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Regional Thilo Seibel und sein Jahresrückblick
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14:00 06.01.2019
Thilo Seibel fragt: „Schon rum?!“ Quelle: Peter Heller
Göttingen

 Dieter Nuhr hat es schon getan, auch Urban Priol. Bernd Gieseking sagt von sich, er sei dessen Erfinder. Die Rede ist vom Jahresrückblick. Thilo Seibel hat ebenfalls darauf geschaut, was im vergangenen Jahr passiert ist. Sein Blickwinkel ist dabei ein sehr politischer.

Knallvoll war der Veranstaltungsraum im Apex am Sonnabendabend. Die ersten Besucher waren schon 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn da. In der ersten Reihe wollten sie sitzen und warteten deswegen geduldig auf den Beginn der Show. Im November hatten sie seinen Auftritt an gleicher Stelle miterlebt und waren begeistert.

Klein gewachsen und dünn

Einen Jahresrückblick Seibel hatten bislang allerdings nur zwei Besucher erlebt, wie eine Umfrage des Kabarettisten gleich zu Beginn des Programms ergab. Allen anderen erklärte er sein Vorgehen: Er folge keiner Chronologie. „Alles, was mir nicht in den Kram passt, habe ich weggeschmissen.“

Seibel ist eher klein gewachsen und dünn. Um seinen Hals baumelte eine nachlässig gebundene schwarze Krawatte. Er setzt auf den gesunden Menschenverstand, was manchmal ganz dicht an den Wahnsinn führt. Ein Beispiel: Der Tag ist schlecht gelaufen, sagt Seibel, Sie landen bei einem bulgarischen Hütchenspieler. Der betrügt Sie, bis Sie nur noch in Unterhose vor ihm stehen. Anzeige bei der Polizei, die allerdings nur anbieten kann: Spielen sie noch einmal, diesmal aber mit mehr Einsatz. So erklärt er die Dieselaffäre, über die im vergangenen Jahr in Deutschland ausgiebig diskutiert wurde. Autobauer hätten betrogen, die Regierung anschließend verhandelt und erreicht, dass Autobesitzer ihre Fahrzeuge abgeben und für noch mehr Geld neue bei den betrügerischen Herstellern kaufen sollten. Für Seibel ein klarer Fall von Wirtschaftskriminalität.

„Gelbfarbener Frettchenträger“

Natürlich ist die Dieselaffäre ein großes Thema in Seibels Rückblick, natürlich auch der US-amerikanische Präsident Donald Trump, den Seibel konsequent den „gelbfarbenen Frettchenträger nennt“, und dafür immer wieder viele Lacher einfährt. Die gibt es auch für Seibels Beschreibung des AfD-Politikers Alexander Gauland, der aussehe wie eine 50er-Jahre-Couch, auf der jemand eine Hundekrawatte vergessen habe. Hans-Georg Maaßen, ehemaliger Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, der über verharmlosende Äußerungen zu rechtsextremen Äußerungen stolperte, ist für Seibel „der Mann mit der zu kleinen Brille und dem zu großen Amt“. Die Bestrebungen von Markus Söder, CSU-Chef in Bayern, ein bayerisches Raumfahrtprogramm zu entwickeln, nennt der Kabarettist „Söderchens Mondfahrt“.

Angela Merkel kann der schauspielerisch begabte Seibel ziemlich gut parodieren, auch Horst Seehofer gelingt ihm trefflich. Der sei im vergangenen Jahr „sehr, sehr oft missverstanden worden“, sagt Seibel schelmisch. Viel misszuverstehen gibt es in Seibels Programm nicht. Denn er versteht es, den Kern der Absurditäten vieler Geschehnisse des Jahres 2018 klar und deutlich herauszuarbeiten. Dabei helfen ihm offenbar offene Augen und Ohren. Die rechtsradikalen Äußerungen einiger AfD-Politiker wie Gauland hat er entdeckt, freigesprochene Neonazi bei den NSU-Prozessen, eigenwillige Umfrageergebnisse nach Wahlen in Deutschland und Italien und bemerkenswerte Geschichtskenntnisse in den NiederlandenMerkel sei erst jetzt, nach 18 Jahren, im Nachbarland bekannter als Adolf Hitler.

Kachelmann und Deutschlandfahnen

Gegen Ende der Show ließ Seibel schließlich die Besucher über ihr Lieblingszitat abstimmen. Nahezu gleichauf gewannen ein ostdeutscher Taxifahrer mit der Feststellung: „Seit der Kachelmann das Wetter nicht mehr macht, stimmt gar nichts mehr“ und eine Durchsage bei einer nationalistischen Pro-Chemnitz-Demonstration: „Achten Sie bitte darauf, Ihre Deutschlandfahnen richtig herum zu halten“.

Von Peter Krüger-Lenz

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