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Regional Handkes „Kaspar“ in der Regie von Robert Ciulli
Nachrichten Kultur Regional Handkes „Kaspar“ in der Regie von Robert Ciulli
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18:04 01.07.2011
Götzenbild auf dem Altar: Kaspar (Maria Neumann), inzwischen mit aufgezwungener Weiblichkeit.
Götzenbild auf dem Altar: Kaspar (Maria Neumann), inzwischen mit aufgezwungener Weiblichkeit. Quelle: Köhring
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Göttingen

Es geht um Gewalt und Machtausübung durch Sprache, die Einsager zwingen Kaspar zum Nachsprechen von Sätzen und formen damit seine Identität. Dass es aber auch ganz konkret Geschlechter-Rollen sind, die anerzogen, aufgezwungen werden – das zeigt Ciullis Inszenierung.

Maria Neumann spielt Kaspar. Am Anfang erscheint die Titelfigur als androgynes Wesen, erst im Lauf des Stücks formt sich durch den Einfluss der Einsager die weibliche Identität: Sie wird äußerlich zu jener Puppe, die die Männer zu Beginn angekleidet haben.

Doch lebt das Stück in besonderem Maße von dem Widerstand der Figur: Der Regisseur setzt deutliche Kontraste zwischen der Bedeutung der Worte und dem Tonfall, in dem Kaspar sie spricht. Seit 1987 spielt die heute 51-jährige Neumann diese Rolle. Denn die Inszenierung ist in 24 Jahren immer wieder vom Theater an der Ruhr aufgenommen worden. Von 1987 bis 1993 war sie Teil des Repertoires, 1999 kam es zur ersten Wiederaufnahme.

Dass Sprache das gesamte Ordnungssystem einer Gesellschaft vermittele, dieses zentrale Thema des Stücks und der Inszenierung sei „von ungeminderter Aktualität“, sagte Dramaturg Helmut Schäfer damals in einem Interview. Und auch in der Folgezeit hat das gesellschafts- und sprachkritische Stück nichts an Aktualität verloren.

Wegen der großen Nachfrage nahm man es 2009 erneut auf, holte für die aktuelle Spielzeit schließlich ein weiteres Mal hervor. In der ganzen Welt gastierte die Produktion schon, war etwa in Mailand und Tunis zu sehen. Wenn möglich, würde man bei Auslandsauftritten auf eine Übersetzung verzichten, erzählte Ciulli am Donnerstag im Anschluss an die Vorstellung in Göttingen. Nur, wenn es gewünscht werde, übertrage man den Text, ansonsten würden Übertitel eingeblendet. Im Lauf der Jahre hat sich die Inszenierung kaum verändert. Ob er je in Erwägung gezogen habe, das Stück zu aktualisieren, will jemand aus dem Publikum vom Regisseur wissen, der sich gemeinsam mit den Schauspielern den Nachfragen stellte. Doch das ist für ihn nie in Frage gekommen. Ein Buch bleibe ja auch unverändert, sagt er.

Was sich geändert hat, ist die Besetzung. Neben Maria Neumann ist nur Volker Roos in der Rolle eines Einsagers seit der Uraufführung dabei. Die Inszenierung ist komplex, verschiedene semantische Ebenen laufen nebeneinander. Dabei findet die Regie zu einer ganz eigenen visuellen Umsetzung.

Handkes Vorlage besteht beinahe ausschließlich aus dem Nebeneinander- und Ineinandergreifen von sprachlichen Ebenen, Ciulli setzt auch auf starke Bilder: Die Einsager ziehen Kaspar nackt aus, legen ihn auf einen Untersuchungstisch, um ihm Strumpfhose, Kleid und Stöckelschuhe überzustreifen. Am Ende bedecken sie ihn mit einem weißen Tuch, das wie ein Leichentuch wirkt, und waschen sich die Hände. Sozialisation und Zerstörung von Individuation erscheinen hier gekoppelt.

Den kulturpessimistischen Gehalt des Stückes übersetzt der Regisseur in einem zweiten Teil in beeindruckende optische Bühnenabläufe. Opulent inszeniert er den vermeintlichen Zivilisationsprozess um Kaspar als Rückschritt in die Barbarei. Das Motiv der tierischen Laute aus Handkes Vorlage greift er auf, ergänzt es um Bilder des Verfalls und der Entfremdung und lässt das Ganze als Hintergrundpanorama durchscheinen, vor dem der goldene Götze, in den Kaspar sich verwandelt hat, in sich zusammenbricht.

Von Telse Wenzel