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Regional Tour de Force durchs Steuersystem
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00:25 02.08.2018
Immer mittendrin: Chin Meyer liebt den Wort-zu-Wort-Kontakt mit seinem Publikum. Quelle: Peter Heller
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Göttingen

In der ersten Hälfte seines Auftritts im Alten Rathaus tat Meyer nämlich, was die meisten deutschen Kabarettisten derzeit so tun: von Thema zu Thema hüpfen und die meisten davon mal kurz mit einer wohlüberlegt, meist schnoddrig vorgetragenen Sottise streifen. Das allerdings konnte Meyer ziemlich gut. Und auch, Einzelbeobachtungen zu einem unaufhörlichen Panoptikum von Absurditäten zu verschmelzen.

Thematisch mussten die üblichen kabarettistisch Verdächtigen dran glauben: natürlich die AfD, die SPD sowieso, die FDP auch, Linke und Grüne nur ein bisschen. Und ebenso natürlich wie die AfD Trump ohne Ende. Mittlerweile fragt man sich, was aus dem deutschen Kabarett würde, gäbe es diesen US-Präsidenten nicht mehr. Eine Implosion?

In die Pfanne gehauen

Aber auch ohne Trump erlitten die USA im Alten Rathaus kabarettistisch ein ähnliches Schicksal wie unkabarettistisch das (Spiegel-) Ei in der Pfanne: Sie wurden mit großem Vergnügen hineingehauen. Kostprobe: „Wussten Sie eigentlich, dass in den Vereinigten Staaten in den vergangenen 50 Jahren mehr Menschen durch Schusswaffen ums Leben gekommen sind als in allen Kriegen der Amerikaner seit ihrem Unabhängigkeitskrieg 1776? Kein Wunder, dass die Amis in jede Schlacht ziehen, die sie finden können. Da sind die Überlebenschancen einfach höher.“

Was Chin Meyer vor vielen Berufskollegen heraushebt: einzelne Zuschauer im Publikums auszusuchen und ihnen ein Frageangebot zu machen, das sie schlicht nicht ablehnen können. Ruckzuck ist die Falle zugeschnappt. So gut wie alle aus dem vorwiegend älteren Publikum im Alten Rathaus schlugen sich aber wacker.

Das alles war solides, gekonnt vorgetragenes Kabarett, ergänzt durch Claus Dieter Bandorf, der als erklärtes Faktotum des Abends brutal durch den Kakao gezogen wurde, aber dennoch – und wohl auch gerade deshalb – die Herzen des Publikums in Windeseile gewann. Richtig gut wurde der Kabarett-Abend aber erst, als Meyer in seine Paraderolle des Steuerfahnders „Sigmund von Treiber“ schlüpfte und das Publikum mit fiskalisch unsittlichen Anträgen überhäufte: „Hier, bitte schön, noch das Formular zur Selbstanzeige, das ich bei meinem Hausbesuch gestern zu übergeben vergessen habe.“ Im grauen, perfekt schlecht sitzendem Bürokraten-Anzug und mit ausgebeulter Aktentasche produzierte Meyer eine Tour de Force durch die Gemein- und Hinterhältigkeiten des deutschen Steuersystems einschließlich durch dessen geballten Wahnsinn. Grundtenor: „Steuern zahlen doch sowieso nur Anfänger und Angestellte.“

Gegenentwurf im Dollar-Anzug

Den Gegenentwurf zum Steuereintreiber stellte Meyer dann auch gleich selbst vor: den Schrottinvestment-Hai und Steuervermeider. Mit nicht ganz so guten Witzeleien (trotz der genialen Wortschöpfung „Fuselanleihen“), aber dafür in einem genialen Kostüm: einem Anzug in Grundfarbe weiß, über und über bedruckt mit Dollarscheinen.

Na schön – das deutsche Steuersystem liefert für eine Brutalsatire massenweise Steilvorlagen nach dem Motto Manni Kaltz – Flanke – Tor (jüngere Leser bitte mal in Youtube reingucken). Aber das muss man erst einmal gekonnt und flüssig vortragen können. Für Meyer mühelos und – im Gegensatz zur ersten Hälfte des Abends - mit großem erzählerischen Bogen. Dem Publikum, dessen Erlebniswelt sich offenbar von derjenigen des Kabarettisten zu nicht unerheblichen Teilen überschnitt, gefiel‘s. Sogar sehr.

Von Matthias Heinzel

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