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Regional Hilde Schramm im Literarischen Zentrum Göttingen
Nachrichten Kultur Regional Hilde Schramm im Literarischen Zentrum Göttingen
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16:22 19.11.2013
Beleuchtet mit emotionaler Nähe dunkle Kapitel der deutschen Geschichte: Hilde Schramm. Quelle: Heller
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Göttingen

Im Literarischen Zentrum stellt Schramm ihr Buch „Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux“ vor. Mitorganisiert wurde der Abend von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Moderiert hat Claudia Bruns, Historikerin und Genderforscherin an der Humboldt-Universität Berlin.

„1882 – 1959 Nachforschungen“ heißt Schramms Buch im Untertitel. Nachforschungen in der NS-Vergangenheit sind ein persönliches Anliegen von Schramm. Ihr Vater war Albert Speer, Architekt und Rüstungsminister unter Adolf Hitler.

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Das Buch erzählt von einer Frau, die sich ihren Weg freikämpfte. In Vielem gehörte sie zu den ersten Frauen: eine, die Abitur machte, die ein geisteswissenschaftliches Studium absolvierte, die in den Schuldienst eintrat. Dann wurde sie ausgebremst – Lux war Jüdin. 1953 wurde sie die Geschichtslehrerin von Schramm.

Dass sie Jüdin war, habe sie nie thematisiert, sagt Schramm. Sie selbst sei sich dessen aber schon als Schülerin bewusst gewesen. „Es ist mir selbst unerklärlich, warum ich mir so sicher war“, sagt Schramm. Es sei die erste Jüdin gewesen, mit der sie nah in Kontakt kam, sagt die Autorin.

Buchtext und Kommentar

In der Lesung wechselt Schramm zwischen Buch und zusätzlichen Aufzeichnungen, die sie auf einem Stapel Papier mitgebracht hat. Buchtext und Kommentar wechseln sich ab, mal erklärt Schramm historische Zusammenhänge näher, mal gibt sie persönliche Einschätzungen.

„Sie soll weinend auf dem Bett gesessen haben, obwohl sie sonst nicht weinte“, erzählt die Autorin über den Moment, als die Lehrerin Lux wegen rassischer Gründe vom Schuldienst suspendiert wurde. Gerade diese kleinen Anmerkungen sind es, die ein lebendiges Bild von Lux zeichnen.

„Die meisten meiner Mitschüler sagen: Wir haben es nie gehabt“, erzählt die Autorin über die NS-Vergangenheit als Unterrichtsthema in den 50er-Jahren. Im Publikum des Literarischen Zentrums nicken einige und murmeln Zustimmung. Schramm berichtet über eine andere Lehrerin: „Die wollte über die NS-Zeit sprechen, aber die hat nur geweint.“

Emotionale Nähe zur Autorin

An dieser Stelle zeigt sich den Zuhörern, wie nahe das Thema der Autorin geht. Ihre Unterlippe beginnt zu zittern, doch Schramm fängt sich schnell wieder. Der Reiz der Lesung und auch des Buches besteht genau in dieser emotionalen Nähe der Autorin zu Dora Lux und dem sie umgebenen Geschehen.

Es ist keine nüchterne Dokumentaktion, keine Biografie nach Aktenlage. Schramm bringt sich selbst ein, und tritt im Buch bisweilen als eine Art Erzählerin auf. „Es war keine historische Neugier, die mich veranlasste, über sie zu recherchieren und zu schreiben, sondern Zuneigung und Respekt und der Wunsch, die Gründe für meine Wertschätzung ihrer Person besser zu verstehen“, schreibt Schramm am Anfang ihres Buches.

Am Ende des Abends ist sich Bruns über den Bedarf an Aufklärung und Nachforschung über die NS-Zeit sicher: „Ich denke, es ist nach wie vor ein brennendes Thema.“

Hilde Schramm: Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux. 1882–1959. Nachforschungen. 432 Seiten, Rowohlt, 2012. 19,95 Euro.

Von Daniela Lottmann