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Regional Göttingen: Herta Müller liest im Deutschen Theater
Nachrichten Kultur Regional Göttingen: Herta Müller liest im Deutschen Theater
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13:12 28.10.2019
Wollte eigentlich Friseurin werden: Herta Müller bei ihrer Lesung im Deutschen Theater. Ausrichter war das Büro Göttinger Literaturherbst. Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Einen roten Teppich hätte Anja Johannsen am liebsten am Sonntagabend vor dem Deutschen Theater ausgerollt. Einen roten Teppich für Herta Müller, die Nobelpreisträgerin für Literatur. „Vor meinem geistigen Auge ist er ausgerollt“, sagt die Geschäftsführerin des Literarischen Zentrums Göttingen in der Ankündigung eines Leseabends mit der in Berlin lebenden Schriftstellerin, die einer Einladung zum 28. Göttinger Literaturherbst gefolgt ist. Natürlich ist das als Geste der Ehrerbietung gemeint – aber der Akt wäre unnötig gewesen. Müller mag kein Rot. Warum, erklärt sie im Laufe des Abends, in dessen Mittelpunkt die Collagen-Gedichte der 66-Jährigen stehen. Mit ihr ins Gespräch geht der Literaturkritiker und Autor Ernest Wichner.

Das vielleicht nicht erlaubte Denken

Herta Müller liest zuerst aus ihrem Buch „Mein Vaterland war ein Apfelkern“. Darin beschreibt die Ich-Erzählerin, die erkennbar Müller selbst ist, eine Kindheit im Rumänien der 1950er und 1960er Jahre. Schon damals eine brutale Diktatur, in der der Mensch nicht nur nichts zählte, sondern die Staatsmacht und insbesondere der Geheimdienst Menschen verfolgte, gefangen hielt, quälte, tötete. „Ich hatte Angst dass das, was ich denke, nicht erlaubt ist“, liest Müller. Die kindliche Ich-Erzählerin stellt sich vieles vor, etwa, dass alle Atemzüge gezählt sind, dass sie sich wie an einer unsichtbaren Schnur auffädeln. Oder dass Pflanzen nur am Tage unbeweglich sind, dass sie in der Nacht einander besuchen.

„Das Flüsterrad der Einsamkeit“

„Ich wollte Friseurin werden. Oder Schneiderin“, berichtet Müller aus ihrer Jugend. Sie wollte etwas mit den Händen machen, wollte etwas „schön machen“. Eine Sehnsucht, die wohl Basis ist für ihre heutigen Wort-Collagen: Worte, aus Publikationen wie Zeitschriften ausgeschnitten, werden von ihr zu neuen Sätzen zusammengesetzt. Eine ganze Sammlung an Worten habe sie inzwischen. Es gibt Schachteln, Fächer, in denen Worte aufbewahrt werden, nach Substantiven, Verben, Artikeln, Präpositionen und Konjunktionen geordnet. Die Worte-Werkstatt entstand aus einer Not heraus: „Als ich nach Deutschland kam, fand ich die Ansichtskarten so hässlich“, erzählt Müller von ihrer Zeit Ende der 80er Jahre. Deshalb bastelte sie, besser ausgedrückt kreierte sie eigene Karten, auf denen aus ausgeschnittenen Worten Sätze entstanden, die getrost als Lyrik durchgehen. „Das Flüsterrad der Einsamkeit“, steht da. Oder „Der Wahrsager hat ein Glasauge aus dem Krieg“. Auch der Titel ihres jüngsten Collage-Buches ist mit der Schneide-Klebe-Technik entstanden: „Im Heimweh ist ein blauer Saal“.

„Eine verrückte Arbeit“

Beim Betrachten der Sammlung frage sie sich manchmal, ob die Wörter in ihren Schubladen bleiben wollen – oder ob sie heraus wollen. „Eine verrückte Arbeit.“ Als besonders seltsam empfindet sie das Wort also. Eine poetische Sprache gebe es nicht aus sich selbst, sagt Müller. „Sie entsteht nur, wenn man Glück hat.“ Auch eine Möglichkeit, Schöpfertum zu definieren: reine Glücksache.

Ernest Wichner kennt Herta Müller seit vielen Jahren. Er war im Deutschen Theater der Gesprächspartner der Nobelpreisträgerin. Quelle: Peter Heller

Der freie Gebrauch von Worten sei das Gegenteil von Zensur – eine Art Freiheit, befindet die Autorin. Sie leidet spür- und hörbar noch immer an den unbarmherzigen Unterdrückungsmechanismen des 1990 gestürzten Ceausescu-Regimes. Menschen seien mit Hunden gehetzt, zerrissen worden, weil sie fliehen wollten, schildert sie. Es ist nur eine Grausamkeit unter vielen. Die Geschichte Osteuropas sei auch eine Geschichte von Flucht. „Und heute tun diese Länder so, als hätten sie mit Flucht nichts zu tun. Auch ein Herr Orban muss wissen, wie viele Ungarn 1956 geflohen sind. Und sie wollten überall aufgenommen werden. Und sie wurden es auch.“ Müller kritisiert die Ablehnung Ungarns und anderer Länder, Flüchtlinge aufzunehmen. Ein unerträglicher Nationalismus breite sich aus, der ins Faschistoide gehe. Menschen würden von den Regierenden in den Hass gesteuert. Warum so viele junge Männer aus Syrien fliehen? „Weil sie nicht in der Armee des Diktators Assad sterben wollen“, betont Müller. Dann folgt der Lesung Teil zwei aus den Collagen-Gedichten. „Zeit ist wie ein spitzer Kreis, ich weiß“...

 „Der Text behütet auch mich“

Müller geht behutsam mit Sprache um. Sie brüllt sie nicht heraus, gebraucht keine Kraftausdrücke, will nicht Eindruck schinden mit deftigen oder schlüpfrigen Formulierungen. Sie nimmt Sprache in Obhut, hegt sie wie eine Gärtnerin die Pflanzen. Darum fühlt sich auch der Leser in Obhut genommen, beschützt geht durch den Garten der Worte, den eine sensible Frau angelegt hat. Sie selbst sagt es so: „Ich versuche den Text zu behüten – aber er behütet auch mich.“

Und rot, nein die Farbe Rot mag sie nicht. Im kommunistischen Rumänien war es die Farbe des Staates, der Drohung, der Unterdrückung, der Verfolgung. Bitte keinen roten Teppich für Herta Müller.

Eine Kindheit heimatlos und unfrei

Herta Müller erblickte am 17. August 1953 in Nitzkydorf (Rumänien) das Licht der Welt. Nach dem Abitur studiert sie Germanistik und Rumänistik an der Universität Timişoara (deutsch Temeswar) und arbeitet danach als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik. Nur ein kleiner Freundeskreis kennt zunächst ihre Texte, die sich mit den Auswirkungen des politischen Drucks auf die Menschen befassen, die dort leben. Ihr erstes Buch, Niederungen. Prosa., eine Sammlung kleiner Geschichten, kann 1982 in Bukarest nur in stark zensierter Version erscheinen. Sie beginnt ihre literarische Karriere unter schwierigsten Umständen, die kaum ahnen lassen, dass sie im Jahre 2009 den Nobelpreis für Literatur erhalten würde. Sie verlebt ihre Kindheit „heimatlos und unfrei“ unter demoralisierten Dorfbewohnern, die teilweise der totalitären Ceauşescu-Regierung zuarbeiten, die aber auch ihre Nazi-Mittäterschaft nicht aufgearbeitet haben. Der jähzornige Vater ist SS-Mann gewesen, die Mutter geschädigt durch fünf Jahre Zwangsarbeit in einem russischen Arbeitslager. Müllers Texte sind in hohem Grade autobiographisch angereichert. (Quelle: www.fembio.org)

Von Ulrich Meinhard

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