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Regional Ulrich Woelk lässt die 60er Jahre aufleben
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17:00 04.10.2019
Der Schriftsteller Ulrich Woelk. Quelle: R
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Göttingen

In seinem neuen Roman erzählt Ulrich Woelk aus der Sicht des elfjährigen Tobias über die Zeit rund um die erste Mondlandung. Tobias lebt mit seinen Eltern am Stadtrand von Köln. Während er die Apollo-Mission verfolgt trübt sich die harmonische Ehe seiner Eltern ein und als im Nachbarhaus ein linkes, engagiertes Ehepaar einzieht, beschleunigen sich die Dinge. Woelk liest beim Göttinger Literaturherbst am Freitag, 25. Oktober, um 19 Uhr in Hardegsen aus seinem neuen Roman.

Ihr neuer Roman „Der Sommer meiner Mutter“ spielt 1969. Wie entstand die Idee von den 60er Jahren zu erzählen?

Ich habe mich als Autor schon einige Male mit Raumfahrt und der Mondlandung befasst, in Essays oder in einem Hörspiel über Wernher von Braun. Die Idee zu dem Roman kam mir dann vor gut zwei Jahren auf einer USA-Reise. Wir hatten eine totale Sonnenfinsternis gesehen, ein wirklich beeindruckendes Himmelsschauspiel von Sonne und Mond. Ob der Einfall damit zusammenhing, weiß ich natürlich nicht, aber es ist eine schöne Koinzidenz. In Wirklichkeit weiß man nie, wo und wie in einem neue Ideen entstehen, sie kommen eben. Jedenfalls fand ich es sofort sehr spannend, eine Geschichte in den 60er Jahren zu erzählen.

Die Mondlandung nimmt in ihrem Buch eine wichtige Rolle ein. Haben sie selbst Erinnerungen an diese Zeit?

Ja, deswegen fand ich den Stoff erzählerisch so reizvoll. Meine Erinnerungen sind die eines Jungen, und aus dieser Perspektive habe ich den Roman dann auch erzählt. Der 11-jährige Tobias ist von der Mondlandung fasziniert, und das ja durchaus zurecht. Es ist unglaublich faszinierend, wie die Menschheit innerhalb von nur hundert Jahren den Sprung von Pferdekutschen und Ochsenkarren zur Mondfähre geschafft hat. Einen vergleichbaren Technologiesprung hat es vorher nie gegeben. In der gleichen Zeit haben sich die Rollenbilder von Frau und Mann allerdings kaum verändert. Dieser erstaunliche Widerspruch ist ein zentrales Element meiner Geschichte. Die sechziger Jahre waren modern und rückständig zugleich.

Sie sind nicht nur Schriftsteller, sondern auch Astrophysiker. Hatten Sie schon länger die Idee, Fakten der Astrophysik und eine fiktive Geschichte zu verbinden?

Viele meiner Romane greifen naturwissenschaftliche Aspekte auf, aber der wichtigste Kontext ist fast immer die Zeitgeschichte. So ist es auch bei „Der Sommer meiner Mutter“. Vor dem Hintergrund der Mondlandung geht es eigentlich um Moralvorstellungen und Sexualität. Die 60er Jahre waren die Zeit der sogenannten sexuellen Revolution, also dem Ruf nach einer freieren Moral. In der Praxis, so viel wissen wir inzwischen, hat das meistens nicht besonders gut funktioniert, aber gerade das macht es erzählerisch spannend. Unsere Einstellung zur Sexualität ist kein Schalter, den man per Knopfdruck von gehemmt auf frei umstellen kann. Sie ist ein Teil unserer Persönlichkeit. In meinem Roman geht es am Ende nicht um Politik oder Technik, sondern um Emotionen. Um menschliche Enttäuschungen und Verletzungen.

Der erste Satz ihres Romanes lautet „Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben." Ein erster Satz, der das Ende, beziehungsweise eine Tragödie ankündigt, ist immer ein Risiko. Haben Sie diesen ersten Satz schon einmal bereut?

Nein, gar nicht. Im Innersten versuche ich in dem Roman, über meine Mutter zu schreiben, und das ist es, was der Satz erzählt. Er ist nicht autobiographisch, aber meine Mutter ist sehr früh gestorben. Da war ich noch zu jung, mich zu fragen, wer ist sie eigentlich? Was ich sicher glaube, ist, dass sie Fähigkeiten und Begabungen hatte, die sie nie verwirklicht hat, und das ist es, was sie mit meiner Romanheldin verbindet. Einmal hat sie Noten aufs Klavier gestellt und angefangen Mozart zu spielen. Da war ich völlig verblüfft, das hatte sie noch nie getan. Ich wusste gar nicht, dass sie das konnte. Wie es wirklich in ihr aussah, das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Da kommt dann die Fantasie des Schriftstellers ins Spiel. Und so stellt sich im Buch heraus, dass die Mutter verblüffend gut Englisch kann und in der Lage ist, Romane zu übersetzen.

Wie haben Sie für den Roman recherchiert?  

Ich habe die Geschichte ganz bewusst am Stadtrand von Köln angesiedelt, weil ich dort aufgewachsen bin. Dadurch konnte ich mich sehr auf meine Erinnerungen stützen. Es taucht vieles auf, was damals dazugehörte: die moderne Resopaleinbauküche, die toupierten Frauenfrisuren, der Schwarzweißfernseher im Wohnzimmer, Kaffeetrinken und Krocketspielen am Sonntagnachmittag. Ich habe mir die alten Fotoalben angesehen und die Schmalfilme, die mein Vater gedreht hat. Und was die Mondlandung angeht, so kann man sich die damalige 24-stündige Sondersendung in einem Zusammenschnitt auf Youtube ansehen. Das ist in jedem Fall empfehlenswert: eine unglaubliche Reise in ein völlig anderes Fernsehzeitalter. Da begreift man, wie sehr sich die Medien verändert und weiterentwickelt haben. Und das heißt ja letztlich auch: die Welt.

„Der Sommer meiner Mutter“ hat es auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. Welche Rolle spielt so eine Nominierung für Sie?

Ich habe mich gefreut. Man muss es nur von Anfang an professionell, das heißt ohne weitere Erwartungen nehmen, und das kann ich inzwischen ganz gut.

Sie lesen beim Göttinger Literaturherbst in Hardegsen. Gehen sie gern auf Lesetour? Lesen sie lieber oder unterhalten sie sich lieber über ihr Buch?

Wenn es nicht zu viel wird, lese ich gern. Schreiben ist eine recht einsame Tätigkeit, und da ist es ganz schön, von Zeit zu Zeit mal rauszukommen. Ich höre auch oft, dass es den Leuten gefällt, wenn ich vorlese, und das freut mich. Gespräche über das Buch können so und so sein. Offenbar zwangsläufige Fragen wie die nach dem autobiographischen Hintergrund, oder warum man schreibt, sind manchmal ein bisschen ermüdend, aber ich versuche schon, allen gerecht zu werden. Ich kann mich ja nicht vor ein Publikum setzen und mich gleichzeitig verstecken wollen. Also versuche ich, so präsent wie möglich zu sein, und bisher habe ich damit fast immer positive Erfahrungen gemacht.

Zur Person

Ulrich Woelk, geboren 1960, studierte Physik und Philosophie in Tübingen. Er erhielt mehrfach Stipendien des Deutschen Literaturfonds und der Stiftung Preußische Seehandlung. Sein erster Roman „Freigang“ erschien 1990 und wurde mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet.

Seine Bücher beschäftigen sich häufig mit der deutschen Gegenwart und Geschichte, beispielsweise „Die letzte Vorstellung“ mit der Ermordung eines fiktiven RAF-Terroristen. Genauso beschäftigt er sich aber auch mit der Rolle der Naturwissenschaften und des Naturwissenschaftlers in der Moderne (Einstein on the Lake). In seinem Sachbuch Sternenklar erklärt ein Vater und Astronom seiner Tochter allgemeinverständlich die moderne Astronomie und Kosmologie.

Für sein Romanprojekt „Für ein Leben“ wurde Woelk 2019 der Alfred-Döblin-Preis, der unveröffentlichte Prosa auszeichnet, zuerkannt.

Woelks Werk umfasst Romane, Theaterstücke, Hörspiele und Essays. Woelk lebt als freier Schriftsteller und Dramatiker in Berlin.

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