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Regional Hier kann Theater über sich selbst lachen
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18:39 06.12.2011
Buhlen um die Gunst des Chefs: Heidi (Agnes Giese), Lise (Felicity Grist), Gorm (Jan Reinarzt), Kristoffer (Gintas Jocius) und Nalle (Léon Schröder) (von links). Quelle: Eulig
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Der Däne hatte sich in letzter Zeit mit Nazi-Witzen diskreditiert und war bei den Filmfestspielen von Cannes zur unerwünschten Person erklärt worden. Und trotzdem bleibt der Regisseur der Boss des Autorenkinos und räumt Preise ab – weil seine Arbeit gut ist. Davon kann sich auch das Göttinger Publikum überzeugen. Das Junge Theater zeigte am Sonnabend mit einer Woche Verspätung (wegen Krankheit) die Premiere einer Theaterversion des Lars von Trier-Films „Der Boss vom Ganzen“. Das Warten hat sich gelohnt.

Theater trifft Wirtschaft: In der  Komödie  wird der Schauspieler Kristoffer (Gintas Jocius) eingeschleust, um den unliebsamen Boss einer IT-Firma zu mimen. Der echte Chef, Ravn (Dirk Böther), tut sich schwer, seine nicht immer populären Entscheidungen vor seinen Mitarbeitern zu vertreten. Er braucht einen Sündenbock. Deshalb erfindet er einfach einen ominösen Verantwortlichen, der im Hintergrund die Fäden zieht. Wie sich das für eine Komödie gehört, droht der Schwindel aufzufliegen, als Ravn seine Firma verkaufen will. Der neue Käufer, der Isländer  Finnur (Jan Reinartz) besteht darauf, mit dem Boss vom Ganzen zu verhandeln.

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In Island weht in jeder Hinsicht ein rauer Wind. Den verkörpert in Fellmantel, Stulpen und strohblonder Zottel­perücke schön klischeevoll Jan Reinartz. Wenn der auf „Bühnen-Isländisch“ pöbelnd und wie ein letzter Abgesandter der Wikinger die Bühne stürmt,  wird es erfreulich ungemütlich.
Reinartz Auftritt hat einen ähnlich amüsanten Überraschungseffekt, wie seinerzeit die Leningradcowboys bei Aki ­Kaurismäki. Seinem Gegenpart, dem smarten Kristoffer, gelingt es am Ende  seine stoische Unfreundlichkeit zu knacken. Finnur outet sich genau wie dieser als Verehrer des absurden Theaters des (fiktiven) Dramatikers Antonio Gambini. Das ist ein wesentlicher Teil des Stücks: Theater kann über sich selber lachen.

Die Parallelen zwischen Schauspiel und Geschäftswelt zeigen neben der Komik vor allem den Zynismus, der mit einer harmoniesüchtigen Arbeitswelt einhergeht. Böther ist in der Rolle des Everybodies Darling und feiger Chef einer der drei starken Charaktere des Stücks. Wie im wirklichen Leben haben die Regisseure Alexander Marusch und Andreas Döring die Hierarchien ausgespielt. Alle feilschen um die Gunst des Chefs. Nalle (León Schröder) mit Worten, Gorm (auch Jan Reinartz) mit der Faust. Die einfachen Angestellten, Heidi A. (Agnes Giese), Lise (Felicity Grist) und Mette (Franziska Beate Reincke) spielen keine so bedeutenden Rollen. Dennoch hinterlassen sie Eindruck mit ihrer devoten, depressiven Art. Dazu passt auch das Bühnenbild. Gregor Sturm hat das Stück in einem hölzernen Interieur angesiedelt. Gediegenes, konservatives Braun steht im Kontrast zur schnelllebigen, kreativen  IT-Branche.
„Der Boss vom Ganzen“ ist ein Stück mit viel (teils bitterem) Witz. Marusch hatte im Vorfeld gesagt, mit dem Humor den Nerv der Fernsehserie „Stromberg“ treffen zu wollen. Ganz auf dem Brachial-Niveau bewegt sich die Version des Jungen Theaters aber nicht. Und das ist überhaupt nicht schlimm.
Wieder im Jungen Theater Göttingen, Hospitalstraße 6, am 8., 10., 13., 16., 27. und 31 Dezember. Kartentelefon: 05 51 / 49 50 15.

Von Eida Koheil