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19:09 11.09.2009
Latifa Echakhch: „Les sanglots longs“ (2009).
Latifa Echakhch: „Les sanglots longs“ (2009). Quelle: Klinger
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Die Vereinten Nationen haben seit 1948 243 Resolutionen erlassen, die sich mit dem Konflikt zwischen Israel und Palästina beschäftigen. Die Zahlenreihe reicht mit Unterbrechungen von Nummer 42 bis 1875 aus diesem Sommer. Mit schwarzer Kohle hat sie Latifa Echakhch an die hohen Wände zweier Räume im Kasseler Fridericianum gezeichnet, wo derzeit zwei sehr unterschiedliche Ausstellungen zu sehen sind.

Meschac Gaba zeigt sein „Museum of Contemporary African Art“, Latifa Echakhch „Les sanglots longs“. Anhand der Vielzahl der Resolutionen dokumentiert Latifa Echakhch im bloßen Sagen die mehr als sechzig Jahre andauernden Auseinandersetzungen der beiden Staaten. Die Komponistin Qin Huang hat auf Basis dieser Zahlen in Schönbergs Zwölftontechnik – jeder der zwölf Töne ist gleichberechtigt – eine Komposition erarbeitet, die sich fortschreibt, solange der Unfrieden anhält.

Was man sieht, wenn man den Raum und damit die Installation „Chambre“ betritt, sind zunächst einmal unzählige Stelen. Unten etwas breiter, laufen sie nach oben schmal zu, erinnern an Grabsteine oder Poller, die eine Durchfahrt verhindern, und ebenso an die Töne schluckenden Strukturen eines schalldichten Raumes. Dieser Eindruck ist nicht zuletzt dem Material geschuldet, einige der Keile sind aus grauem Beton, die anderen aus hellem Schaumstoff. Ausrangierte Kasseler Parkbänke stehen dazwischen, verweilen kann man hier.
Ein Bleiben ist angebracht in Anbetracht der vielfältigen Bezüge, die sich in dieser trotz ihrer durchdachten Konstruktion in der Schönheit und Poetik des Raumes zwischen Härte und Klarheit auf der einen, Zartheit und Empathie auf der anderen Seite, ergeben.

Zeit und Geschichtlichkeit

In der integrierten Arbeit „Sans Titre (La Dégradation)“, die die Dreyfus-Affäre von 1894/95 in Frankreich thematisiert, bezieht Echakhch klar Stellung gegen Antisemitismus. Die französisch-marokkanische Künstlerin zielt auch auf Zeit und Geschichtlichkeit – sie macht sie sichtbar, hörbar, spürbar.
„Ich möchte glücklich sein. Dann gibt es auch einen Dialog. Eines Tages wird er kommen. Geduldig baut der Vogel sein Nest. Wenn alle Bewohner der Erde glücklich sind, verschwindet die Frustration.“ Meschac Gaba baut sein Nest aus den Dingen der Welt, er baut daraus ein Museum, das „Museum of Contemporary African Art.“ Es besteht aus zwölf Räumen, die in den Jahren 1997 bis 2002 entstanden, an verschiedenen Orten, zu unterschiedlichen Ausstellungen, verstreut über die Jahre und Kontinente: der „Humanist Space“ und der Museumsshop, die schon zur Documenta 11 in Kassel waren, darüber hinaus der Skizzenraum, Kunst und Religion, eine Bibliothek, ein Musik- und ein Spieleraum, Salon, Hochzeitsraum und Restaurant.
Zum ersten Mal ist diese Arbeit in ihrer Gesamtheit bis in den November in Kassel zu sehen. Und zum ersten Mal ist sie damit als Museum im musealen Kontext präsent. Gestanzte Kreise aus der Währung Benins – dort und in Rotterdam lebt Meschac Gaba – und anderes ehedem Geldwertes ist fast überall zu finden, zieht sich durch seine weitläufige Bestandsaufnahme des Lebens. Brote, schwer vergoldet, liegen im Regal wie längst vergessene Kostbarkeiten, Hähnchenschenkel ruhen blass und wächsern in einer Angebotstheke.

Den Waren dieses Marktplatzes folgen die Relikte anderer, vielleicht ähnlicher Gottheiten: In einer großen hölzernen Kreuzform stehen sich Vertreter verschiedener Religionen, Madonnen, Muscheln, Fruchtbarkeitsgöttinnen, Voodoo-Gestalten und Alltags­utensilien gegenüber. Die Bücher einer Installation sind auf die Mittelachse eines Kronleuchters in der Bibliothek gespießt und bis auf Dönerform an den Rändern weggeschmort. Ein Geldbaum lässt Scheine sprießen, Möbel sind über und über mit Geldpunkten beklebt, ein Sekretär mit Goldnuggets lässt unter seiner Glasplatte Banknoten mit Köpfen von Künstlern erkennen, kulturelle Identifikationsposten. Der Museumsshop bietet zu Puppenbeinen mit Prothesen Schmuck und Hocker aus Geldbrei an, graubunte Ketten mit klobigen Klunkern für Dekolleté und Hüfte.

Aus dem Verkehr gezogen

Geld, Wert und Kunst erfahren bei Meschac Gaba eine künstlerische Betrachtung in Bezug vor allem auf das interkulturelle, nur allzu gut ausbalancierte Ungleichgewicht: „Vielleicht benutze ich Geld, weil ich es ablehne, das Wort Kolonialisierung zu verwenden“. Und er verwendet das Geld ganz konkret als Arbeitsmaterial. Es zieht sich manifest durch die Museumsräume, kehrt eine, bisweilen konstituierende Seite von Kunst, von Alltag, überdeutlich an die Oberfläche. Allerdings in einem Moment, in dem es seinen Tauschwert verliert und nicht mehr als Zahlungsmittel oder allgemeines Äquivalent angesehen werden kann: genau dann, wenn es als unbrauchbar aus dem Verkehr gezogen wird.

Seines Tauschwertes entblößt, ist es allein Papier, das zerstanzt und geschreddert, in Frankreich gar in ein Säurebad geworfen wird. Es ist etwas, das nicht mehr als einen Brei oder besonders breites Konfetti darzustellen scheint und doch im Rahmen einer künstlerischen Interpretation seine Zeichenhaftigkeit und Symbolfunktion erhalten kann. Es verweist auf die Verschränkung von Kunst und Markt und deren Rückkopplung an Kultur und Identität postkolonialistischer Staaten sowie deren heutige Lebensbedingungen – jenseits jedes glücklichen Nestes – und deren Möglichkeiten der Teilnahme an einem internationalisierten Kunstschaffen und Kunstbetrieb.

Meschac Gabas „Museum of Contemporary African Art“ und Latifa Echakhchs „Les sanglots longs“ sind bis zum 15. November in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel zu sehen. Am Mittwoch, 16. September, veranstaltet die Kunsthalle Fridericianum einen „InsideOut Talk“ mit dem Göttinger Wissenschaftler Bassam Tibi. Um 18 Uhr wird es um „Berber, Araber und Juden in einer kulturell-pluralistischen Gesellschaft“ gehen.

Von Tina Lüers

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