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Regional Fontane-Fan Gabriele Radecke entschlüsselt Notizbücher
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17:53 30.08.2019
Die Göttinger Wissenschaftlerin Gabriele Radecke forscht seit vielen Jahren über Fontane. Quelle: Klaus-Peter Moeller
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Göttingen

Das Jahr 2019 ist Fontane-Jahr. Der meistgelesene deutsche Romancier des 19. Jahrhunderts wurde vor 200 Jahren geboren. Zu seinen größten Fans zählt die Literaturwissenschaftlerin Dr. Gabriele Radecke, bei der im Jubiläumsjahr viele Fäden zusammenlaufen. Radecke, die als führende Fontane-Forscherin gilt und Sprecherin des wissenschaftlichen Beirates im Fontane-Jahr ist, leitet die Theodor-Fontane-Arbeitsstelle, die zum Lehrstuhl von Prof. Dr. Heinrich Detering an der Universität Göttingen gehört.

Gegründet wurde die Fontane-Arbeitsstelle im Januar 2010, um längerfristige Editionsprojekte interdisziplinär zu erarbeiten und zu koordinieren. Als unabhängige Forschungseinrichtung wird sie durch Drittmittel finanziert. Das habe viele Projekte und auch Nachwuchsförderung ermöglicht, sagt Radecke, sorgt sich aber um die Zukunft, da die Forschungsstelle in Kürze ausläuft. Ohne eine nachhaltige Perspektive drohe viel Kompetenz, Know-how und Infrastruktur verloren zu gehen.

Notizbücher werden digitalisiert

Aktuelle Digitalisierungsprojekte sind die Gesamtedition von Fontanes Notizbüchern sowie die Große Brandenburger Ausgabe (GBA) der Werke und Briefe. Letztere wurde 1994 von Dr. Gotthard Erler begründet – als erste kritische und kommentierte Fontane-Studienausgabe in historischer Textgestalt. Fortgeführt wird die GBA unter wissenschaftlicher Leitung von Radecke und Detering. In Planung ist nach dem autobiografischen, dem reiseliterarischen und dem kritischen Werk die Abteilung „Briefe“.

Bislang nur in Teilpublikationen, die textkritischen Standards nicht gerecht werden, sind Fontanes 67 Notizbücher erschienen. Sie enthalten Tagebuchaufzeichnungen, Briefkonzepte, poetische Pläne, Vortragsmitschriften, Entwürfe zu Theater- und Kunstkritiken, Notizen und Zeichnungen. Der wissenschaftliche Titel des Digitalisierungsprojektes lautet „Genetisch-kritische und kommentierte Hybrid-Edition von Theodor Fontanes Notizbüchern basierend auf einer virtuellen Forschungsumgebung“.

Neue Erkenntnisse über Fontane

Für jemanden, der Fontane nur aus der Schullektüre von „Effi Briest“ oder „Irrungen, Wirrungen“ kennt oder das Gedicht „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ auswendig lernen musste, klingt das sehr abgehoben. Für Radecke, die über Fontane promoviert hat, ist es ein hochinteressantes Projekt, dessen Ergebnisse kostenlos ins Internet gestellt würden. Die Notizbücher würden unbekannte Details zutage fördern. Einiges, was bisher als Fakt gegolten habe, würde widerlegt, Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ müssten neu bewertet werden.

Die Werke des in Neuruppin geborenen Dichters sind für die Wissenschaftlerin alles andere als verstaubte Schullektüre. Als Wahrnehmungsgenie habe Fontane eine ungeheure Vielfalt von Eindrücken verarbeitet, die mehr an die Digital Natives von heute als an den Bürger des 19. Jahrhunderts erinnern würden. Seine Art, zu reisen und darüber zu schreiben, sei heute noch zeitgemäß: „Er propagierte Reisen auch als geistige Lebensform, betonte die Aufgeschlossenheit für das andere, das Fremde – bei gleichzeitiger Selbstvergewisserung durch den Vergleich, mit dem man das Eigene schärfer sieht.“ Von „Effi Briest“ und den dort dargestellten Ehrenkodizes schlägt Radecke einen Bogen zur Aktualität von Ehrenmorden.

Gabriele Radecke ist schon in jungen Jahren fasziniert von Fontane gewesen. Quelle: Regine Buddeke

Die Liste der Termine und Reisestrecken, die Radecke im Jubiläumsjahr zu bewältigen hatte und hat, ist noch länger als die üppige Liste ihrer Publikationen. Am 18. September um 19.30 Uhr hält sie einen Fontane-Vortrag in Bad Harzburg im Braunschweiger Hof , am 19. Oktober um 15 Uhr eröffnet sie im Kulturwissenschaftlichen Zentrum der Göttinger Uni die Fotoausstellung „Brandenburger Notizen: Fontane – Krüger – Kienzle“.

Als Wurzeln ihrer Faszination für Fontane nennt Radecke die Bibliothek ihrer Eltern und ihr erstes Praktikum als Studentin am Fontane-Archiv in Potsdam. Von der Authentizität und Disziplin Fontanes könne man viel lernen, sagt die gebürtige Berlinerin. Als sie 2017 mit dem Preis des Stiftungsrats der Universität Göttingen ausgezeichnet wurde, hieß es in der Laudatio, durch die wegweisende Verbindung konventioneller und digitaler Methoden bei der Edition des Werks von Theodor Fontane sei es ihr gelungen, unter Einhaltung höchster wissenschaftlicher Standards ihre Forschung anschaulich einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Im Interview mit der „Welt“ hat sie Fontane als Freelancer und Netzwerker bezeichnet. Trotz vieler Verpflichtungen und einer Familie mit vier Kindern habe er nie sein Ziel aus den Augen verloren, ein anerkannter, viel gelesener Schriftsteller zu werden: „Das muss ihm erst mal jemand nachmachen.“

Von Kuno Mahnkopf

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