Göttinger Literaturwissenschaftler Heinrich Detering beantwortet Fragen zu Bob Dylan
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Regional „In Bob Dylans Werk ist Religion allgegenwärtig“;
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Göttinger Literaturwissenschaftler Heinrich Detering beantwortet Fragen zu Bob Dylan

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15:05 22.05.2021
Bob Dylan, US-amerikanischer Singer-Songwriter feiert am 24. Mai seinen 80. Geburtstag (Archivfoto).
Bob Dylan, US-amerikanischer Singer-Songwriter feiert am 24. Mai seinen 80. Geburtstag (Archivfoto). Quelle: Jim Lo Scalzo/dpa
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Göttingen

In den Songs von Bob Dylan hat Religion nach Worten des Literaturwissenschaftlers Heinrich Detering eine zentrale Bedeutung. Sie sei dort so allgegenwärtig wie in der amerikanischen Songtradition, auf die sich der Musiker und Literaturnobelpreisträger beziehe, sagte er anlässlich von Dylans 80. Geburtstag am 24. Mai. Mit dem Evangelischen Pressedienst sprach Detering auch darüber, warum Dylan der Inbegriff eines Singer-Songwriters ist – und warum er auf der Konzertbühne nicht redet.

epd: In Dylans Songs finden sich viele biblische Bezüge. Welche Rolle spielt Religion in seinem Werk?

Detering: Religion gehört ja von vornherein zu den amerikanischen Songtraditionen, aus denen Dylans Werk hervorgeht und auf die es sich immer wieder rückbezieht. In den frühen Songs aus der Bürgerrechtsbewegung sind es prophetische Visionen der Bibel, die er etwa in „When the Ship Comes In“ oder „A Hard Rain 's A-Gonna Fall“ aufnimmt. In der Zeit seiner christlichen Bekehrung entdeckt er die Evangelien neu; von da aus wendet er sich gewandelt seiner jüdischen Herkunft zu. Und immer geht das mit spezifischen Songtraditionen einher, vom Blues bis zu Weihnachtsliedern, vom Gospel bis zu chassidischen Gesängen. Religion ist in Dylans Werk so allgegenwärtig wie im American Songbook.

epd: Was ist das Besondere an Dylans Musik und seiner 60-jährigen Karriere ?

Detering: Wenn man sieht und hört, mit welchem Einfallsreichtum und welcher Fülle unterschiedlichster Ausdrucksformen Dylan in diesen sechs Jahrzehnten Songs geschrieben und aufgeführt hat, dann begreift man, warum er für so viele Menschen der Inbegriff des „Singer-Songwriters“ geworden ist. Auch seine dichterische Begabung geht ja ganz in die Songs ein, in dieses Wechselspiel zwischen seiner amerikanischen Traditionsbindung und seiner immer wieder verblüffenden Kreativität. Dylan, der „Song-and-Dance-Man“, hat sich in sechs Jahrzehnten fortwährend gewandelt, und er ist sich und seiner Kunst gerade damit immer treu geblieben.

epd: Haben Sie eine Erklärung dafür, dass sich Dylan in der Öffentlichkeit - auch bei seinen Konzerten - extrem ungern äußert, andererseits aber auf Konzertbühnen ständig öffentlich präsent ist?

Detering: Eigentlich äußert sich Dylan gar nicht so selten, wie man es ihm nachsagt. Immerhin umfassen die Interviews, die der große Schweiger in sechs Jahrzehnten gegeben hat, im Druck über 1500 Seiten. Eine kleine Auswahl daraus habe ich jetzt zum Geburtstag in deutscher Sprache zusammengestellt. Da hört man einen manchmal erstaunlich offenen und zugewandten Dylan. Aber es stimmt, dass er seit Jahren in Konzerten nicht mehr redet. In einem Interview hat er auf diese Frage mal geantwortet, er hätte seinem Publikum nichts zu sagen, was er nicht besser durch seine Songs sagen könne.

Von Holger Spierig