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Regional Intendant des Deutschen Theaters Göttingen, Mark Zurmühle, geht
Nachrichten Kultur Regional Intendant des Deutschen Theaters Göttingen, Mark Zurmühle, geht
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17:17 18.07.2014
15 Jahre lang Chef des Deutschen Theaters: Intendant Mark Zurmühle will als freier Regisseur weiterarbeiten. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

„Da muss ich erst überlegen“, sagt der 61-jährige Schweizer. Doch dann kommt die Antwort ganz schnell.

„Bei den Beleuchtern. Licht ist toll. Wenn ich noch mal umsatteln müsste, würde ich zu den Beleuchtern wechseln“, sagt Zurmühle und lacht. Natürlich wird er nicht wechseln. Seine 15-jährige Amtszeit war erfolgreich. Spannende Inszenierungen standen auf dem Spielplan, die Besucher honorierten die theatrale Qualität. „Bis jetzt haben wir in der Spielzeit 2013/14 eine Auslastung von weit über 80 Prozent. Das ist überragend“, erklärt Zurmühle.

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Stolz ist Zurmühle auf Inszenierungen wie „Die Räuber“, „Zauberberg“ oder „Die Jungfrau von Orleans“, die – nicht alle von ihm selbst inszeniert– überregional aufgefallen sind, in Göttingen aber widersprüchlich aufgenommen wurden. Zurmühle steht zu den Arbeiten und sagt, Kunst habe ja nicht nur mit Geschmack zu tun, sondern auch mit Inhalten und Erzählformen.

„Ich würde sagen, sie ist jünger geworden“

„Die Wirklichkeit so zu beschreiben, wie sie in diesen Inszenierungen beschrieben ist, halte ich für künstlerisch relevant.“ Schade sei es, dass Teile des Publikums dem nicht immer folgen wollten. Andere hingegen schon. Doch er schätze das Publikum, weil die Menschen „immer mit uns den Dialog gesucht haben – und nicht durch Wegbleiben deutlich gemacht haben, was sie schätzen, sondern durchs Kommen.“

Drei Intendanten-Verträge mit je fünf Jahren Laufzeit hat Zurmühle unterschrieben. Eine Zeit, in der sich Göttingen verändert habe? „Ich habe die Stadt erst sukzessive kennen gelernt. Ich habe 15 Jahre gebraucht, bis ich sie kannte. Sie hat sich sicherlich verändert. Ich würde sagen, sie ist jünger geworden.“

Die Freie Szene sei aktiver, mehr Studenten gingen ins Theater, meint Zurmühle. Sein Fazit: „Ich finde sie richtig gut.“ Allerdings bescheinigt er der Stadt zeitweise mangelndes Selbstbewusstsein beim Marketing.

„So sollte Theater immer funktionieren“

Besonderen Spaß habe ihm die Inszenierung „Die Vermessung der Welt“ nach dem Roman von Daniel Kehlmann bereitet. Wegen des Stoffes? Eher „wegen der Art, wie probiert wurde. Wir haben den Stoff in die Mitte gelegt, dann waren alle gefordert.“

Dies sei bei dieser Produktion besonders gelungen, sagt Zurmühle und bezeichnet die Beteiligten als „kreative Kraftwerke“. Zurmühle: „So sollte Theater immer funktionieren.“

Noch offene Projekte nennt Zurmühle nicht. Doch in den vergangenen Jahren seien die Türen zahlreiche Institutionen geöffnet worden, weil Chefdramaturg Lutz Kessler viele Kontakte geknüpft habe. Da hätte er gerne losgelegt. Die Arbeit in den Schulen sei gut vorangekommen. Das habe den Heranwachsenden geholfen, sich zu artikulieren. Zurmühle: „An dieser Stelle hätte ich gerne weitergemacht.“

„Wenn ich hier aufhöre, muss es mal her, dieses halbe freie Jahr“

Mit seiner Familie hat Zurmühle abgesprochen, dass sie in Göttingen wohnen bleiben. „Es gefällt uns gut, auch die geographische Lage passt perfekt.“ Denn Zurmühle wird künftig als freier Regisseur arbeiten, von Göttingen aus sei alles gut zu erreichen.

Das nächste Projekt, das er angeht, ist die Inszenierung des Stückes „Fremdes Haus“ von Dea Loher – „der Stoff und die Autorin liegen mir sehr nahe“, sagt Zurmühle. Die Premiere ist für den 27. Juni 2015 geplant – im Deutschen Theater Göttingen. An seiner Seite wird dann das gewohnte Team arbeiten: Lebensgefährtin Eleonore Bircher entwirft das Bühnenbild, Ilka Kops ist für die Kostüme zuständig.

Es sei nicht der Mangel an Angeboten, der für die viele freie Zeit zwischen dem Spielzeitende 2013/14 und der ersten Regie liege, erläutert Zurmühle. „Wenn ich hier aufhöre, muss es mal her, dieses halbe freie Jahr.“ Seit 1981 habe er ohne Zäsur durchgearbeitet. „Jetzt will ich erst mal sortieren, was ich überhaupt will.“ Künftig solle es nur noch um Inhalte gehen. Die Zeit will er nutzen, um sich mit Literatur zu beschäftigen.

„Immer zu bleiben, dass ist nicht der richtige Weg“

Und wichtige Filme will er anschauen, die er gekauft habe, aber nie zum Anschauen gekommen sei. „Ich mache dann mal das, was andere Menschen in ihrer Freizeit tun.“ Und daraus, davon ist Zurmühle überzeugt, entwickelt sich wieder ein Lebensplan.

Viele Schauspieler, Regisseure und Dramaturgen holte Zurmühle in seiner Amtszeit, viele sind wieder gegangen. Was bleibt nach dieser intensiven Zeit? „Man hat sich gegenseitig geprägt“, sagt Zurmühle. Denn, „da, wo ich bin, ist Theater demokratisch“. Mit Renate Winkler und Irina Wrona habe er gearbeitet, „das hat uns geholfen, ein bestimmtes Frauenbild zu prägen“. Und: Sie seien gegenseitig gewachsen durch die Begegnung.

Sein Abschied vom DT sieht er offensichtlich inzwischen entspannt. „Immer zu bleiben, dass ist nicht der richtige Weg.“ Die Möglichkeit, als Intendant oder Regisseur fest an ein anderes Haus zu gehen, schätzt er aufgrund seines Alters als gering ein.

Alexander Kluge. Der hat hier zwar nur gelesen, sich aber sehr bescheiden für meine Hausführung bedankt“

Er habe immer feste Zusammenhänge gesucht. Und wenn man nicht zu den ganz Bekannten der Szene zählt, können die Akteure dem Gast das Leben auch ganz schön zur Hölle machen. „Sie behandeln dich dann wie einen Regieassistenten“, sagt Zurmühle. Also mal kräftig mit der Faust auf den Tisch schlagen? „Das liegt mir nicht“, meint Zurmühle.

Eine Antwort auf die Frage, was er aus heutiger Sicht anders machen würde, fällt ihm schnell ein. „Ich würde viel, viel schneller auf die Institutionen zugehen, um mit ihnen zu kooperieren. Ich würde mich nicht abschrecken lassen und insistieren.“

Auch die Frage nach beeindruckenden Begegnungen beantwortet Zurmühle sehr schnell: „Alexander Kluge. Der hat hier zwar nur gelesen, sich aber sehr bescheiden für meine Hausführung bedankt.“ Zurmühles Resümee in einem Satz schließlich: „Es war eine glückliche Zeit.“

Von Peter Krüger-Lenz