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Regional Joris im Interview: So will der Sänger mit Musik Haltung zeigen
Nachrichten Kultur Regional Joris im Interview: So will der Sänger mit Musik Haltung zeigen
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13:14 31.07.2019
Der Musiker Joris Quelle: R
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Göttingen

Joris hat seit seinem preisgekrönten Debüt von 2015 immer wieder bewiesen, dass er das Publikum mitreißen kann. Mit seinem aktuellen Album „Schrei es raus!“ will der 29-jährige Sänger, Gitarrist und Pianist aus Ostwestfalen die Zuschauer zum Tanzen, aber auch zum Nachdenken bringen.

Er verfügt über eine rauchige, an Casper erinnernde Stimme, mit der er minimalistisch-melancholische Songs zwischen Rock, Pop und Folk singt. In seinen Texten fordert er immer wieder dazu auf, nicht stillzustehen, schwierige Zeiten zu überwinden und neu anzufangen.

Im Interview spricht Joris Ramon Buchholz über seine Anfänge, Gerechtigkeit und schwierige Zeiten.

Tageblatt: In dem Lied ,Rom’ geht es darum, dass Ihnen nach dem Abitur alle Wege offen standen, Sie aber trotzdem nicht wussten, wo es langgehen soll. Hat die Musik Ihnen Orientierung gegeben?

Joris: ,Rom’ ist einer der allerersten deutschen Songs, die ich je geschrieben habe. Er hat sich aber nicht auf mein erstes Album draufgetraut, weil er siebeneinhalb Minuten lang ist. In Zeiten der Streamingdienste ist es mir wichtig, auch als Albumkünstler wahrgenommen zu werden. Dementsprechend wollte ich ein Gesamtgemälde malen, das auch mal ins Progressive abrutscht. Es ist schon so, dass ich zwischendurch immer wieder mal vom Weg abgekommen bin und mir die Musik sehr viel Halt gegeben hat. Sie ist an meiner Seite seit meinem fünften Lebensjahr.

Worauf legen Sie beim Musikmachen besonderen Wert?

Auf alles! Ich habe jetzt ein Jahr in verschiedenen analogen Studios verbracht, das war ein großer Kindheitstraum von mir. Dort habe ich mich komplett ausgetobt. Beim Songschreiben ist das Wichtigste, etwas zu fühlen. Ich möchte das, was ich sagen will, nicht nur lyrisch, sondern auch musikalisch mitteilen. Das kann ein Jazz-, Metal- oder Popsong sein. Meine Musik soll eine Metaebene besitzen. Sie soll anderen Leuten das Gefühl geben, ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben wie ich.

Muss man alles, über das man singt, selbst durchlebt haben, um authentisch zu sein?

Das nicht, aber meine Songs sind trotzdem alle biografisch angehaucht. Es gibt auch Geschichten, die mein Umfeld erlebt hat und die mich bewegen. Andere habe ich selbst durchlebt oder ich habe sie irgendwo gelesen.

Verstehen Sie ,Schrei es raus!’ als Aufruf, Haltung zu zeigen?

Ja. Das ist natürlich sehr plakativ, aber auf dem Cover haben wir meinen Mund verdeckt, so dass ich gar nicht schreien kann. Dafür schreien die Augen. Nicht unbedingt der Lauteste hat die wichtigste Meinung, aber es ist trotzdem wichtig, Haltung zu zeigen. In dem Song ,Schrei es raus!’ geht es darum, aus dem Alltagstrott raus zu kommen und sich bewusst zu machen, dass man nur einmal lebt. Meine Generation hat die Chance, auf einem friedlichen Kontinent aufzuwachsen. Viele Generationen vor uns konnten das nicht.

Was stört Sie an der derzeitigen politischen Großwetterlage?

Mich stört ganz extrem die angespannte allgemeine Weltlage. Wir haben momentan sehr viele bis in den Wahnsinn gehende Politiker auf der Welt. Sie wollen möglichst laut und pompös sein. Wir Menschen sind uns nicht bewusst, dass Dinge wie der Klimawandel nur dann gelöst werden können, wenn wir zusammen in die Zukunft gehen.

Rechtspopulisten haben momentan leichtes Spiel und nutzen die Schwächen und Ängste aus. Warum radikalisieren sich Jugendliche?

In Gebieten, wo der IS herrscht, ist das sehr gut nachvollziehbar: Weil es dort für sie wenig Perspektiven gibt und sie ständig mit Terror und Angst konfrontiert sind. Vielleicht denken sie, dass sie da nur noch rauskommen, indem sie sich radikalisieren. Die Frage ist aber eher, warum radikalisieren sich Leute in vermeintlich gesunden Demokratien wie Deutschland. Der Nährboden ist ähnlich, weil auch hier in manchen Gegenden Perspektivlosigkeit herrscht. Man hat das Gefühl, nicht gehört zu werden von Politikern, die viel versprechen, aber wenig umsetzen. Wenn man die Ursachen von Radikalisierung ganz genau kennen würde, könnte man etwas dagegen machen. Wichtig ist, dass wir weiter den Dialog suchen. Ich habe am 1. Mai in Erfurt bei einer Veranstaltung des Bündnisses ,Zusammenstehen’ gespielt. Es gab auch Aktionen in Chemnitz nach diesen rechten Aufmärschen.

Was ist Ihnen wichtig, wenn Sie sich öffentlich engagieren?

Ich mache keine Parteipolitik. In einer Demokratie ist es wichtig, dass jeder wählen geht und sagen kann, was er möchte. Aber wir Künstler stehen für Grundwerte wie Menschlichkeit ein.

Wird Kunst wichtiger in politisch turbulenten Zeiten?

Ich finde schon. Musik kann provozieren wie Satire. Das ist extrem wichtig. Kunst kann auf Rock- und Pop-Festivals unheimlich viele Menschen zusammenbringen, die unterschiedliche Hautfarben und Herkunft haben. Das ist ihnen in dem Moment aber gar nicht bewusst. Sie haben vier Tage lang eine gute Zeit, ohne dass sie sich einen einzigen Gedanken darüber machen, wer gerade neben ihnen steht.

Bewirkt es etwas, die Stimme zu erheben oder zu demonstrieren?

Es wäre vermessen, zu behaupten, dass ich unmittelbar nach einem Auftritt große Effekte spüre. Ich sehe aber, dass da ein großes Zusammenkommen stattfindet und lese in den Gesichtern der Leute, dass die Veranstaltung ihnen Hoffnung und Mut gibt.

Wenn man etwas gegen Rechtsradikalität, Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass unternimmt, muss man dann auch etwas gegen den Linksextremismus machen?

Wie gesagt findet bei mir keine Parteipolitik statt, sondern ein Einstehen für demokratische Werte. Egal, von welcher Seite diese bedroht werden, ist es wichtig, die Stimme zu erheben und deutlich zu machen, dass das nicht zu unserer Vorstellung von einem Rechtsstaat und von Zusammenleben gehört. Dazu gehört auch der G20 in Hamburg, bei dem ganze Stadtteile verwüstet wurden. Aber linksradikale Straftaten kommen in Deutschland lange nicht so häufig vor wie rechtsradikale Straftaten. Der Rechtsextremismus darf nicht verharmlost werden.

Sie hatten sich anfangs für ein Studium der Rechtswissenschaften eingeschrieben. Warum wollten Sie ursprünglich Jurist werden?

Ich habe ein großes Gerechtigkeitsbedürfnis. Ich war in Hamburg eingeschrieben, bin dann aber in Berlin an der Hochschule der populären Künste angenommen worden, weil ich mich sehr für Tontechnik interessiert hatte. Nach einem Jahr habe ich aber gemerkt, dass ich nicht nur hinterm Pult sitzen und die Musik von anderen archivieren möchte. Ich wollte unbedingt selbst auf einer Bühne stehen.

Gab es bei Ihnen ein musikalisches Schlüsselerlebnis?

Bei jedem Konzert, das ich während meines Studiums in Berlin gesehen habe, dachte ich, dass ich eigentlich lieber den künstlerischen Weg gehen möchte. Ich hatte damals auch schon eine Band in Berlin, und wir sind viel aufgetreten. Das hat mich viel mehr beschäftigt als das Studium.

Wie erinnern Sie Ihr erstes Konzert?

Bei meinem allerersten Konzert war ich ungefähr zwölf und Schlagzeuger in einer Hardrockband. Es war in der Kreisstadt Herford und das erste Mal, dass ich an einem Schlagzeug spielte, an dem Mikrofone angebracht waren. Auf einmal fing diese Halle an zu beben! Das hat mir ein unfassbar breites Lächeln ins Gesicht gezaubert, weil es ein erhabenes Gefühl war, auf einmal so einen lauten Klang produzieren zu können.

Wie steinig war der Weg zum Erfolg?

Man sagt mir ständig nach, ich sei über Nacht berühmt geworden. Ich mache aber schon seit 20 Jahren Musik. Die fünf, sechs Jahre vor meinen Durchbruch waren schon hart, weil eine Tour zu spielen, sehr schwer ist. Wir sind mit einem überladenen privaten Pkw durch die Lande gefahren und haben in Bars gespielt. Manchmal kamen viele Leute zu uns, manchmal nur eine Handvoll. Und trotzdem hat es mir immer Spaß gemacht. Es war aber nicht so, dass ich mir überlegt habe, Musik zu machen, und am nächsten Tag war ich berühmt. Es war ein langer Weg. Ich erinnere mich an viele Konzerte in Fußgängerzonen, wo wir darauf aufmerksam gemacht haben, dass wir abends noch in einer bestimmten Kneipe spielen.

Wie lautet Ihre Philosophie als Entertainer?

Für mich ist es wichtig, das Wort ,live’ zu unterstreichen. Ich habe eine klassische Band mit dabei. Ich glaube, die Leute wollen keine durchgetaktete DVD-Show sehen. Das Schöne an Live-Shows ist, dass man aufeinander eingehen kann. Das gilt sowohl für die Musiker als auch fürs Publikum. Dadurch wird jeder Abend einzigartig und besonders.

Gehen Sie noch regelmäßig auf die Konzerte anderer Musiker?

Auf Festivals gucke ich mir immer die anderen Bands und Künstler an. Letztes Jahr habe ich drei Festivals mit Biffy Clyro zusammen gespielt. Super nette Schotten, die wahnsinnig tolle Musik machen. Es ist immer wieder besonders, wenn man Backstage Leute trifft, die man früher als Fan erlebt hat.

Hip-Hop hat Rock und Pop als dominante Jugendkultur abgelöst. Alle wichtigen gegenwärtigen künstlerischen Impulse, alles, was neu, spannend, aufregend oder innovativ ist, kommt von Hip-Hop. Warum machen Sie als junger Mensch altmodische Musik?

Weil ich wahnsinnig schlecht rappen kann. Ich habe tatsächlich immer Rock- und Pop-Musik gehört. Ich mag auch gut gemachten Hip-Hop, aber ich bin nicht so opportunistisch, um sofort das Schiff zu wechseln. Meine Musik wird zum Glück nicht nur von Jugendlichen gehört, meine Hauptzielgruppe liegt zwischen 20 und 40 Jahren. Ich bin wahrscheinlich schon ein bisschen zu alt für die Musik, die gerade aktuell ist.

Hatten Ihre Eltern einen Einfluss auf Ihre musikalische Sozialisation?

Als ich fünf war, habe ich zusammen mit meinem Vater den Film „Blues Brothers“ geschaut. Bei uns zu Hause liefen auch sehr oft die Dire Straits. Meine Eltern haben mich immer unterstützt bei dem Weg, den ich gehen wollte. Mein Vater hätte es sicher gern gesehen, wenn ich auch Mediziner geworden wäre oder etwas anderes ,Vernünftiges’ gemacht hätte.

Was ist Ihnen persönlich wichtig in Ihrem Business?

Mir ist wichtig, dass ich weiß, wo ich herkomme. Weil es immer wieder Zeiten gibt, in denen man meint, dass man fliegen kann. Aber man landet auch schnell wieder auf dem Boden der Tatsachen. Am Gesündesten ist es, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben und allen Leuten respektvoll zu begegnen. Nach einem Konzert unterhalte ich mich oft noch lange mit Besuchern, weil ich dankbar bin, dass sie zu mir kommen.

Was ist das für ein Gefühl, Fans zu haben?

Zuweilen ein komisches Gefühl. Wenn wir auf einer Tour irgendwo ankommen, sind die Fans meistens schon da. Zum Teil Leute, die man am Abend vorher schon gesehen hat. Ich frage mich, wie die es über Nacht von Wien nach Hamburg geschafft haben.

Was sagt Ihnen das?

Darin sehe ich, dass meine Musik viele Menschen bewegt. Auf der anderen Seite muss man zusehen, dass man Erfolg nicht zu seinem eigenen Glück erklärt, sonst wird es schwierig, glücklich zu sein.

Sind Sie ein selbstkritischer Künstler?

Ja. Ich habe oft den Wunsch, mein Konzertprogramm umzustellen und neue Versionen von manchen Songs zu machen. Ich bin hungrig auf Neues. Meine zweite Platte ist sehr anders als die erste. Das liegt daran, dass ich den Wunsch habe, mich musikalisch weiterzuentwickeln. Ich will nicht denselben Song zweimal schreiben.

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