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Regional Jazz als Freiheit des persönlichen Ausdrucks
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18:26 02.11.2011
Ein Leben für den Jazz: Siegfried Loch. Quelle: Pakzad
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Hatten Sie als Musikmanager bereits Kontakt mit Göttingen?

1960 besuchte ich als Außendienstmitarbeiter für die Electrola jeden Monat Händler in Göttingen. Dort gab es damals es ja wenige Schallplattenfachgeschäfte und Musikalienhändler mit einer guten Musik- und Schallplattenabteilung. Es gab sonst nur Elektrohändler, mit einem reduzierten Angebot aktueller Schlager.

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Ihr Schlüsselerlebnis war ein Konzert des Jazzsaxophonisten Sidney Bechet. Klingt von seiner Musik noch etwas in Ihren Produktionen nach?

1955 hat er mich zum Jazz bekehrt – zu einem Zeitpunkt, als ich vorher noch nie bewusst Jazz gehört hatte. Er verkörpert Spielfreude, die Idee der Entfaltung von Individualität und der Freiheit des persönlichen Ausdrucks in einer Gruppe von Gleichgesinnten – das ist für mich noch heute die Konzeption von Jazz.

Hat Ihnen Jazz auch persönlich geholfen, ihr Leben zu improvisieren?

Klar! Die Spontanität, die im Jazz ganz wichtig ist, habe ich zu einem ganz wichtigen Faktor meines Handelns gemacht. Spontan und undogmatisch bin ich immer noch – manchmal zu spontan sagen meine Freunde.

Wie erklären Sie sich Ihre so erfolgreiche Laufbahn?

Meine Karriere hat sich aufgebaut, eine Station folgte der nächsten. Als Vertreter der Electrola habe ich versucht Platten zu verkaufen, die als unverkäuflich galten, und geendet hat meine Karriere in der Chefetage von Warner International. Das ist eine der steilsten Karriere, die jemand – aus Deutschland sowieso – in diesem Business je gemacht hat.

Doch dann kam die Zäsur: Sie stiegen bei Warner aus und gründeten 1992 Ihr Jazzlabel ACT.

Ich haben entschieden, dass ich nach 30 Jahren Konzerntätigkeit nicht mehr wichtig sein möchte, sondern nützlich. Die Idee, warum ich einst ins Schallplattengeschäft eingestiegen bin, war, dass ich mich als Musiker nicht besonders talentiert gehalten habe, aber mit der Musik verbunden sein wollte, um im Idealfall eines Tages mein eigenes Jazzlabel machen zu können. Nachdem ich am oberen Ende der Leiter in meiner Konzernkarriere angekommen war, habe ich gedacht: Wenn ich jetzt nicht aufhöre, dann mache ich das nie.

Ein Jazzlabel zu gründen ist ja betriebswirtschaftlich riskant.

Ja! 1992 war es absehbar, dass mit dem Siegeszug des Internets das Schallplattengeschäft den Bach runter gehen wird. Die internationalen Tonträgermärkte haben über 50 Prozent ihres Volumens verloren. Wenn man gegen diesen Trend ein neues Jazzlabel durchsetzen will, kann man es nur mit einem hohen Anspruch an sich selbst und an die Künstler mit denen man arbeitet, schaffen. Man darf nur nicht erwarten, dass man damit reich wird.

Wie haben Sie es dann geschafft?

Die Konzerntätigkeit hat mich finanziell unabhängig gemacht und das hat es mir erlaubt, mich selbst zum Kulturarbeiter zu machen. Seit dem versuche ich Künstlerpersönlichkeiten aufzuspüren und aufzubauen statt erfolgreiche Künstler mit Geld an mich zu binden – Marktanteile zu kaufen, haben wir das früher im Konzern genannt. Ich mache dies wegen meines Traums eines eigenen Jazz­labels und um junge Talente zu entdecken – wie ich mit Freude feststelle, mit zunehmendem Erfolg.

Heute gibt es viele kleine Labels, und Musiker produzieren sich selbst. Ist das nicht demokratischer als das Wirken der riesigen Musikkonzerne?

Das ist nicht demokratischer, das ist Anarchie! Musikproduktionen werden doch gemacht für Menschen, die sie hören und kaufen sollen. Was heute via Tonträger und Internet auf die Musikfreunde einströmt, ist eine extreme Informationsflut, die sie nicht mehr überschauen können. Deshalb konzentriert sich alles immer mehr auf die bereits etablierten Stars. Dem Neuen fehlt die Basis. Die Independent-Labels sterben und die Majors werden immer stärker, weil sie gemeinsam auf einem Archiv von 100 Jahren Musikproduktion sitzen und diese immer wieder recyklen können.

Siegfried Loch ist am Mittwoch, 9. November, ab 20 Uhr zu Gast im Literarischen Zentrum, Düstere Straße 20 in Göttingen. Seine Autobiografie „Plattenboss aus Leidenschaft“ ist 2010 bei Edel erschienen.