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Regional Premiere von Ibsens „Volksfeind“
Nachrichten Kultur Regional Premiere von Ibsens „Volksfeind“
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13:56 23.12.2018
Die letzten Gemeinsamkeiten der Brüder Peter und Tomas Stockmann (Marco Matthes, Gabriel von Berlepsch, v. l.) zerreißen. Im Hintergrund Katharina Müller (Petra Stockmann) und Judith Strößenreuter (Katrine Stockmann).
Die letzten Gemeinsamkeiten der Brüder Peter und Tomas Stockmann (Marco Matthes, Gabriel von Berlepsch, v. l.) zerreißen. Im Hintergrund Katharina Müller (Petra Stockmann) und Judith Strößenreuter (Katrine Stockmann). Quelle: Thomas Aurin
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Göttingen

Ibsens Satz, „Was hilft es, Recht zu haben, wenn man die Macht nicht hat?“, fasst das Geschehen zusammen, hier in (zu) kurzer Form dargestellt: Der angesehene Heilbadarzt Dr. Tomas Stockmann (Gabriel von Berlepsch) findet heraus, dass das angebliche Heilbadwasser, herangeschafft mittels einer kürzlich verlegten Wasserleitung, gesundheitsgefährdend verunreinigt ist. Seinem Plan, den Missstand öffentlich zu machen und so Unterstützung für den Bau einer neuen Leitung zu bekommen, widersetzt sich Tomas‘ Bruder Peter (Marco Matthes), Stadtvorsteher und Chef der Kurverwaltung: zu rufschädigend, zu teuer. Anfangs bekommt Warner Tomas noch Unterstützung von der lokalen Zeitung, die aber schlagartig schwindet, als es den Zeitungsleuten einschließlich dem Druckereibesitzer Aslaksen (Gregor Schleuning) dämmert, dass der wirtschaftliche Niedergang des Heilbades auch sie selbst treffen wird. Danach setzt unaufhaltsam die gesellschaftliche Vernichtung von Peter Stockmann samt seiner Familie ein.

Scheinheilig und korrupt

Bei dem Kampf zwischen Tomas auf der einen und Peter samt fast der ganzen Stadt auf der anderen bleibt nicht nur die Wahrheit auf der Strecke. Ibsen prangerte 1882 in seiner finsteren und bitteren Sozialkomödie damals schon ein scheinheiliges, korruptes und verlogenes politisches System an, dazu die Lügen und Ungerechtigkeiten des kapitalistischen Wirtschaftens. In diesem übermächtig erscheinenden Mechanismus sind alle Charaktere einschließlich des immer einsameren Kämpfers für die Wahrheit auf die eine oder andere Weise brüchig.

Das zeigt die Göttinger Inszenierung mit besonderer Stringenz, ohne dabei die Handlung zu sehr zu dramatisieren. Alles, einschließlich Gesten, Laufwege, mimische Interaktionen und vieles mehr ergeben sich organisch aus Ibsens Text. Auch wenn der Autor in seinem Text hier sehr viel vorgegeben hat, ist das ein nicht zu unterschätzendes Verdienst von Regisseur Gerhard Willert.

Schnörkellos

Damit bleibt den Schauspielern nicht übermäßig viel Spielraum zur Rollenausgestaltung. Dennoch ist die Leistung des Ensembles gerade wegen ihrer Schnörkellosigkeit bemerkenswert und wird gerade daher der Vorlage in besonderer Weise gerecht. Ein bisschen aus dieser ziemlich strengen Festlegung heraus fällt Gregor Schleuning als Buchdrucker Aslaksen, der sich als angeblicher Vertreter der Kleinbürger der Stadt nicht nur darin gefällt, heillos unlösbaren Konflikten immer wieder mit dem Aufruf zur Mäßigung zu begegnen, sondern schließlich Tomas Stockmann als „Volksfeind“ zu brandmarken und den Heilbadarzt damit endgültig dem gesellschaftlichen Untergang auszuliefern. Diese vielfältig standpunktlosen, aber mit fatalen Konsequenzen behafteten Wandlungen präsentiert Schleunig mit einer Nonchalance und Leichtigkeit, die einen brillanten der wenigen komödiantischen Aspekte in der Göttinger „Volksfeind“-Inszenierung ausmacht.

Rollenbedingt weniger Variationen bleiben Judith Strößenreuter als Tomas Stockmanns Ehefrau Katrine und Katharina Müller als Tochter Petra, die aber dem stringenten Ibsen‘schen Drama stil- und ausdruckssicher den notwendigen beängstigenden Ausdruck geben. Und die beiden Zeitungsleute Hovstadt (Christoph Türkay) und Billing (Florian Donath – auch er komödiantisch begabt) füllen ihre Rolle so aus, dass sie heutzutage mit dem Schimpfwort „Lügenpresse“ bedacht werden würden.

Gebrochene Lichtgestalt

Und Gabriel von Berlepsch (Tomas Stockmann) gibt überzeugend den (fast) unermüdlichen Kämpfer für die Wahrheit, der an seiner zunehmend aussichtsloseren Situation derart verzweifelt, dass er der in seiner Sicht in ihrer Mehrheit dummen Menschheit in einem Wutausbruch die Auslöschung wünscht – eine gebrochene Lichtgestalt. Intensiv und brutal gestaltet Nikolaus Kühn als Katrines Vater Morten Kiil seine Rolle, als er die prekäre Situation des Heilbades für billige Aktienkäufe ausnützt und so die Glaubwürdigkeit seines Schwiegersohns in der Öffentlichkeit aus schierem Eigennutz vollständig vernichtet.

Zusammengehalten wird das komplexe Zusammenspiel von Alexandra Pitz‘ überragendem Bühnenbild: eine Drehbühne mit gläsernen Wänden, mit der die verschiedenen Handlungsorte – das Wohnzimmer der Stockmanns, das Zeitungsbüro, ein Versammlungssaal, das Stockmann‘sche Arbeitszimmer – nicht nur funktional, sondern auch ästhetisch in einer Klasse für sich Wirklichkeit wurden. Mindestens Geschmackssache hingegen sind in der Göttinger Inszenierung die Toneffekte, die an vielen Stellen überraschende oder unheilschwangere Wendungen oder Entwicklungen der Handlung durchweg dramatisieren. Das verschiebt die feine Balance von Ibsens tiefschwarzem, aber auch komödiantischem Sozialdrama etwas einseitig ins Bös-Bittere.

Der Begeisterung des Premierenpublikums konnte dies jedoch keinen Abbruch tun. Der Abend endete mit sehr langem Beifall.

Weitere Vorstellungen: 28. Dezember, 15, 18. und 22. Januar. Beginn jeweils um 19.45 Uhr.

Von Matthias Heinzel

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