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Regional Julius Fischer liest „Ich hasse Menschen“
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00:22 19.10.2018
Hass als witzige Provokation: Autor Julius Fischer im Alten Rathaus. Quelle: Schäfer Quelle: Schäfer
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Göttingen

Fischer, Jahrgang 1984, gebürtiger Dresdner, hat seine Karriere 2004 als Slam-Poet gestartet und ist dabei rasch in die Siegerränge aufgestiegen. Auch als Buchautor liebt er die Provokation. Zu seinen ersten Büchern gehören Titel wie „Ich will wie meine Katze riechen“ oder „Die schönsten Wanderwege der Wanderhure. Kein historischer Roman“. „Ich hasse Menschen“ hat Fischer sein jüngstes Buch genannt.

Hassen ist selbstverständlich politisch inkorrekt. So etwas tut man nicht. Doch Fischer tut es. Er hasst alles, was ihm in den Weg kommt: etwa einen Mann, der im Eisenbahnabteil „unfassbar laut, unfassbar langsam“ eine Möhre isst, ein Mädchen, das mit seinem großen Koffer den Gang im Zug verstellt und seine Umgebung mit unendlichen Sprachnachrichten auf dem Handy nervt, den Hausmeister, der mit dem Laubsauger auf die Jagd geht, Leute, die unfassbar laut Trinkjoghurt schlucken, oder den Mann im Nebenhaus, der unaufhörlich Geige übt, das Scherzo aus Mendelssohns Sommernachtstraum.

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Der ewige vierte Platz

Dabei ist Fischer eigentlich ein ganz friedlicher Mensch: „Ich lasse zu Hause den Kater auf dem bequemen Stuhl sitzen.“ „Ich wechsle beim Rauchen die Straßenseite, wenn mir ein Kind entgegenkommt.“ Er glaubt an Werbung, Weltfrieden und den Weihnachtsmann. Er weiß auch, dass er nicht erfolgreich ist: „Ich bin das, was nach Bronze kommt, der ewige vierte Platz.“ Im Osten sei er „umgeben von Nazis und Kühen. Für ein gutes Gespräch müsste ich mich auf die Weide bemühen.“ Der Hass steckt ganz tief in ihm: „In jedem Menschen steckt ein Arschloch. Ich komme aus Dresden, ich muss es wissen.“

Fischers liebt leise Pointen, die sich gleichsam von hinten anschleichen und erst im Nachhinein beim Zuhörer zünden und ihn losprusten lassen. Er formuliert geschliffen, liest in einem Tempo, dass man mit dem Hören kaum mitkommt. Und bei jedem neuen Hass-Thema spürt man: Dieses Gefühl habe ich doch selber gehabt. Ja, so ist es. Der hat recht. Diese Selbsterkenntnis könnte belastend wirken. Doch das Lachen verhindert jede Beklemmung, es befreit.

Verbale Grenzüberschreitungen

Das macht Fischers unkorrekte Tiraden sympathisch. Der Autor spielt virtuos mit seinen verbalen Grenzüberschreitungen. Vom quirligen Fluss seiner Sprache lassen sich die Zuhörer mit- und hinreißen. Sie freuen sich auf die nächsten Opfer von Fischers verbaler Angriffslust, etwa die „Fünfzehn-Sekunden-Aufmerksamkeits-Snapchat-Einstellung“ der jungen Generation oder die Großraumwagen der ICE-Züge: „Im Großraum ist die Idiotendichte höher: In der Zwangsgemeinschaft treten die unangenehmen Eigenschaften der Zeitgenossen hervor.“

Fischer hasst auch die Pop-Musik, parodiert sie singend vortrefflich und begleitet sich auf der Gitarre ausgesprochen kultiviert, nicht etwa nur mit drei Akkorden. Er hasst „Cotton Eye Joe“ von Rednex. Er kann auch virtuos rappen und dabei sehr ernst gemeint den Populismus anprangern. Er tut so, als habe er mit bürgerlicher Bildung überhaupt nichts am Hut, aber dann und wann verrät sich doch einmal der studierte Germanist. Am Ende, nach einer nachdrücklich eingeforderten literarischen und musikalischen Zugabe, muss er dann doch bekennen, dass er sein begeistertes Göttinger Publikum überhaupt nicht hasst.

Julius Fischer: Ich hasse Menschen. Eine Abschweifung. Voland & Quest 2018, 160 Seiten, 16 Euro. Hörbuch, ungekürzte Fassung, gelesen vom Autor, DAV Der Audio Verlag Berlin, 16,99 Euro.

Von Michael Schäfer

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