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Regional Himmlische Längen und Blicke in den Abgrund
Nachrichten Kultur Regional Himmlische Längen und Blicke in den Abgrund
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18:46 20.09.2011
Analysierender Beobachter: Alfred Brendel liest aus „Nach dem Schlussakkord“. Quelle: Schäfer
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Den Anfang machte die Wissenschaft. Schubert-Spezialist Peter Gülke, ausübender Musiker und Musikologe, hielt einen einstündigen Vortrag zum Thema Zeit bei Schubert, (fast) ohne Manuskript, (fast) druckreif aus dem Stegreif. Seine Beredsamkeit ist ebenso eindrucksvoll wie sein schier unerschöpflicher Vorrat an Fakten- und Hintergrundwissen. Er setzte allerdings beim Publikum einige Fachkenntnis voraus – wer die Schubert-Stücke, über die er sprach, nicht im eigenen musikalischen Museum parat hatte, konnte womöglich nicht immer den Gedankengängen folgen.

Nach dieser meist spannenden, nur hier und da mit etwas überflüssigem Bildungsgut überfrachteten Einführung ins Thema war die (im Preis inbegriffene) Schubert-Brotzeit eine willkommene große Pause. Und so ging es gestärkt und beschwingt in die zweite Halbzeit mit Konzert und Lesung. Und siehe da, weniger ist manchmal doch mehr: Die Abschnitte, die Alfred Brendel aus seinem jüngsten Buch „Nach dem Schlussakkord“ ausgewählt hatte, bereiteten wesentlich mehr Genuss als der (über-)eifrige Vortrag Gülkes. Zwei kleine Betrachtungen hatte Brendel ausgewählt, in denen er sich als scharfer Beobachter, als Analytiker erweist, der sich die Muße gönnt, über eine Sache in Ruhe nachzudenken. Und er liest auch mit wesentlich mehr Melodie beim Sprechen als sein atemloser Vorredner. Der große Pianist und Schubert-Spieler, der sich 2008 vom Podium zurückgezogen hat und im Januar seinen 80. Geburtstag feierte, bleibt auch lesend Musiker.

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Vorausgegangen war Schuberts Lied „Taubenbotschaft“ mit dem Bassbariton Andreas Wolf und dem 19 Jahre jungen Pianisten Ket Armstrong, ­einem Brendel-Schüler, der bereits sehr viel von Schubert versteht. In Schuberts Heine-Vertonungen zeigten beide Musiker die musikalisch-poetischen Doppelbödigkeiten und Abgründe, die in diesen Liedern bisweilen hinter der schönen Oberfläche des harmonischen Flusses verstörend aufblitzen. Wolf ist ein wunderbarer Liedgestalter mit einem kräftig fundierten Timbre, das er aber auch sehr weich abtönen kann. Und Armstrong, der seinen Part auswendig spielte, ist Spezialist für Differenzierungen im Pianissimo-Bereich, was dem Klavierpart der Lieder ausgezeichnet bekommt.

Das Finale: Schuberts Streichquintett, mit intensivem Ausdruck gespielt vom Szymanowski-Quartett mit Adrian Brendel, dem Sohn des Pianisten, als zweitem Cellisten. Die Zeit bei Schubert hat einen Aspekt von Ewigkeit – das, was Schumann als „himmlische Längen“ charakterisierte. Und nicht nur der Himmel, sondern auch abgrundtiefe Verzweiflung hat in dieser Musik ihren Ort. Das macht sie so einmalig.

Von Michael Schäfer