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Regional Hommage an Karl May mit Ilja Richter im Deutschen Theater
Nachrichten Kultur Regional Hommage an Karl May mit Ilja Richter im Deutschen Theater
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15:57 08.07.2019
Wilde Lesung mit Musik: Ilja Richter weckt Begeisterung. Quelle: Schäfer
Göttingen

Karl May – ein schräges Leben“ lautete der Untertitel der Show, eine „wilde Lesung mit Musik“, wie es im Veranstaltungsheft des Göttinger Kultursommers heißt. Stimmt alles: schräg war’s, wild war’s und sehr musikalisch obendrein. Um Winnetou ging es zwar auch, aber eher am Rande. Denn Ilja Richter interessiert sich vor allem für den Untertan, Hochstapler und Übermenschen Karl May, geboren als Sohn eines armen Webers im sächsischen Ernstthal mit lebenslanger Lust an Camouflage, für den Autor, der Old Surehand, Old Shatterhand, das Halbblut Apanatschi, den Ölprinzen, den Schut und all die anderen populären Figuren erfunden hat, den Kleinkriminellen und Großschriftsteller, dessen international verkaufte Auflage bei rund 200 Millionen Buchexemplaren liegt: Weltspitze. Er selbst, so Richter, habe allerdings erst spät zu Karl May gefunden. Als Kind habe er lieber die Sigurd-Heftchen („Sigurd, der ritterliche Held“) verschlungen: „Mein Vater litt unter meinem Niveau.“

Karl-May-Fans

Richter ist nicht allein mit seiner Begeisterung für den Schriftsteller aus Radebeul bei Dresden. Die Liste der von ihm zitierten Karl-May-Fans ist lang. Der Philosoph Ernst Bloch gehört ebenso dazu wie der Dramatiker Carl Zuckmayer, dessen Frau Alice ihren Sohn Winnetou nennen wollte – auch als es eine Tochter wurde, blieb sie bei diesem Namen. Maria Winnetou Zuckmayer, so Richter, war in den 1950er-Jahren als Schauspielerin in Göttingen engagiert. Die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner bewunderte den bekennenden Pazifisten May. Als May kurz vor seinem Tod am 12. März 1912 seine große Pazifismus-Rede in Wien hielt, seien neben der Suttner auch Geistesgrößen wie Karl Kraus oder Georg Trakl unter den Zuhörern gewesen, berichtet Richter. Hitler habe die „taktische Wendigkeit“ der Indianer bei Karl May bewundert, weshalb Generalstabschef Heinz Guderian seinen Soldaten in der Endphase des Zweiten Weltkriegs eine Guerillataktik nach diesem Vorbild empfohlen habe. Von den Fans der jüngeren Generation zitierte Richter Roger Willemsen mit vergnüglichen Versen aus seinem Buch „Ein Schuss, ein Schrei – Das Meiste von Karl May“.

Die nächsten Kultursommer-Termine

Am Donnerstag, 11. Juli, gastieren „Youkalí“, vier Musikerinnen aus Dresden, mit ihrem Programm „Seiltänzerin ohne Netz“ nach Gedichten von Mascha Kaléko um 20 Uhr im Alten Rathaus. Eine musikalische Lesung von Geschichten aus Tausendundeiner Nacht mit Claudia Ott ist am Freitag, 12. Juli, um 20 Uhr im Alten Rathaus angesetzt. „Quadro Nuevo“ lautet das Motto des Tango-Open-Air-Abends am Sonnabend, 13. Juli, um 20 Uhr im Innenhof von St. Michael, Kurze Straße. Die Kabarettistin Tina Teubner kommt mit ihrem neuen Programm „Wenn du mich verlässt, komm ich mit“ am Sonntag, 14. Juli, um 20 Uhr ins Alte Rathaus.

Wer jetzt denkt, Richter habe eine Art Volkshochschulkurs abgehalten, irrt gewaltig. Nein, das Dozieren ist nicht sein Metier. Richter wirbelt, springt von einem Thema zum anderen, irrt gern fix mal ab, streut Kalauer ein, die er – selbstverständlich vergeblich – wieder ungeschehen lassen möchte („Vergessen Sie’s!“), singt vorzüglich, beherrscht auch alle Zwischenstufen zwischen Sprechen und Singen, ist ein glänzender Stimmenimitator, der Hitler-Reden genauso gut studiert hat wie den Akzent von Chris Howland, aber auch den Wiener Tonfall in Hermann Leopoldis Chanson „Schnucki, ach Schnucki, foahr’ma nach Kentucky! In der Bar Old Schetterhänd dort spielt a Indianerbänd!“ In den Umkreis von Karl May gehört auch das Musical „Annie get your gun“ – hier holt Richter für seinen Schlussbeitrag vor der Pause einen begabten Herrn aus dem Zuschauerraum als Buffalo-Bill-Darsteller auf die Bühne: zum johlenden Vergnügen des Publikums.

So etwa nach einem Viertel des Abends war die anfängliche leichte Hektik vorüber, Richter hatte endgültig sein richtiges Tempo gefunden. So konnte er in seine „Hommage an einen Verkannten“ eine genüsslich-entspannte Musikpause mit der einschlägigen Winnetou-Filmmusik von Martin Böttcher einfließen lassen („Das ist unser Kopfkino“). Ganz ohne Kalauer und Effektsuche klang der Abend, der viele Facetten Karl Mays beleuchtete, in einer stillen lyrischen Totenklage des englischen Romantikers von Percy B. Shelley aus.

Von Michael Schäfer

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