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Regional Warum gibt es so wenige Frauen im Jazz, Frau Heinzelmann?
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09:55 08.08.2019
Mauretta Heinzelmann Quelle: r
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Rittmarshausen

„Frauen machen Jazz“: Unter diesem Thema steht das diesjährige Festival „Jazz ohne Gleichen“ in Rittmarshausen. Am Sonntag, 25. August 2019 stehen ausschließlich Jazzmusikerinnen auf der Bühne der Kulturscheune. Zuvor gibt es am Samstag, 24. August ein Symposium zum Thema „Frauen im Jazz“. Moderiert wird es von der Musikerin und NDR-Musikautorin Mauretta Heinzelmann. Mit ihr unterhielt sich das Tageblatt über weibliche Vorbilder und Themen, die Frauen in den Jazz einbringen.

Wer hat Sie selber zum Jazz gebracht?

Im Plattenschrank meines Vaters fand ich „Ella singt Gershwin“. Als Kinofan kaufte ich mir die Filmmusik von „Anatomy of a murder“ von Duke Ellington. Bei einem Workshop mit dem Saxofonisten John Tchicai improvisierte ich zum ersten Mal auf der Geige. Ein Schlüsselerlebnis: die Präsenz des Momentes und das Vergnügen, Klänge zu erfinden.

Wie sind Ihre Erfahrungen als Frau im Jazz?

Jazzmusiker und -musikerinnen sind meistens herzlich und offen. Innerhalb von Projekten sind meine Erfahrungen sehr gut. Für mich war es wertvoll in Frauenzusammenhängen zu spielen, um erst einmal „Sisterhood“ zu erfahren und sich auszuprobieren – z.B. mit dem „United Women’s Orchestra“. Heute ist mir wichtig, dass die Persönlichkeiten einer Band harmonieren und eine gemeinsame Vision verfolgen.

Das Programm

Jazz ohne Gleichen findet statt auf Schloss Rittmarshausen. Das Symposium beginnt am Samstag, 24. August, um 11 Uhr. Auf dem Podium sitzen Julia Hülsmann (Union Deutscher JazzmusikerInnen), Nicole Johänntgen (Saxofonistin), Hanna Carlson (Sängerin), Sina Mareike Schulte (LAG Jazz). Ab 14 Uhr gibt es Jazz-Workshops und ab 19.30 Uhr die musikalische Lesung „Er war eine Frau“. Bei den Jazzkonzerten und dem Familienfest am Sonntag, 25. August, spielen von 11.30 bis 20.30 Uhr das Projektensemble „Frauen machen Jazz“, „S.O.F.I.A. – Sisters in Jazz“, Julia Hülsmann sowie die Bigband „SIEA“. Kartenverkauf unter anderem in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Weender Straße 44 in Göttingen und Marktstraße 9 in Duderstadt. Mehr Informationen: www.kulturverein-rittmarshausen.de

Seit Beginn der Jazzgeschichte waren Frauen im Jazz, z.B. die Pianistin Lil Hardin bei Louis Armstrong. Woher kommt der geringe Anteil von Frauen bis heute im Jazz?

Es liegt am männerdominierten Business, am Sexismus in der Musikindustrie. Außerdem haben Frauen oft andere Prioritäten, aber auch Lebensrhythmen. Ganz praktische Probleme: Es gibt selten Kitas zu den Auftrittszeiten von Jazzmusikern und Jazzmusikerinnen. Männlichen Musikern wird bei Drogenproblemen oder Charakterfehlern eher eine zweite Chance gegeben. Im Falle von Inge Brandenburg oder Jutta Hipp ließ man sie in Krisenzeiten fallen. Selten hatten Frauen unterstützende Männer an ihrer Seite, wie es umgekehrt doch häufig der Fall war durch sorgende und Geld verdienende Ehefrauen.

Brauchen wir mehr weibliche Vorbilder?

Klar, aber dieser Prozess ist im Gange. Es gibt immer mehr Frauen an diversen Instrumenten. Es wird normaler. Ich habe festgestellt, dass Musikerinnen selbstverständlicher zum Erfolg fanden, wenn sie eine fördernde Mutter hatten, die Künstlerin war, oder es eine weibliche Tradition in der Familie gab. Beispiele sind Maria Schneider, Tini Thomsen und Anna-Lena Schnabel.

Änderte sich die Rolle von Frauen in den letzten Jahren?

Frauen sind an allen Instrumenten akzeptiert und willkommen – wenn sie gut sind. Aber wie wird man gut? Im Jazz durch das gemeinsame Spielen. Da geht es um Zeit und Raum, um „angerufen werden“, um rare Auftrittsmöglichkeiten, um gemeinsame Reisen, um einen bestimmten Humor. Da mag es sein, dass Mann den bewährten Kumpel vorzieht – das erzählte mir zumindest die Saxofonistin Alexandra Lehmler. Sie leitet also – wie die meisten erfolgreichen Jazzerinnen – ihre eigenen Projekte, ist eine Pionierin. Toll ist, was die Bassistin Lisa Wulff erreicht hat: Sie ist Sidewoman bei Rolf Kühn, hat ihre eigenen Projekte und erhielt gerade den Hamburger Jazzpreis.

Bringen Frauen etwas in den Jazz, was Männer weniger haben?

Frauen bringen ihre eigene Lebenserfahrung ein – genau wie Männer. Die ist so vielfältig wie die diversen Lebensentwürfe. Aber es liegt auf der Hand, dass Frauen andere Lebensrhythmen haben und andere Geschichten erzählen können. Frauen kommen am Thema „Leben bewahren und schützen“ nicht vorbei – zu einer oder der anderen Zeit.

Welche Rolle spielt der Journalismus bei der Förderung von Frauen im Jazz?

Eine sehr große! Wer wie viel Raum erhält, wer Wichtigkeit zugesprochen bekommt, wer Auszahlungen für Rundfunkzeit erhält: Das ist von Bedeutung in einer Musik, die „freischaffend“ abläuft und sich selbst verkaufen muss. Es ist wichtig zu wissen, dass ein Teil der Jazzbewegung weder auf Tonträgern noch in den Medien abläuft, sondern live, auf Proben, Sessions, in den komponierenden Köpfen. Dafür bemühe ich mich, wach zu bleiben.

Das Festival „Jazz ohne Gleichen“ findet auf einem Dorf statt. Was ist für Sie der Charme von solchen Festivals auf dem „platten Land“?

Gerade kürzlich habe ich erlebt, dass die Menschen auf dem Land dankbar sind für jede Art von Lebendigkeit und Begegnung, und da hat der Jazz einiges zu bieten. Wenn diese anspruchsvolle Musik in gutem Rahmen kommuniziert wird, dann kann sich auch die Wahrnehmung erweitern und Berührungsangst überwunden werden. Jazz ist eine Musik, die immer interkulturell und verbindend wirkte, die Toleranz und Respekt einforderte – davon können Frauen nur profitieren, der Jazz ist für Frauen doch wie gemacht.

Von Udo Hinz (Interview)

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