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Regional Von Rockrock zu Frauen mit Laptops
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00:19 27.01.2018
Jens Balzer (links) spricht über sein Buch “Pop“, moderiert von Gerhard Kaiser.
Jens Balzer (links) spricht über sein Buch “Pop“, moderiert von Gerhard Kaiser. Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

Balzer ist meinungsfreudig. Sehr meinungsfreudig. Und manchmal überraschend: Seine Einschätzung und Erklärungsversuche zum Phänomen Helene Fischer nimmt den Auftakt des Abends ein. Nur zur Erinnerung: Balzer ist Gast der Reihe „Liederabend“, initiiert und moderiert von dem Göttinger Germanisten Gerhard Kaiser, der bislang unverdächtig war, einen Hang zum Schlager zu haben. Kaisers Thema waren eher die Heroen der irgendwie richtigen Popgeschichte, David Bowie und so. Kaiser und Balzer verziehen den auch die Gesichter, als Fischer Hit „Atemlos“ aus den Zentrumsboxen schallt. Dennoch nimmt Balzer Fischer als Pop-Phänomen des vergangenen Jahrzehnts war. Und darum geht es schließlich an diesem Abend.

Fischer nennt er einen „sich unaufhörlich von einer Erscheinungsform in die nächste transformierenden Organismus – und wirkt doch zumeist mechanisch und leidenschaftslos, roboterhaft desinteressiert und undurchsichtig“ – wobei das Attribut der Undurchsichtigkeit für Balzer eine eher positive Konnotation zu besitzen scheint. Von ihm geschätzte Künstler belegt er damit.

Für durchschaubar hält er beispielsweise Sting. Der habe „einige der scheußlichsten Schallplatten der Popgeschichte aufgenommen“, urteilt Balzer. An ihm geißelt er vor allem den „gespreizten Hochkulturgestus“. Mit Blick auf eine Liveeinspielung Stings mit einem Orchester konstatiert Balzer: Sting wolle nicht mehr Pop sein, das Orchester nicht mehr Klassik. „Beide treffen sich in der Mitte – im Nichts.“ Und weiter: „Ich bin geneigt, jeden gut zu finden, aber Sting macht es mir schwer.“

Eines der letzten echten Rock-Konzerte, das ihn bewegt habe, sei das der Strokes 2001 in Berlin gewesen, „Rock von Männern, Schwanzrock, Rockrock“, sagt Balzer und krault sich in seinem Hipster-Bart, am seinem Ringfinger prangt ein fetter Totenkopfring. The Libertines fallen ihm noch ein und Pete Doherty, „aber das waren alles schon Schwundstufen“. Balzer bekennt, er werde gerne mal erniedrigt von einem dieser Popstars, die so viel schöner und erfolgreicher seien als man selbst. Aber er finde „keine Künstler mehr, die eine Erniedrigung sachgerecht durchführen können“. Kurt Cobain? „Ein Phallus, der nicht nach einem Sexualpartner rief, sondern nach seiner Mama“, meint Balzer.

Den Abgesang auf die Männer des Rock hat Balzer angestimmt und dafür das Zeitalter der Frauen mit ihren Laptops ausgerufen. Holly Herndon führt er an, Grimes und Joanna Newsom, Frauen, „die ihre Stimme zum wesentlichen Instrument machen“. Hätten die Rockheroen des vergangenen Jahrhunderts vor allem in die Vergangenheit geblickt, so schauten Künstler heute aktuell und „globusumfassend. Alles ist plötzlich verfügbar.“

Ähnlich sind auch die junge Menschen unterwegs, die das Berghain in Berlin besuchen, laut Balzer „Deutschlands bekanntester Club“. Balzer erinnert sich. In der Mehrzweckhalle O2-Arena habe er ein Konzert von Rammstein besucht und sich gelangweilt. Er sei rübergegangen ins Berghain. Zu Rammstein könne jeder gehen, der eine Eintrittskarte gekauft habe. Ins Berghain gelangt nur, wer von den Türstehern auserwählt werde. Drinnen dann werbefrei und mit zurückhaltenden DJs beschallt, erlebe er Freiheit, „die Freiheit, die der Pop uns vielleicht gibt“. Kenner der Szene meinen, dass er da sehr spät auf den Innovationszug aufgesprungen ist.

Balzer hat viel erlebt an Popmusik, er noch mehr darüber nachgedacht und seine Popformel postuliert. Das aber geht auf Kosten der Vielfalt. Balzer hat keine Geschichte des Pops aufgezeichnet, er hat seine Geschichte des Pop konstruiert. Das liest sich oft sehr unterhaltsam, eloquent – und hier und da auch überheblich.

Jens Balzer: „. Ein Panorama der Gegenwart“, Rowohlt, 256 Seiten, 20 Euro.

Von Peter Krüger-Lenz

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