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Regional „Alles nehme ich ernst – auch das Heitere“
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10:00 05.07.2019
Der Schauspieler Ilja Richter ist in diesem Jahr gleich zweimal zu Gast in Göttingen – beim Kultursommer und beim Literaturherbst. Quelle: dpa
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Göttingen

Mit seinem Karl-May-Programm „Vergesst Winnetou“ ist Ilja Richter am Sonntag, 7. Juli, im Deutschen Theater beim Göttinger Kultursommer zu Gast. Wie er dazu gekommen ist und wie er zu seiner Vergangenheit steht, verrät der Schauspieler, Sänger, Synchronsprecher, Autor und Bühnenregisseur im Telefoninterview mit dem Tageblatt.

Sie haben eine ganze besondere Beziehung zu Göttingen, seien auf wundersame Weise von Theater, Menschen und Stadt fasziniert, schreibt ihre Agentur. Was verbindet Sie mit Göttingen?

Meine Begeisterung für die Stadt trifft zu, ich würde das Wort faszinierend aber austauschen. Es berührt mich, dass ich wieder nach Göttingen komme. Als ich dort vor zehn Jahren als Gast am Deutschen Theater Richard III. spielte, habe ich schon vorab an bestimmte Namen von Schauspielern wie Siegfried Breuer oder Heinz Hilpert gedacht, die selbst in meiner Generation kaum noch wahrgenommen werden. Ich bin von Theater- und Filmgeschichte geprägt, verbinde mit Göttingen natürlich auch die kurze Ära der Filmstudio-Zeiten. Einer meiner Lieblingsfilme ist „Buddenbrooks“. Göttingen ist für mich nicht einfach irgendeine Stadt. Vor dem spannenden Angebot für Richard III. war ich schon verwöhnt durch den Erfolg von „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran. In Göttingen war es besonders schön. Ich habe mittendrin in der Innenstadt als Gast gewohnt und habe mich in der Studentenstadt mit ihren Plätzen sehr wohl gefühlt.

Beim Göttinger Kultursommer gastieren Sie in diesem Jahr mit ihrem neuen Programm „Vergesst Winnetou“. Wie sind Sie ausgerechnet auf Karl May verfallen?

Das kann ich sehr einfach beantworten. Ich habe 2017 die Premiere zu diesem Programm in Dieter Hallervordens Schlossparktheater umgesetzt. Darauf gekommen bin ich aber ein Jahr zuvor, als ich beim Mitteldeutschen Rundfunk 32 Folgen für das Radio aufnahm: Geschichten von Karl May, die ganz weit weg waren von dem, was wir mit ihm assoziieren, also von Winnetou oder dem im Orient spielenden „Durchs wilde Kurdistan“. Das waren Geschichten über den „Alten Dessauer“. Karl May hat 6000 Arbeiten hinterlassen und ist noch immer Deutschlands erfolgreichster Buchautor. Mich interessieren Biografien ungewöhnlicher und widersprüchlicher Charaktere. Und Karl May ist so ein völlig widersprüchlicher Charakter. Deshalb taucht im Programm auch immer wieder die Formulierung „vom Kleinkriminellen zum Großschriftsteller“ auf. Das klingt sehr ernst, tatsächlich handelt es sich aber um mehr als nur eine schräge Lesung mit Musik und folgt dem Motto: Ilja Richter singt, spielt, liest und tanzt den Karl May.

Schauspieler Ilja Richter knöpft sich Karl May vor. Quelle: r

Also ein augenzwinkerndes, ironisches, heiteres und eher leichtes Programm?

Ja, klar. Die Ironie steckt ja schon in „Ich tanze den Karl May“. Das Leben von Karl May war allerdings nicht heiter, sondern tragikkomisch.

Mit „Disco“ und „Licht aus – Spot an“ haben Sie das Fernsehgedächtnis einer ganzen Generation geprägt. Sehnen Sie sich manchmal nach dieser Zeit zurück, verbinden Sie damit angenehme Erinnerungen?

Ich sehne mich nach gar nichts zurück. Es passt doch nicht, dass ich erlebt haben soll, was die Erinnerungen anderer an diese Zeit ausmacht. Alles weitere ist Nostalgie und hat mit mir ebensowenig zu tun als ob ich Sie fragen würde, wann sie studiert haben und ob es für Sie noch ein offenes Kapitel ist. Es gibt Abschnitte im Leben, die sollte man einfach in Ruhe lassen, sie nicht immer wieder aufklappen wie Bücher und sich selbst zuraunen, wie schön die Zeit war.

Was haben Sie selbst für musikalische Vorlieben?

Klassische Romantik vor allen Dingen und Jazz. Besonders die Romantiker haben es mir angetan. Ich weiß, dass viele Leute, die an die Sendung denken, sofort meinen, ich müsste ihnen die 1970er-Jahre präsentieren. Damit kann ich dienen. Es sind dann aber mehr die 70er-Jahre aus dem Jahrhundert zuvor, also die Jahre 1870 bis 1880, als mein ganz persönlicher Geschmack. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich die Musik nicht mochte, was man mir auch teilweise unterstellt hat, dass ich eine Sendung präsentiert habe, mir selbst aber nichts aus Pop-Musik machte. Ich würde das differenzierter sehen. Ich habe eine musikalische Show mit Pop und Schlager betreut und etwas gebracht, was vorher nicht da war, nämlich Ironie, Posse, sicherlich auch mit durchaus klamottigen Mitteln. Das hatte den Ansatz von Bildungsbürger-Heiterkeit. Ich kam nicht vom Radio, sondern vom Theater und habe alle Theatermittel von der Parodie bis zum Erfinden von Figuren eingebracht. Und wenn ich hier in Göttingen jetzt wieder auf der Bühne stehe, dann nehme ich das genauso ernst wie vor zehn Jahren Richard III. Nach Karl May im Kultursommer werde ich beim Göttinger Literaturherbst mit Arthur Koestlers Roman „Sonnenfinsternis“ vertreten sein, mit einem ganz, ganz dunklen und aufrührenden Buch über Foltermethoden und Psychoterror im Stalinismus, einen in Ungnade gefallenen Revolutionär der ersten Stunde. Ich mache heute dies und morgen das, und alles nehme ich ernst – auch das Heitere, und das ganz besonders.

Werden Sie noch häufig auf der Straße erkannt und auch angesprochen?

Ja, das liegt in der Natur der Dinge. Der Mensch ist ein gerne rückwärts blickendes und manchmal sentimentales Tier. Die Melancholie finde ich weitaus interessanter als die Sentimentalität, die oft aus Trugschlüssen und Illusionen, der Sichtweise auf etwas genährt wird. Aber die Melancholie oder Nachdenklichkeit ist ein viel, viel individuellerer Akt.

Wo wir bei schon bei Melancholie und Nachdenklichkeit sind. Sie haben ein Buch titels „Du kannst nicht immer 60 sein. Mit einem Lächeln älter werden“ geschrieben. Sie sind jetzt 66. Haben Sie Angst vor dem Alter, wie stehen Sie zum Älterwerden?

Der Titel des Buches beinhaltet ja schon, dass ich das mit einem Lächeln versuche. Man sollte das aber auch nicht missverstehen. Ich neige nicht dazu, den Alterungsprozess zu bagatellisieren und zu verkitschen, auch nicht dazu, zu sehr in der Vergangenheit herumzuwaten und immer im Gestern zu fischen. Man muss versuchen, das Älterwerden zu versachlichen, die Erinnerung darf nicht zum Motor werden. Sätze wie „Das waren noch Zeiten, schön war die Zeit, das war noch Musik“ belächele ich von ganzem Herzen. Das ist sentimentaler Quatsch.

Sie haben eine jüdische Mutter und ein Buch mit dem Titel „Der deutsche Jude“ geschrieben. Beunruhigt Sie der immer wieder aufkeimende Antisemitismus in Deutschland?

Wen Antisemitismus nicht beunruhigt, der ist ein Depp und nicht an einem guten Zusammenleben interessiert. Dazu braucht man keine jüdische Mutter zu haben. Ich bin genauso beunruhigt wie so mancher andere deutsche Bundesbürger, der etwas von Demokratie hält und der auch weiß, warum man sie bewahren muss. In dem Buch habe ich ein ernstes Thema satirisch behandelt. Satire heißt, mit dem Florett etwas anfechten, wo andere die Axt nehmen.

Weitere Informationen:

Ilja Richter mit 40 Jahre Disco in der Lokhalle

Erinnerungen an Göttingen

Karl-May-Show mit Ilja Richter

In den 1970er-Jahren, als sich Ilja Richter mit der ZDF-Show Disco im Kollektivgedächtnis der öffentlich-rechtlichen Fernsehnation verewigte, waren noch in vielen Jugendzimmern Karl-May-Bände zu finden. Beim Göttinger Kultursommer ist Richter mit seinem Programm „Vergesst Winnetou“ vertreten. Im Deutschen Theater unternimmt der 66-jährige Schauspieler, Synchronsprecher, Sänger, Autor und Bühnenregisseur am Sonntag, 7. Juli, ab 20 Uhr eine Tour durch das schräge Leben Karl Mays. In 90 Minuten setzt er den Lebensweg Mays vom Kleinkriminellen zum Bestseller-Autor in Szene – mit Lesung, Tanz, eigenen Liedern und Chansons, Anekdoten und Erzählungen über Winnetou-Filme, Pierre Brice und Lex Barker. Karten sind im Vorverkauf im Deutschen Theater erhältlich. ku

Katja Riemann verwebt Literatur, Film und Schauspiel

Ob Drama oder Komödie, komische Rollen wie zuletzt in Fack yu Göhte oder ernste Rollen wie in der Apothekerin – die erfolgreiche Schauspielerin und Sängerin Katja Riemann beherrscht sie alle. Mit einem todernsten Thema startet die 55-Jährige am Sonnabend, 6. Juli, um 20 Uhr im Deutschen Theater multimedial den Göttinger Kultursommer. Sie greift Edgar Hilsenraths Epos „Das Märchen vom letzten Gedanken“, in dem es um den Völkermord an den Armeniern geht, auf und bringt den deutsch-jüdischen Schriftsteller mit der Musik von Kurt Weill zusammen. Die literarisch-musikalische Begegnung wird vom französischen Jazzpianisten Guillaume de Chassy am Klavier und Videoinstallationen von Riemanns Tochter Paula begleitet. Karten sind im Vorverkauf im Deutschen Theater erhältlich. ku

Kultursommer-Programm in der Ferienzeit

Neun Eigenveranstaltungen, die alle um 20 Uhr beginnen, hat die Stadt Göttingen für den Kultursommer an Land gezogen. Nach dem Auftakt mit Katja Riemann am 6. Juli und Ilja Richter am 7. Juli im Deutschen Theater geht es im Alten Rathaus weiter: Youkali, Seiltänzerin ohne Netz, am 11. Juli. Tina Teubner, Wenn du mich verlässt komm ich mit, am 14. Juli. Candlelight Dynamite, Die Wilden Schwäne, am 20. Juli. Dietrich & Raab, Das Imperium schlägt was vor, am 21. Juli. Karl Miller, Einmalig, am 3. August. Cloud 6, Swing’n’Soul meets Rock’n’Roll am 10. August. Mencz & Rettig, Elena Ferrante: Meine geniale Freundin, am 15. August. Infos und Karten unter kultursommer.goettingen.de. Am 16. und 17. August steigt im Rahmen des Kultursommers das KWP-Festival.

Von Kuno Mahnkopf

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