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Regional Hölderlin als Sufi der deutschen Literatur
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17:40 09.12.2011
Literat, Publizist und habilitierter Orientalist: Navid Kermani. Quelle: Pförtner
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Arnold, einer der Großen im deutschen Literaturbetrieb und Begründer dieser Poetikdozentur, war Anfang November in Göttingen gestorben. Das Thema der zweiten Vorlesung: „Der Abfall und Hölderlin“. Zwei Dinge, die erst einmal meilenweit voneinander entfernt zu sein scheinen.

Dieses Phänomen ist symptomatisch für Kermanis im Herbst erschienenen Roman „Dein Name“ aus dem er zusammen mit Florian Eppinger, Schauspieler am Deutschen Theaters Göttingen, Auszüge liest. Am 8. Juni 2006 beginnt ein Romanschreiber, der an manchen Stellen auch Navid Kermani genannt wird, zu schreiben. Es entsteht ein Mammutwerk von nicht weniger als 1200 Seiten, das ehrgeizig ist und eine Menge Themen behandelt: Autobiographisches, Tagesgeschehen, die Geschichte des Irans im 20. Jahrhundert und Überlegungen zu Liebe und Sex, vor allem in Bezug auf Hölderlins große Liebe Susette Gontard, die der Dichter als „Diotima“ in seinen Gedichten verewigte.

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Der Autor ersteigert sich im Internet für knapp fünfzig Euro eine Ausgabe mit Werken Hölderlins, um bald daran zu verzweifeln. „Erst nach 500 Seiten merkte der Romanschreiber, was Sie, die Zuhörer jetzt schon wissen“, so Kermani, der den Zuhörenden damit einiges zutraut. Es handelte sich um die berühmt berüchtigte Frankfurter Ausgabe, herausgegeben von Dietrich E. Sattler, die, begonnen in den 70er Jahren, erst 30 Jahre später abgeschlossen wurde.

Sattler setzte in dieser die konsequente Faksimilierung (Reproduktion) von Hölderlins Handschriften durch. Hölderlin habe eine fürchterliche Handschrift gehabt und aus Mangel an Papier auf Rückseiten gern kreuz und quer geschrieben, erzählt Kermani. Er scherzt weiter: „Das System kann ich nicht durchschauen, obwohl man mir den guten Willen nicht absprechen kann.“ Durch die Tatsache, dass in dieser Ausgabe jedem Zeichen, jedem Tintenfleck Bedeutung beigemessen werde, eben nichts als Abfall gelte, würden Zeichen zu Ikonen. Und trotz aller Schwierigkeiten kommen weder der Romanschreiber, noch Kermani von Hölderlin los. Für Kermani verkörpert der Dichter „der eine Sprache spricht, die er selbst nicht versteht“ Schönheit und das Prinzip der Mystik, obwohl der Dichter im Gegensatz zu ihm keinen Bezug zum Orient habe. Hölderlin sei so etwas wie der Sufi der deutschen Literatur.

Von Marie Varela

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