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Regional Geistreiche musikalische Dialoge: Oberlinger und Cummings in der PS.Halle
Nachrichten Kultur Regional Geistreiche musikalische Dialoge: Oberlinger und Cummings in der PS.Halle
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12:49 22.05.2019
Gleichberechtigte Partner: Cembalist Laurence Cummings und Blockflöten-Virtuosin Dorothee Oberlinger 
Gleichberechtigte Partner: Cembalist Laurence Cummings und Blockflöten-Virtuosin Dorothee Oberlinger  Quelle: Michael Schäfer
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Einbeck

Das Konzert war eine Premiere. Zum ersten Mal haben die Internationalen Göttinger Händel-Festspiele die Einbecker PS.Halle genutzt. Mit diesem Bau hat die „Bier- und Fachwerkstadt“, wie sich Einbeck gern nennt, ein veritables Kulturzentrum bekommen, das nun seine Festspiel-Feuertaufe bestanden hat. Das aus Einbeckern und angereisten Göttinger Festivalbesuchern gemischte Publikum war sehr angetan von dem ungewöhnlichen Flair – hier exquisite Barockmusik, dort hochherrschaftliche, liebevoll auf Hochglanz polierte Achtzylinder aus der Frühzeit der Automobilgeschichte.

Mit einem ernsten, reich verzierten Ground – so heißt die Chaconne auf Englisch – von Godfrey Finger eröffneten Oberlinger und Cummings den Abend unter dem Motto „Händel & Co.“. Quantitativ überwogen sogar die Kompagnons: Neben zwei Händel-Sonaten standen Kompositionen von Corelli, Purcell und Telemann auf dem Programm. Selbstverständlich konnte sich Händel in diesem Umfeld qualitativ sehr wohl behaupten – doch zusammen mit dem italienischen Zierrat eines Corelli, dem ländlich-folkloristischen Charme der schottischen und irischen Stücke von Purcell sowie der Anmut der Telemannschen Kompositionen ergab das eine wunderbar abwechslungsreiche, stilistisch vielfarbige Programmfolge.

Instrument passend zum musikalischen Wesen des Stückes

Dorothee Oberlinger hatte ein ganzes Arsenal von Blockflöten mitgebracht. Sie besitze an die hundert Instrumente, hat sie 2011 in einem Gespräch gesagt – es dürften also heute wohl noch ein paar mehr sein. So kann sie stets ein Instrument passend zum musikalischen Wesen des Stückes aussuchen: hell timbrierte mit spitzigem Ton für brillant tänzerische Sätze, sanftere, im Charakter weichere für ausdruckstiefe, gesangliche Werke. Dementsprechend geht sie auch mit der Verzierungstechnik um. Dank ihrer hochvirtuosen Finger- und Blastechnik kann sie selbst in einen Presto-Satz noch hier ein, zwei kapriziöse Trillerchen, dort eine verbindende wieselflinke Tonleiter einbauen, während sie in getragenen Tempi dem Ton selbst Leben verleiht, etwa durch ein sparsames, aber gerade deshalb besonders ausdrucksstarkes Vibrato oder (nur einmal) durch einen Glissando-Übergang von einem Ton zum nächsten, ein sehr ungewöhnliches Stilmittel, das den besonderen Charakter einer solchen Stelle nachdrücklich unterstreicht.

Ausgefeilte Dramaturgie

Cummings ist beileibe nicht nur ein braver Begleiter, sondern lässt seine eigene musikalisch starke Persönlichkeit im Zusammenspiel durchaus hervortreten. Beide, Oberlinger und Cummings, sind gleichberechtigt, bringen Ideen ein, reagieren aufeinander, verhalten sich wie kultivierte Gesprächspartner im geistreichen Dialog. Alles unterliegt einer ausgefeilten Dramaturgie: Auch minimale Zäsuren oder kleine Verzögerungen geschehen stets gemeinsam, selbst die Pausen zwischen den Sätzen sind perfekt abgemessen, sodass die musikalische Spannung nirgends abbricht.

Das ausgedruckte Programm ergänzten Oberlinger und Cummings durch Händels populäre Arie „Lascia qu’io pianga“ aus „Rinaldo“, vom Händel-Zeitgenossen William Babell als virtuos verziertes Cembalosolo arrangiert, das die beiden Musiker auf dem Podium wiederum für Flöte und Cembalo bearbeitet hatten. In ihrer ersten Zugabe – einer Gavotte von Torelli – griffen sie noch einmal zu einer Babell-Bearbeitung. Als der Beifall dann immer noch nicht enden wollte, beschlossen sie den Abend mit einem ruhigen Satz aus Händels Blockflötensonate in C-Dur: eine zärtliche Geste zum Abschied.

Von Michael Schäfer

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