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Regional Helen Schneider mit „Verwandlungen“ im Deutschen Theater
Nachrichten Kultur Regional Helen Schneider mit „Verwandlungen“ im Deutschen Theater
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18:25 23.06.2013
Manchmal zu viel Geschrei: Helen Schneider in „Verwandlungen“.
Manchmal zu viel Geschrei: Helen Schneider in „Verwandlungen“. Quelle: Heller
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Göttingen

„Verwandlungen“ basiert auf den lyrischen Interpretationen der Grimmschen Märchen von Anne Sexton (1928-1974). Die Märchen, die landläufig vor allem als Geschichten für Kinder ausgelegt werden, verlieren bei Sexton ihre Unschuld und gewinnen in den Programm von Schneider an Schrecken. Unterdrückung der Frau, Missbrauch und Inzest sind Themen, mit denen Sexton ihre Nacherzählungen spickt.

Schneider thematisiert ihre Rolle in der Inszenierung selbst als Erzählerin und als böse Hexe, die zwischen den Märchen immer wieder Whisky trinkt. So viel, dass die Erzählungen immer wieder in eine rauschhafte Hysterie abgleiten. Der Alkohol ist ein wichtiges Element des Stückes, weil die Übertreibung und der Wahnsinn der Bühnenfigur nur so glaubhaft werden. Die Erzählerin überzeichnet und dramatisiert zuweilen stark, sodass der emotionale Ausbruch für den Zuschauer manchmal unbegründet bleibt.

Selbstzweifel, Therapien und Selbstmord

Das ständige Geschrei einer hysterischen Frau, die das Lebensgefühl der Anne Sexton – psychisch krank, Selbstzweifel, Therapien und letztlich der Selbstmord – zwar darzustellen vermag, durch die Textwahl der Märchen aber an eine Sprache gebunden ist, die ihre volle Wirkung besser in einer bloßen, ironisch-stillen Erzählweise entfaltet.

Beim letzten Märchen, Dornröschen, wählt Schneider  diesen Ansatz, sitzt beherrscht auf einem Stuhl und lässt die Grausamkeit nur langsam in ihre Erzählweise einfließen. Hier hat es der Zuschauer leicht, die Qual der Sexton herauszulesen. Sextons Kaskaden von Metaphern, Vergleichen und Einflechtungen zeitgemäßer Details stellen die Märchen immer wieder in Bezug zum modernen Leben: „Ach wie gut, dass nicht einmal der Volkszähler weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß.“

Schneider im Fokus

Das Programm ist durchwoben mit Liedern aus den 60er Jahren, die zum einen das Lebensgefühl der Lyrikerin Sexton nachvollziehen lassen, und zum anderen Entspannungspausen setzen. Kein Herumwirbeln während der Musik, doch auch mit hängenden Schultern, mit Händen in den Taschen oder barfuß, mit ihren Schuhen in der Hand, bleibt Schneider im Fokus des Bühnengeschehens. Nur durch ihren Gesang, nicht durch ihr Zetern.

Von Daniela Lottmann