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Regional Ulrich Tukur über Italien, Deutschland und die Kunst
Nachrichten Kultur Regional Ulrich Tukur über Italien, Deutschland und die Kunst
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15:38 30.12.2018
Ulrich Tukur und Sebastian Knauer präsentieren im Deutschen Theater die musikalische Lesung „Moby Dick“. Quelle: Andreas Hornoff
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Göttingen

Tukur ist sein Künstlername und abgeleitet von einem seiner Vorfahren, der seinen Sohn „einfach nur“ Napoleon nennen wollte („tout court Napoleon“). Geworden ist aus dem Tous Cour ein Tukur – und einer der größten deutschen Schauspieler und Musiker. Unsere Redakteurin Katharina Spiewak hat den Künstler vor seinem Auftritt mit der musikalisch-literarischen Lesung „Moby Dick“ am 19. Januar in Göttingen zu einem Interview getroffen.

Fühlen Sie sich mehr dem Norden oder dem Süden Deutschlands verbunden?

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Ich stamme ja ursprünglich aus einer süddeutschen Familie, meine Mutter ist Oberschwäbin, mein Vater Stuttgarter. Ich habe mich dort aber nie verortet. Wir sind durch den Beruf meines Vaters viel umgezogen. Und dann kam ich 1985 mit Regisseur Peter Zadek das erste Mal nach Hamburg und habe mich in diese Stadt total verliebt.

Es steht die Überlegung an, dass Sie von Venedig – Ihrem jetzigen Wohnort – entweder nach Hamburg oder Berlin ziehen. Ist Ihre Entscheidung schon gefallen?

Ich bin für Hamburg, meine Frau für Berlin. Meine Frau ist ursprünglich Hamburgerin aber der Meinung, dass man nie dorthin zurückkehren sollte, wo man herkommt. Den Kampf haben wir noch nicht zu Ende geführt. Ich würde am liebsten in Italien bleiben, weil ich Angst vor den Unwegsamkeiten dieses Landes habe. Ich bin hier seit 20 Jahren nicht mehr wirklich, sondern immer als Gast, wenn ich Theater spiele oder Filme drehe. Ich weiß gar nicht, ob ich das überhaupt noch kann, hier zu leben.

Wie fühlt es sich an, Deutschland aus der Ferne zu erleben?

Ich merke, dass das, was wir als sichere politische Landschaft in Form von Parteien verstehen und wie wir das seit 1949 im Land haben und kennen, in der jetzigen Form schwindet. Ich sehe den Rechtsruck. Und in Deutschland ist der Hang zur Hysterie groß, wobei ich den Eindruck habe, dass man hierzulande wahnsinnig übertreibt. Noch geht es uns ja ökonomisch hervorragend. Zum Glück. Wenn das nicht der Fall wäre, dann würde ich für dieses Land die Hand nicht mehr ins Feuer legen. Das hat man ja 1929 an der Wirtschaftskrise gesehen, was da passiert ist, als es den Leuten nicht mehr gut ging.

Und in Italien?

Italien ist politisch ein Desaster. Sie müssen sich das so vorstellen, als würden die Linken eine Koalition mit der AFD eingehen. Da wissen die Lager eigentlich auch nicht wirklich, was sie wollen. Aber trotzdem ist das in Italien anders. Da haben die Leute diesen Hang zur Hysterie nicht. Die Leute behalten ihren Humor, obwohl es in diesem Land seelisch kriselt – ganz anders, als ich es vor 20 Jahren kennengelernt habe.

Ausgerechnet die Italiener haben keinen Hang zur Hysterie?

Nee, es geht ihnen nicht um die Wurst. Vielleicht verspielen sie ihre Wut auf den Marktplätzen mit ihrer wilden Gestikulirerei – aber sie haben diesen kalten Hass nicht. Das Schlimme an diesem politischen Diskurs hier ist dieser Hang, die politisch Andersdenkenden - egal ob man nun rechts oder links steht - eliminieren zu wollen. Dass man sich immer so streiten und hassen muss?! Jeder begreift die Welt auf seine Art und Weise. Und darüber muss man reden können – und nicht die Leute skandalisieren und ausschließen. Das ist ganz schlimm in Deutschland.

Wenn man so viele kreative Dinge macht, wie Musizieren, Schreiben und Schauspielern. Kann man sich da auf seine Kreativität verlassen oder muss man sich „zwingen“?

Das kommt, wie es kommt. Das kann man nicht erzwingen.

In welcher Ihrer Künste fühlen Sie sich am meisten Zuhause?

Ich liebe das Musizieren mit meinen Jungs, auch wenn ich nicht so furchtbar begabt bin, aber ich liebe Musik! Und ich liebe die Künste, die etwas Kreatives schaffen, wie auch das Schreiben, wo man Drehbuchautor, Regisseur und so vieles auf einmal sein kann. Schauspielerei ist für mich nicht die Spitze der Künste.

Welchen Auftrag hat Kunst für Sie?

Sie soll die Menschen verzaubern. Ein tolles Gedicht zum Beispiel ist für mich wie ein Licht im Dunkeln. Ich trage es mit mir herum, es gibt mir Kraft und Inspiration.

Termin und Tickets

Ulrich Tukur ist mit „Moby Dick“ am Sonnabend, 19. Januar, um 19.45 Uhr im Deutschen Theater Göttingen zu Gast. Am Klavier begleitet ihn Sebastian Knauer. Die beiden präsentieren eine literarisch-musikalische Lesung des gewaltigen Eposes von Herman Melvilles Roman und Musik von Franz Liszt, Scott Joplin, Modset Mussorgsky, Antonin Dvorak und Fréderic Chopin. Eintrittskarten sind in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Marktstraße 9 in Duderstadt und Weender Straße 44 in Göttingen, sowie im Deutschen Theater Göttingen und unter gt-tickets.de erhältlich.

Von Katharina Spiewack