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Regional Im Alter noch mal eine Schippe drauflegen
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20:20 15.05.2011
Grandiose Imitationen und derbe Späße: Jürgen von der Lippe.
Grandiose Imitationen und derbe Späße: Jürgen von der Lippe. Quelle: Heller
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Mit dem Altwerden ist das so eine Sache. Woody Allen, für den das Altern ja großes Thema ist, hat das einmal so gesagt: „Das Merkmal der Reife eines Menschen ist nicht sein Alter, sondern wie er darauf reagiert, wenn er mitten in der Stadt in seinen Unterhosen aufwacht.“ Nun stand Jürgen von der Lippe am Sonnabend in der fast ausverkauften Stadthalle in Göttingen zwar nicht in Unterhosen auf der Bühne. Natürlich trägt er dort Hawaii-Hemd, sein Markenzeichen. Entblößen tut er sich aber dennoch: Als alternder Comedian unterhält er sein Publikum mit einer Mischung aus Selbstironie, Sangeskünsten und tiefgehenden Witzen. Das gut ein Drittel seiner Späße so tief landen, dass sie einen Gürtel als Hut tragen könnten, überrascht, verwundert und stößt bisweilen vor den Kopf.

Der Mann ist 30 Jahre im Geschäft, und er ist ein ganz Großer. Comedy, Fernsehen, Musik. Generationen hat der als Hans-Jürgen Dohrenkamp geborene 62-Jährige Entertainer unterhalten und viele Preise dafür erhalten. Die Erfahrung ist ein Pfund, mit dem er wuchert. Sein aktuelles Programm „So geht’s“ hat er als Comedy-Crash-Kurs für ältere, angehende Comedians konzipiert, das gleichzeitig Lebenshilfe für Senioren sein soll. Folglich begrüßt er in der Stadthalle die „Best Agers“ und zeigt den „Silberrücken“, wie eine gute Comedy-Show zu funktionieren hat.

Er liefert ein „selbstreferenzielles Opening“, in dem er seine Leibesfülle zum Thema macht und gleichzeitig verrät, dass Übergewicht gegen Alzheimer hilft. Wie? „Vergessen“. Aber Jürgen von der Lippe lässt sich nicht nur gegen sich selbst aus. Auch hässliche Saftschubsen (Stewardessen) bekommen ihr Fett weg. Dass er als angehender Senior kinderlos glücklich ist, untermauert er mit Zitaten wie „Gott schenkte uns Kinder, damit uns der Tod nicht ganz so sinnlos vorkommt“ oder „Babys sind wie Gedichte – nur die, die sie gemacht haben, finden sie schön“.

Zwischendurch gibt es, wie sich das für ein abwechslungsreiches Programm gehört, Schunkel-Musik mit Texten, die aufhorchen lassen. Gemeinsam mit Mario Hené (Gitarre) und Wolfgang Herder (Keyboard) wird eine Hymne auf die Spreewald-Gurke gesungen. Und wenn er als glücklicher Peter Maffay über „Die Hupe“ singt, ist das genauso grandios, wie es seine Imitationen von Herbert Grönemeyer, Helge Schneider und Udo Lindenberg sind.

Nicht nur als Sänger versteht es der wandlungsfähige von der Lippe, in fremde Haut zu schlüpfen. Auch als arbeitsloser Alt-Hippie Kalle, der heute Schnaps im Supermarkt trinkt, weil sein Zeitfenster beim Abitur zu klein war, oder als schlafmütziger Traumwandler, der mit Nachttopf in der Hand von einem Hawaii-Hemd jagenden Kampfschwimmer erzählt, überzeugt er.

Unausweichlich kommt schließlich das „Comedy-Muss-Thema“ Sex zum Tragen. Es geht wenig geschmackvoll um Sperma-Tee oder um die Zahnstellung beim Niesen und den daraus resultierenden Gefahren bei bestimmten Sexpraktiken. Und von der Lippe verrät, dass er sich von seinem Arzt nach der Prostata-Untersuchung wenigstens die Anerkennung als „Rectum des Monats“ wünscht.

Es scheint als wolle Jürgen von der Lippe im Alter nochmal richtig draufhauen, eine Schippe drauflegen, eine dicke Lippe riskieren. Daran muss sich gewöhnen, wer den ewig bärtigen Künstler nur als den schelmischen Sympathen mit seinen wunderbar offenbarenden Alltagswahrheiten in Erinnerung hat. Ein Blatt vor den Mund genommen hat von der Lippe aber noch nie. Dafür bekommt er nach zweieinhalb Stunden Programm und Zugaben tosenden Applaus.

Von Björn Dinges