücher

Diese große Liebe zum Buch prägt auch die langjährige Arbeit zwischen dem Sozialphilosophen und Verleger. So sachlich der Marketingstratege Steidl über ein gutes Buch „mit perfektem Inhalt, sorgfältiger Bearbeitung und schön produzierter“ Hülle dozierte, so liebevoll-emotional beschreibt er das Gefühl, ein Buch in der Hand zu halten und darin zu blättern.

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Diese Ansprüche stecken auch im jüngsten Buch „Erfahrungsspuren“, in dem Negt vor allem seine schwere Kindheit und Jugend aufarbeitet und damit zugleich grundsätzliche Fragen zum autobiografischen Schreiben, zur persönlichen Identität und gesellschaftliche Orientierung aufgreift. Wie gut – und vor allem verständlich - ihm das gelingt, konnten die Zuhörer live erleben. An Stelle von Negt las der Schauspieler Florian Eppinger vom Deutschen Theater Passagen daraus vor, und zum Abschluss aus dem deutlich politischerem Buch „Arbeit und menschliche Würde“ von 2001: eine schonungslose Analyse der Globalisierung als perfide Form des Kapitalismus, die heute aktueller scheint denn je.

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Gerhard Steidl. Quelle: Peter Heller

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Ein großer Kunst-Freund:

Der Verleger: Gerhard Steidl

Gerhard Steidl, geboren 1950 in Göttingen, gründete 1968 seinen eigenen Verlag und richtete in Göttingen eine Siebdruckwerkstatt für Druckgrafik und Plakate ein. Er arbeitete unter anderem mit Künstlern wie A.R. Penck, Klaus Staeck und Joseph Beuys. Das erste Buch im Steidl Verlag erschien 1972. Nach politischen Sachbüchern folgen Anfang der achtziger Jahre Literatur, Kunst- und Fotografiebände. Seit 1996 verlegt Steidl ein eigenes Fotobuchprogramm – mit internationaler Zielrichtung. 1993 begann eine enge Zusammenarbeit mit Karl Lagerfeld und Günter Grass. Auf Steidls Initiative entstand das Grass-Haus in Göttingen, in dem vielfältige Ausstellungen geplant sind.

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