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Regional Witwe im Blutbad
Nachrichten Kultur Regional Witwe im Blutbad
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14:19 26.02.2017
Zwei, die sich streiten: Holofernes (Marco Matthes) und Judith (Elisabeth Hoppe).      Quelle: Nickel
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Göttingen

Christian Friedrich Hebbel (1813-1863) hat schon in seinen Tagebüchern angekündigt, er werde als Schriftsteller gefeiert. Damit blieb er nicht weniger unbescheiden als die Hauptdarsteller seines Dramas. Nach dem biblischen Vorbild des Alten Testamentes rettet darin Judith ihr Volk Israel vor dem herrschsüchtigen Holofernes. Hebbel geht aber weiter und beschreibt keine gottesfürchtige Fromme, sondern vor allem den Kampf zweier narzisstischer Gegenspieler, die ihren Wunsch nach Selbstverwirklichung vor dem Vorhang des Allgemeinwohles austragen.

Der Plot ist also überschaubar: General Holofernes will die Hebräer in die Knie zwingen, das letzte Volk, dass ihm noch Widerstand leistet. Judith ist eine enttäuschte Witwe und sieht ihren Lebenssinn nun in der Rettung ihres Volkes, das das Unheil alleine nicht abwenden kann. Also verführt sie Holofernes und schlägt ihm in der Liebesnacht das Haupt ab.

In seinem abgeschlagenen Kopf steckt eine Kamera.

In fünf Akten entwickelt sich bei Hebbel aber aus dieser einfachen Geschichte der Zwiespalt zwischen religiöser Pflicht und Eigennutz. Hoppe zeigt Judith als starke, exzentrische Frau, die Holofernes als Gleichgestellte gegenübertreten will.

Matthes spielt den Holofernes mit großer Herrschsucht, die ihn am Ende eben auch in die Fänge Judiths treibt. In seinem abgeschlagenen Kopf steckt eine Kamera. Die Liveaufnahmen werden auf die Leinwand hinter den Schauspielern projiziert und erinnern an Heimvideoaufnahmen. So schaut man durch die Augen des Holofernes auf eine dem Wahnsinn verfallene und blutbeschmierte Judith.

Von der Fachzeitschrift „Theater heute“ wurde Kaschig bereits zweimal als bester Nachwuchsregisseur nominiert. Er macht „Judith“ für ein heutiges Publikum spannend ohne sich weit vom Original zu entfernen.

Hebbels Stück bewegt sich zwischen religiösen Pflichten und der Verführung durch weltliche Sünden – zwischen Traditionen und Aufklärung. Am Ende sieht man auf der Bühne die blutbeschmierte Kämpferin Judith, die ihren Feind besiegt hat, aber sich doch als Verliererin fühlt. Ein beeindruckendes Schlussbild.

Weitere Vorstellungen im Deutschen Theater, Theaterplatz 11: 2. und 28. März, 5. und 21. April, 2. Mai und 21. Juni um 19.45 Uhr sowie am 19. März um 15 Uhr. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.