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Regional „Gundermann“-Regisseur spricht über seine Filme und die Wendezeit
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16:07 29.10.2019
Regisseur Andreas Dresen hat beim Göttinger Literaturherbst über seine Lebensgeschichte und seinen Film “Gundermann"gesprochen. Quelle: Swen Pförtner
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Göttingen

Der Andrang zur letzten Veranstaltung des Göttinger Literaturherbstes im ZHG war noch einmal groß. Seit „Nachtgestalten“ hätten sie im Lumiere alle Filme von Andreas Dresen gezeigt, erzählt der Programmplaner des Kinos Helge Schweckendiek einleitend. Nur der Regisseur selbst sei dort noch nicht zu Gast gewesen – höchste Zeit, wie das folgende Gespräch eindrucksvoll zeigte.

Gespräch mit Andreas Dresen beendet den Göttinger Literaturherbst

Dresen wurde 1963 in Gera geboren und wuchs in Schwerin in einer Theaterfamilie auf. Seine Mutter sei früh alleinerziehend gewesen. So habe er den Alltag in Theaterkantinen erlebt und sei früh auf sich allein gestellt gewesen, erzählt Dresen. Von seinem Vater bekam er eine alte AK 8-Schmalfilmkamera geschenkt, mit der er erste Filmversuche machte. In einer Firma mit eigenem kleinen Filmstudio sei er an Filmmaterial gekommen und habe fortan erste eigene Filme gedreht.

An der Filmhochschule in Potsdam-Bebelsberg begann Dresen 1986 sein Studium. Dort traf er auf den späteren Politiker Lothar Bisky, der als Rektor der Hochschule „Dinge möglich machte, die vorher nicht denkbar waren“, so Dresen. Diese Freiräume habe er genutzt und eine glückliche Zeit an der Schule gehabt.

Aufregende Wendezeit

Die folgende Wendezeit sei aufregend für ihn gewesen. Am 9. Oktober 1989 habe es zeitgleich mit der Demonstration in Leipzig an der Hochschule eine Vollversammlung gegeben, in der Bisky alle Kameras freigegeben, dies aber an die Vertrauensfrage seitens der Studenten geknüpft habe. Für Dresen ein berührender Moment, denn er habe das erste Mal gefühlt, was Demokratie bedeute. Nach der Maueröffnung sei das Brandenburger Tor auf einmal ein Tor gewesen, durch das er auf die andere Seite gehen konnte. Der Moment war prägend für ihn und habe seinen Entschluss gefestigt, fortan nie mehr auf Autoritäten zu hören.

Sein erster Film „Stilles Land“, der 1989 die Wirren der Wende auf ironische Weise in einem kleinen Theater in Anklam zeigt, sei kein Publikumserfolg gewesen. Niemand habe zu der Zeit ein besoffenes Theaterensemble und verrauschte Fernsehbilder sehen wollen, so Dresen humorig. Der Episodenfilm „Nachtgestalten“ über eine verregnete Nacht in Berlin habe ihn und den Produzenten Peter Rommel dann fast in den Ruin geführt, bis Letzterem die Idee kam, den Film bei der Berlinale anzumelden. Dort feierte er dann 1999 überraschend seine umjubelte Uraufführung. Wenn das damals nicht passiert wäre, würde er wohl heute hier nicht sitzen, ergänzt Dresen mit einem Lächeln.

Baggerführer und Liedermacher

Der Regisseur liebe wohl die Menschen und die Menschen ihn, so Schweckendiek mit Hinweis auf dessen Umgang mit den Schauspielern. Dresen, von Regisseuren wie Ken Loach beeinflusst, interessieren die kleinen Leute, die in den Medien kaum vorkommen. So auch in „Gundermann“, der im Anschluss gezeigt wurde.

Gundermann sei mit seiner bodenständigen Lyrik ein genialer Liedermacher gewesen, der sein Geld jedoch als Baggerführer im Braunkohletagebau mit seiner Hände Arbeit verdienen wollte. Er hatte zeitlebens mit seiner Stasizugehörigkeit zu kämpfen, so Dresen. Auf die habe er sich in der Naivität seines politischen Willens, die Welt und die Stasi besser zu machen, eingelassen, ohne letztendlich wirklich Jemanden zu schaden. „Hier bin ich geboren“ singt Gundermann zum Ende des Films.

„Die Diktatur führe manchmal zur Blüte der Kunst“ sind Dresens letzte Worte. Seinen klugen, pointierten wie auch unterhaltsamen Ausführungen hätten die Besucher sicher noch stundenlang weiter lauschen können - ein mehr als würdiger Abschluss des Göttinger Literaturherbstes.

Nach der Wende mit Filmen durchgestartet

Der in Gera geborene Sohn des Theaterregisseurs Adolf Dresen und der Schauspielerin Barbara Bachmann Andreas Dresen ist seit 1992 als freier Autor und Regisseur tätig und hat seit 2018 die Professur für Filmschauspiel an der Hochschule für Musik und Theater Rostock inne. Seit 1996 arbeitet der mit vielen Filmpreisen ausgezeichnete Dresen auch für verschiedene Bühnen. 2013 wurde er in die Wettbewerbsjury der 63. Internationalen Filmfestspiele von Berlin berufen.

Mit seinem ersten Kinofilm „Stilles Land“ (1991/92) reflektierte Dresen in ironischer Weise die Wirren der Wende in einem Kleinstadttheater in Anklam. Neben dem in sechs Kategorien mit dem Deutschen Filmpreis 2019 ausgezeichneten „Gundermann“ gehören die ohne Kunstlicht und festes Drehbuch mit der Handkamera an Originalschauplätzen gedrehte Tragikomödie „Halbe Treppe“ aus dem Jahr 2002 und die melancholische Sozialkomödie über Liebe, Freundschaft, Solidarität, Arbeitslosigkeit und Einsamkeit „Sommer vorm Balkon“ aus dem Jahr 2004 zu seinen bekanntesten Filmen.

Von Jörg Linnhoff

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