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Regional Nicole Johänntgen: Frauen, werdet sichtbar und seid Vorbilder
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08:41 08.03.2019
Nicole Johänntgen Quelle: Daniel Bernet
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Göttingen

„Frauen machen Jazz“ lautet das Motto des vierten Festivals „Jazz ohne Gleichen“. 2019 soll die Bühne in Rittmarshausen allein weiblichen Musikern gehören. Eine von ihnen ist die Saxofonistin Nicole Johänntgen. Sie fordert mehr Sichtbarkeit für Frauen im Jazz ein.

Schaut man sich die
Jazzstudie 2016
an, kann man mit Fug und Recht behaupten: Jazz ist eine echte Männerdomäne. Gerade einmal ein Fünftel der Musiker im Jazz seien Frauen, ist darin zu lesen. Was glauben Sie, woran liegt das?

Frauen gab es schon immer, aber bei der Berichterstattung hat man sie nicht wirklich erwähnt und unterstützt. Wenn man unsere heutigen Möglichkeiten schon mit Beginn an der Jazzzeit gehabt hätte, würden wir heute vielleicht nicht mehr darüber reden. Ich erstaune immer, wie viele Musikerinnen ich nicht kenne, die schon vor sehr langer Zeit aktiv waren. Erst durch das Internet werden sie sichtbar. Und zwar von Osten nach Westen und von Süden nach Norden. Gott sei Dank! Mit der Sichtbarkeit ist das der erste Schritt als Vorbild. Ich selbst habe angefangen, Saxofon zu spielen, weil ich eine Frau am Saxofon gehört und gesehen habe. Es hat mich fasziniert. Und ich sagte damals: „Das will ich auch können.“ Die Sichtbarkeit könnte ein Grund von vielen seien, die dazu führten, dass es weniger Jazzmusikerinnen gibt.

Offenbar ist der Mut, ins Rampenlicht zu treten, nicht das Problem. Die Studie sagt, 86 Prozent der Jazz-Frauen seien Sängerinnen, die dann eben auch im Vordergrund stehen. Wie passt das zusammen? Werden Mädchen und Frauen nicht genügend an das Instrumentalspiel herangeführt?

Die Stimme ist das erste Instrument, das wir ausprobieren wenn wir noch Baby und Kleinkind sind. Damit experimentieren wir. Einige von uns entdecken es als Ihr Instrument im späteren Alter wieder und gehen darin auf, und die anderen interessieren sich für andere Instrumente. Bei mir das Saxofon. Ich kannte damals nur mein Vorbild am Saxofon, Candy Dulfer. Ich kann an maximal zwei Händen abzählen, wie viele Jazz-Bassistinnen es in einem Sieben- bis Acht-Millionen-Land wie der Schweiz gibt. Man darf die Funktion als Vorbild nicht unterschätzen. Wenn der Funke überschwappt, dann ist das magisch und wegweisend. Bei mir war es damals eine Frau, die mir diesen Weg geebnet hat und ich bin froh drum und dankbar.

Publikum und Rezensenten scheinen besonders anzuspringen, sobald eine Frau am Schlagzeug sitzt oder ein voluminöses Instrument spielt. Erleben Sie das als Saxofonistin auch?

Ja. „Woher nehmen Sie die Luft?“, fragen sie mich oft. Musik ist Magisch. Irgendwie liegt da ein Zauber in der Luft. Es ist die Unbekannte, die das Erstaunen auslöst. Die Unbekannte und das Selten Gesehene.

Würden Sie sich wünschen, es wäre anders?

Wir haben viele Baustellen in unserer Gesellschaft. Es gilt dran zu arbeiten.

Welche Chancen sehen Sie, mehr Gleichstellung im Jazz und in der Musik überhaupt herzustellen?

Sich gegenseitig inspirieren. Sich unterstützen. Social Media bedeutet ein Sprungbrett für jede Künstlerin und jeden Künstler. Ein Sprungbrett in die Sichtbarkeit. Langfristig erhoffe ich mir, dass es in der Jazzausbildung mehr Frauen gibt. Als Professorinnen, Dozentinnen und Studentinnen. Dass alles ausgewogener ist.

Beim Symposium zum Jazzfestival 2018 gab es zwei Themen, die im Mittelpunkt standen: Jazz ist immer noch eine elitäre Angelegenheit und Jazz ist ein männerdominiertes Genre. 2019 will das Jazzfestival die Frauen zu Wort kommen lassen und ihnen (allein!) die Bühne bieten. Was halten Sie von der Idee?

Ich freue mich jetzt bereits auf die Leute und die Konzertlocation. Und warum denn nicht die Frauen beim Festival 2019 ins Zentrum stellen? Es ist doch eine wunderbare Gelegenheit für uns Musikerinnen, Kolleginnen zu hören, zu sehen, miteinander zu spielen. Klar, Musik kennt kein Gender. Wir vereinen uns. Wir senden Energie raus. Da wir auch Workshops geben, werden wir wahrscheinlich auch Jugendliche dort unterrichten, und dann stecken wir alle mit guter Energie und guter Musik an.

„Frauen machen Jazz“

2019 wollen die Veranstalter von „Jazz ohne Gleichen“, der Kulturverein Rittmarshausen, mit einem allein von Musikerinnen gestalteten Festival das Können von Frauen im Jazz in den Vordergrund rücken. Die bislang „schwache Position der Frauen als Instrumentalistinnen in diesem Genre“ soll damit gestärkt werden, erklären sie. „Zugleich sollen insbesondere Frauen und Mädchen ermutigt werden, sich für den Jazz als musikalische Kunstform zu interessieren und selbstbewusste Schritte nach vorne zu wagen“ und die Vernetzung unter den Musikerinnen gefördert werden. Erwartet würden Musikerinnen wie die Pianistin Julia Hülsmann und die Saxophonistin Nicole Johänntgen sowie zehn junge Musikerinnen der aufstrebenden Bigband SIEA aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ein Symposium beschäftigt sich mit „Frauen machen Jazz“, Musikerinnen leiten Workshops. Außerdem ist eine musikalische Lesung über Billy Lee Tipton geplant, der als Mann in den 1930er- und 1940er-Jahren eine Jazz-Karriere als Pianist und Saxophonist hinlegte – und der eigentlich eine Frau war, wie sich später herausstellte. Was aktuell allerdings fehle, so Matthias Heintz und Jörg Bachmann vom Kulturverein Rittmarshausen, sei ein regionaler Beitrag ist für das Festival, das am 24. und 25. August ansteht: Das Planungsteam habe bis dato noch keine Jazzmusikerinnen als Instrumentalistinnen, geschweige denn Frauen-Jazzensemble aus der Region Südniedersachsen / Nordhessen ausfindig machen können. Für Hinweise seien die Veranstalter dankbar. Sie können per E-Mail an m.heintz@kulturverein-rittmarshausen.de geschickt werden.

Von Nadine Eckermann

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