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Regional Hans Belting schreibt Faces - eine Geschichte des Gesichtes
Nachrichten Kultur Regional Hans Belting schreibt Faces - eine Geschichte des Gesichtes
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18:22 16.06.2013
Unterwegs auf unwegsamen und abgelegenen Wegen: Hans Belting.
Unterwegs auf unwegsamen und abgelegenen Wegen: Hans Belting. Quelle: EF
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Doch das großartige Buch ist mehr als ein Winken in Richtung der schwer fassbaren und unscharfen Geschichte des „Bildes aller Bilder“, es umfängt das Gesicht von allen Seiten, es kreist seine Bedeutungen und Geschichten ein und geht auch den unwegsamen oder abgelegenen Wegen  nach.

Belting hat sich ein Thema gewählt, dessen Bedeutung für Bildlichkeit und Abbild, für Bildtradition und Ikonologie grundlegend ist und in der Kunstgeschichte doch noch nie so betrachtet worden ist. Kein anderer Teil des Menschen ist in ähnlicher Weise als Repräsentant der individuellen Merkmale tauglich, nirgendwo manifestiert sich so deutlich Entgegenkommen und Ablehnung. Kein anderer Gegenstand der Kunst hat so sehr mit der Mimesis gerungen, so sehr gesellschaftliche Kontexte gespiegelt oder die Grenzen der Bildlichkeit ausgelotet.

Digital manipulierte Mediengesichter

Es geht erst einmal um das „Gesicht, das wir haben im Vergleich mit dem, das wir machen“. Darin klingt die Maske an, die des Kultes  oder der antiken Theater, er verfolgt sie bis zu den digital manipulierten Mediengesichtern. Die Maske vermittelt Bilder vom Gesicht, sie ist Gesicht. Die Unschärfe zwischen diesen beiden Protagonisten spiegelt sich in der Geschichte des Gesichtes. „Zeigen und Offenbaren, Verbergen und Täuschen“ – darin bestehe die mimische Leistung des Gesichtes.

Belting erweitert den Maskenbegriff auf die mit der eigenen Mimik erzeugten Momente, wobei er den seit der Aufklärung postulierten Gegensatz von echtem Ausdruck und maskenhafter Fälschung zugunsten einer weniger antagonistischen, ambivalenten Sichtweise beiseite schiebt. Eine Operation, die sich als sehr schlüssige Methodik erweist. Er löst damit selbst die These, dass der Zeichencharakter in Gesichtern in gleicher Weise in den Massenmedien lesbar gemacht wird wie in anderen Zeiten in Masken, im Verlauf des Buches ein. Die gesellschaftliche Repräsentations- aber auch Spiegelfunktion der Maske übernahm in Europa das Porträt, zunächst in der Malerei, später in Fotografie und neuen Medien.

Bacon schreit im Glaskasten

Diese Entwicklung zeichnet Belting auf. Er benennt das sich emanzipierende Subjekt der höfischen Zeit, das für die gesellschaftliche Bindung steht, während zuvor noch Dokumentation und Erinnerung im Vordergrund der Individualporträts standen.  Daneben stehen die Verweigerer der Kategorisierung: Rembrandt versucht vor allen kichernd aus seiner Rolle, aus seiner Maske zu schlüpfen.

Francis Bacon schreit im Glaskasten und Arnulf Rainer übermalt wütend seine eigenen Porträts. Belting gibt der Betrachtung ihrer Bilder einen neuen Fokus mit auf den Weg.
Der Vergänglichkeit, auch dem Bild vom Tod und Totenmasken misst Belting  eine wichtige Rolle zu, da etwa in der Fotografie, so sagt er mit Roland Barthes, der „Stachel der Zeitlichkeit“ steckt. Der Moment des Fotografierens liegt bei der Betrachtung immer schon in der Vergangenheit, der abgebildete Körper ist abwesend, anwesend allein das Bild. Todesnachrichten werden nur mit Fotografien aus dem Leben der Menschen bebildert. All die Facetten menschlichen Lebens, Lachens, Ärgerns spiegeln sich im maskierten Foto nicht wider, nur ein stillgelegter Augenblick bleibt. 

Neue Denkrichtung

 
„Das Porträt machte stets das Versprechen, eines Selbst habhaft zu werden und hinterließ zugleich eine Enttäuschung, wenn hier das Selbst auf einer Oberfläche entglitt.“ Und so, meint Belting, muss es als Befreiung gewirkt haben, im digitalen Zeitalter die Bilder vom Abbilden zu befreien. Das Bild sei nun bei sich selbst angekommen. Und die Kunstgeschichte beim Gesicht, endlich. Die zahlreichen Bezüge und Quellen, die Bilder und Objekte, die Belting heranzieht, sind zum Gutteil zwar bekannt, doch der Autor versteht es, ihnen eine neue Denkrichtung mitzugeben. Und dabei stellt er, wie der Junge in Bergmanns Filmstill, größte Nähe zum Gesicht und seinen Bildern her.

Von Tina Lüers

► Hans Belting: Faces - Eine Geschichte des Gesichts. C.H. Beck Verlag, München 2013. 343 Seiten mit 120 Abbildungen, davon 60 in Farbe, 29,95 Euro.