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Regional „Autoren und Bücher müssen zum Publikum“
Nachrichten Kultur Regional „Autoren und Bücher müssen zum Publikum“
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09:00 06.07.2019
Hauke Hückstädt, Leiter Literaturhaus Frankfurt, war bis 2010 Chef des Literarischen Zentrum Göttingen. Quelle: Schramm
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Göttingen

Mit dem Deutschen Buchpreis zeichnet die Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung jährlich zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den deutschsprachigen „Roman des Jahres“ aus. Zur siebenköpfigen Jury gehört in diesem Jahr Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses Frankfurt. Hückstädt leitete bis 2010 fast zehn Jahre lang das Literarische Zentrum Göttingen. Im Interview spricht er über die Arbeit in der Jury, Göttingen und den Buchmarkt.

173 Titel haben 105 Verlage für den Deutschen Buchpreis 2019 eingereicht. Ende März endete die Einreichungsfrist, am 20. August wird die Longlist mit zehn ausgewählten Titeln veröffentlicht. Wie schaffen Sie es, in so relativ kurzer Zeit so viele Bücher zu lesen? Lesen Sie momentan nächtelang oder haben Sie Tricks?

Wie alle Jurys vor uns, haben wir sogar noch Titel nachgefordert. Es sind also um die 200 Titel. Wir lesen alle viel und, so mein Eindruck, auch sehr gerne. Ich für meinen Teil lese abends, nachts, auf dem Tolino, auf Reisen, wann immer es geht. Das ist gut verbrachte Zeit. Dieses Lesen ist intensiv und bei allen von Sorgfalt geprägt.

Wie oft trifft sich die Jury bis zur Veröffentlichung der Longlist?

Im Grunde treffen wir uns täglich, elektronisch, in E-Mails. Wir kamen im Frühjahr vollplastisch zusammen, sehen uns Ende Juli wieder, dann im Spätsommer. Und dann, natürlich, noch ein letztes finales Mal kurz vor der Buchmesse Frankfurt.

Wie ist die Arbeit mit ihren Kollegen und Kolleginnen in der Jury? Ein zähes Ringen um jeden Titel?

Ich empfinde hier eine hochkonzentrierte, kollegiale, in keiner Weise vorpreschende Zusammenarbeit, geprägt von gegenseitigem Respekt und sehr viel Hochachtung vor den Werken. Und wir sind dabei unterscheidbar, aber nicht unvereinbar. Und das wird gut sein für alle Beteiligten.

Wird es für Sie persönlich eher eine Qual, sich letztendlich auf einen Roman festzulegen?

Diese Entscheidung muss ja niemand alleine treffen. Wir sind sieben gleichberechtigte Jurorinnen und Juroren. Alle sind engagiert dabei, also wird es irgendwann auch ein Ringen geben. Das möchte sein, wir sind ja keine Harmoniefortbildung.

Haben Sie unter den Preisträgern der vergangenen Jahre ein Lieblingsbuch?

Es gab immer sehr gute Preisträgerinnen und Preisträger. Durch meine Arbeit kenne ich wahrscheinlich alle Shortlist-Nominierten und Preisträger auch persönlich. Da ist es schwer, Ihre Frage zu beantworten. Ich hatte mich damals sehr gefreut für Kathrin Schmidt. In Göttingen stattfindend, hatten wir in einer für sie gesundheitlich schweren Zeit, die später genau in dem Buchpreisroman „Du stirbst nicht“ im Mittelpunkt steht, zusammengearbeitet.

Der Deutsche Buchpreis soll Aufmerksamkeit schaffen für deutschsprachige Autoren und das Medium Buch. Erstmals seit 2012 ist die Zahl der Buchkäufer 2018 wieder angestiegen. Kann die Branche also aufatmen oder muss noch viel passieren?  

Luft anhalten bringt ja ohnehin nichts. Ich habe darüber gesprochen und geschrieben. Wir Veranstalter spüren wie riesig das Interesse an Büchern ist. Die Lesung, die Begegnung ist ein Wachstumsmarkt. Deutschland, Österreich, die Schweiz, wir sind Weltmarktführer für Lesungskultur. Das muss gestaltet und genutzt, nicht nur gemolken werden. Autoren und Verlage müssen sich dem professioneller widmen. Die Aufmerksamkeitsökonomie hat sich verändert. Wo das Buch stattfindet, findet es auch Absatz. Autoren und Bücher müssen zum Publikum. Ein Autor, der nicht spricht, findet nicht statt, das Beschwören von Gutenberg, Lutherdeutsch und der hellen Kulturkraft des Buches im Verbund mit Bejammern des eBooks richten eher Schaden an.

Welche Rolle kann dabei ein Literaturhaus wie das in Frankfurt spielen?

Naja, das Literaturhaus Frankfurt ist Teil eines großen Branchen-Ensembles. Und wir versuchen zu zeigen, was möglich ist. Seit nunmehr neun Jahren wachsende Besucherzahlen, viele wegweisende Umsetzungen. Wir bringen Bücher, Autoren und Leser zusammen.  

Sie waren bis 2010 Leiter der Literarischen Zentrums in Göttingen. Was haben Sie am Göttinger Zentrum besonders geschätzt?

Das Göttinger Literarische Zentrum wird super geführt. Und für mich war es eine große, eine prägende und bereichernde Sache, die Chance zu haben, diese Institution zehn Jahre zu etablieren. Es ist ein kleineres Haus gewesen, das immer weiter gewachsen ist. Mit der Jolle sind sie wendiger, mit dem Dampfer haben sie mehr Verdrängung. Beides hat Vorzüge. Gemeinsam mit den Volontären, die die Institution ja noch heute prägen, konnte etwas grundsätzlich Stilbildendes hingestellt werden. Ich bin dankbar für die Zeit, den Göttinger Freunden und dem Göttinger Publikum.

Haben Sie einen Buch-Tipp für diejenigen, die noch nach Urlaubslektüre suchen?

Klar doch. Lesen sie Michal Ksiazeks Reisereportagen „Straße 816“ (S. Fischer). Ein Buch aus 2018, das ist aber 2037 auch noch gültig. Das Buch fällt unters Betäubungsmittelgesetz, das dürfte es eigentlich nur in der Apotheke geben. Es ist augenöffnend, bewusstseinserweiternd. Unendliche Epiphanien.

Zur Person

Hauke Hückstädt, Jahrgang 1969, hat in Hannover Germanistik und Geschichte studiert. Von 1995 bis 2000 war er im Leitungsteam des Literarischen Salons Hannover. Von 2000 bis 2010 leitete er das Literarische Zentrum Göttingen, seit Juli 2010 das Literaturhaus Frankfurt.

Er ist zudem tätig als Herausgeber, Kritiker, Lehrbeauftragter und berät für ausgewählte Verlage Autoren in ihrer Öffentlichkeitspraxis. Von ihm erschienen neben zahlreichen Gedichten in Zeitschriften und Anthologien (“Twentieth-Century German Poetry“, Farrar, Straus and Giroux) der Gedichtband „Neue Heiterkeit“ (zu Klampen) sowie aus dem Englischen „Etwas für die Geister“" von David Constantine (Wallstein). 2017 erschien das von ihm und Friederike von Bünau herausgegebene Debattenbuch „95 Anschläge – Thesen für die Zukunft“ (S. Fischer).

Der Deutsche Buchpreis

Mit dem Deutschen Buchpreis zeichnet die Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung jährlich zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den deutschsprachigen „Roman des Jahres“ aus. Verlage können sich mit ihren Titeln direkt um die Auszeichnung bewerben. Auch Titel, die sich zum Zeitpunkt der Ausschreibung noch in der Produktion befinden, sind zum Auswahlverfahren zugelassen. Eine jährlich wechselnde siebenköpfige Jury prüft alle eingereichten Bücher.

Eine Longlist veröffentlicht die Jury am 20. August, die Shortlist mit sechs Titeln am 17. September. Der Preis wird am 14. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse übergeben. Preisträgerin 2018 war Inger-Maria Mahlke für ihren Roman „Archipel“.

Der Deutsche Buchpreis wird von Partnern außerhalb der Branche unterstützt. Förderer des Deutschen Buchpreises ist die Deutsche Bank Stiftung. Unterstützt wird der Preis außerdem von der Frankfurter Buchmesse und der Stadt Frankfurt am Main.

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