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Regional „Agentterrorist“: Journalist Deniz Yücel berichtet von seiner Haft in der Türkei
Nachrichten Kultur Regional „Agentterrorist“: Journalist Deniz Yücel berichtet von seiner Haft in der Türkei
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19:28 23.11.2019
Deniz Yücel, deutsch-türkischer Journalist und Publizist, bei der Premiere seines Buches „Agentterrorist“. Quelle: dpa
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Göttingen

„Den Mächtigen auf die Finger klopfen. Das ist unsere Aufgabe“, sagt Deniz Yücel. Als Yücel 2016 über die von der Hackergruppe Redhack geleakten E-Mails des türkischen Energieministers Berat Albayrak, dem Schwiegersohn von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, berichtet hatte, hatten Yücel und türkische Journalisten-Kollegen genau das getan.

Yücel wird in der Folge festgenommen, kommt im Februar 2017 in Polizeigewahrsam. Wegen eines früheren Interviews mit einem PKK-Führer von 2015 kommt Yücel in Isolationshaft. Der Vorwurf: Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung. Es war eine bedrückende Zeit, so Yücel, in der der Journalisten „busweise“ verhaftet worden seien. Er sei verhaftet und selbst Gegenstand der Berichterstattung geworden, „nur weil ich meinen Job als Journalist“ gemacht habe.

„Wenn Journalisten verhaftet werden, muss ich bleiben“

In so einer Situation, in der türkische Kollegen verhaftet wurden, wie schon nach dem versuchten Militärputsch am 15. Juli 2016, wäre es falsch gewesen, das Land zu verlassen. „Wenn türkische Journalisten verhaftet werden, muss ich ausländischer Korrespondent bleiben“, sagt Yücel und erklärt, warum er nicht schon nach seiner ersten Festnahme im Juni 2015 gegangen ist.

Das Buch "Agentterrorist" von Deniz Yücel, deutsch-türkischer Journalist und Publizist, ist gerade erschienen. Quelle: dpa

In seinem gerade erschienenen Buch „Agentterrorist“ schildert Yücel seine einjährige Haft in türkischen Gefängnissen. Agentterrorist – Erdogan hatte Yücel so öffentlich bezeichnet.

Während der Veranstaltung in Göttingen liest Yücel kaum, er erzählt. Moderatorin Christine Watty vom Deutschlandfunk ist Stichwortgeberin. Und Yücel erzählt viel. Er erzählt schnell, aber präzise.

Erdogans WLAN-Netz

Was Yücel schildert, sind die eher heiteren Anekdoten seiner Hafterfahrung. „Es ist sehr heiter hier, heiterer als sie es sich vorgestellt haben“, vermutet Yücel.

Da ist etwa die Episode, als Yücel in der Zeit als er in der Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Stadtteil Tarabya von Istanbul gleich neben Erdogan wohnte, „sein WLAN sehen konnte“, ohne dass Erdogan von Yücels Aufenthaltsort wusste. Oder wie der Wunsch, eine Pizza zu bestellen, gleich drei Referate der Botschaft beschäftigten. Kurz bevor in die Zelle gesteckt wurde, habe er in der Polizeistation noch Tee mit einem ranghohen Polizisten getrunken.

„Das Buch ist nicht nur heiter“, sagt Yücel. Aber es falle ihm leichter, über das Heitere zu erzählen. Für ihn ist Humor auch ein Mittel der Kritik. Er habe etwas Befreiendes. Auch hätten autoritäre Regime immer etwas Komisches.

Überlebensgroß in Hörsaal 011: Deniz Yücel und Christine Watty. Quelle: Brakemeier

Folter im Polizeigewahrsam

Denn da gibt es Passagen in dem Buch, die etwa von den Tagen im Polizeigewahrsam erzählen. Von Osman, einen von Yücels Mitgefangenen, der nach 15 Stunden Verhör, wie ein „winselndes Häufchen Elend“ von den Schlägen mit Gummiknüppeln erzählt. „Ich sagte zu ihm: Schlaf jetzt“, erinnert sich Yücel. Was aus Osman, dem Kleinkriminellen geworden, weiß Yücel nicht. Seine eigenen Foltererfahrungen im türkischen Gefängnis spart er am Freitag aus.

Yücel beschreibt, wie bereits im Polizeigewahrsam der Drang zu schreiben immer größer wurde. „Sie wollten mich stumm machen. Aber ich lasse mich nicht mundtot machen“, sagt Yücel. Er versucht, mit einer Gabel als Stift und roter Soße als Tintenersatz zu schreiben. Erst als er bei einem Arztbesuch einen Kugelschreiber stiehlt, nutzt er seine Kopie von Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“, um seine Hafterlebnisse zu schildern. In „alten Socken“ schmuggelt er es mithilfe von Anwälten nach draußen. Am 26. Februar 2017 erschient der Text „Das Haftprotokoll“ in der Welt am Sonntag.

„Morgens pappiges, kaltes Toastbrot“

In dem Text in der Welt am Sonntag, den Yücel am Freitag vorträgt, heißt es: „Schreiben/Lesen: Bücher sind, sofern politisch „unbedenklich“, erlaubt. Stift und Notizblock sind verboten. Ausblick aus meiner Zelle. Oben: Wanduhr mit türkischer Fahne auf dem Zifferblatt. Rechts: Heizkörper mit eingeklemmten Essenskonserven zum Aufwärmen. Vorn: überall Gitterstäbe. [...] Essen: Morgens pappiges, kaltes Toastbrot mit Käse/Wurst. Mittags und abends Essen aus Konserven. Sieht immer gleich aus und schmeckt immer gleich elendig. Bohnen, Kichererbsen, Kartoffeln mit Fleisch. Das Schlimmste ist nicht mal der Geschmack, sondern der Geruch. Ich wärme die Konserven zwischen den Heizrohren der Heizung auf dem Korridor auf (so gut es geht).“

„Gute Geschichten gehören erzählt“, sagt Yücel. Aus diesem Grund habe er sein neues Buch geschrieben. Und weil die Geschichte, einmal in Gänze erzählt werden sollte. „Ich wollte Danke sagen für die große Anteilnahme“, sagt Yücel.

„Erpresser-Sound“ des Erdogan-Regimes

In seinen Ausführungen spart Yücel nicht mit Selbstkritik. Er habe sich während seiner Haft sich den „Erpresser-Sound“ des Erdogan-Regimes angeeignet – „gegenüber der Bundesregierung, gegenüber meiner Zeitung“. Er sei rücksichtslos gegenüber sich selbst und seinen Freunden gewesen. Das sei seinem unbedingten Willen geschuldet, sich nicht mundtot machen zu lassen. Diese Rücksichtslosigkeit „erschreckt mich im Nachhinein“.

Yücel zeichnet ein düsteres Bild der heutigen Türkei. Von einer Türkei, die auch nach Staatspräsident und dem „hauptberuflichen Verbrecher“ Recep Tayyip Erdogan an den Folgen seiner Regierung leiden wird. „Die Türkei wird Erdogan überleben“, sagt Yücel. Aber im Staatsapparat unter Erdogan seien immer mehr Opportunisten und Nichtskönner am Werk. „Diese Trümmer wegzuräumen, wird eine Generation dauern.“

In Fernbeziehung mit der Türkei

Er habe nie aus der Türkei wegwollen, sagt Yücel. Dort seien seine Wohnung, seine Freunde, sein Job und seine Katze. Dort habe sein Leben gespielt, mit Gewalt sei er herausgerissen worden. Und er weiß, die Welt, die Tageszeitung, für die er arbeitet, wird ihn nicht mehr in Türkei schicken. „Ich meide die Türkei“, sagt Yücel. Auch um Journalistenkollegen im Land zu schützen, denn jeder „Kontakt zu Deniz Yücel“ könne in Anklageschriften auftauchen.

Und dennoch: „Ich habe nicht das Gefühl, mit der Türkei fertig zu sein“, sagt Yücel. „Aber bis auf Weiteres ist es eine Fernbeziehung.“

Beruf: Journalist

Seit 2015 ist Deniz Yücel Türkei-Korrespondent der Welt. Zuvor war er Redakteur bei der Tageszeitung Taz und der Wochenzeitung Jungle World, bei der Yücel auch Mitherausgeber ist.

Yücel wurde 1973 im hessischen Flörsheim am Main als Kind türkischer Einwanderer geboren. In Berlin studierte Yücel ab 1996 an der Freien Universität Politikwissenschaften.

„Agentterrorist“ heißt sein neues, im Herbst erschienenes Buch, in dem Yücel über seine fast einjährige Haft in der Türkei. „Wir sind ja nicht zum Spaß hier“ erschien noch während dieser Haft. 2014 veröffentlichte Yücel „Taksim ist überall“, in dem er über die Proteste in der Türkei im Jahr 2013 berichtet.

Für seine Arbeit ist Yücel mehrfach ausgezeichnet worden. Unter anderem 2011 mit dem Kurt-Tucholsky-Preis für seine Kolumne „Vuvuzela“ in der Taz. Für das Format „Hate Poetry“ erhielt Yücel zusammen mit Kollegen in der Kategorie Sonderpreis die Auszeichnung „Journalist des Jahres“. Während Yücel in Haft saß, wurde ihm der Theodor-Wolff-Preis verliehen. Jury und Kuratorium forderten seine Freilassung.

Deniz Yücel: Agentterrorist. Kiepenheuer & Witsch, 400 Seiten, 22 Euro

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