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Regional Suche nach dem Kern der 1968er-Bewegung
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13:21 18.10.2018
Einer der wenigen Momente, in denen Katja Ebstein das Wort ergriff. Sonst redeten der Soziologe Klaus Meschkat (2. v. l.) und der Politologe Wolfgang Kraushaar (r.). Links Moderator Stephan Lohr. Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

Die Qualifikationen: Meschkat ist Soziologe, 68er-Urgestein, 1957 zum AStA-Vorsitzenden der Freien Universität (FU) Berlin gewählt und bereits in dieser Zeit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) verbunden. Wolfgang Kraushaar ist Politikwissenschaftler, war 1968 zwar nicht auf der Straße, hat danach aber umfangreich zum Phänomen 1968er geforscht. Katja Ebstein, allgemein als Schlagersängerin mit Tiefgang in musikalischen Flachgewässern bekannt, hatte von Beginn an Kontakte zur 1968er-Bewegung in Berlin und Kontakte in die Szene.

Stephan Lohr, Moderator des Abends im Alten Rathaus am Mittwoch, bemühte sich um Konzentration aufs Wesentliche: Was denn der Kern, der eigentliche Nukleus der 1968er-Bewegung sei, wollte Lohr von Meschkat „mit Bitte um eine nicht abendfüllende Antwort“ wissen.

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Guter Versuch, leider (vorhersehbar?) erfolglos. Mit der bei Politikern verbreiteten Gabe gesegnet, ausschweifende Antworten zu formulieren, die mit der gestellten Frage nicht das Geringste zu tun haben, ließ sich Meschkat über seine Zeit in der linken studentischen Szene der 1950er Jahre aus. Tief versteckt in seinen wortreichen Ausführungen: Die 1968er hätten versucht, „aus den Kategorien des Kalten Krieges auszubrechen“. Sie habe „ein tiefer Abscheu vor dem Franco-Faschismus“ in Spanien vereint.

„Auf einmal waren die Nazis weg“

Ebstein, die selten zu Wort kam, erklärte die Ausgangspunkte der Studentenrevolte fassbarer: „Die Nazis waren auf einmal plötzlich weg, niemand redete mehr darüber.“ Speziell in Berlin, meinte Ebstein, „waren wir Kalter-Krieg-Kinder“. Über die Gewalt gegen die eigentlich friedlichen Proteste in Berlin, auch über den Tod des Studenten Benno Ohnesorg und das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke „waren wir nicht empört. Wir waren entsetzt.“

Der Politologe Kraushaar erklärte, auf die Frage nach der Essenz der 1968er gebe es „keine monokausale Erklärung“. Seiner Meinung nach seien nicht die Berliner, sondern „die antiautoritäre Bewegung der ,Subversiven Aktion‘“ in München die Impulsgeber der Studentenrevolte gewesen. Der Aktionismus der Gruppe habe „einen enormen medialen Multiplikationseffekt“ gehabt und sowohl Dutschke wie auch die gesamte Studentenbewegung inspiriert. Ein „ganz elementares Element“ der 1968er Bewegung sei zudem ihr Ziel gewesen, „die klassische Kleinfamilie zu ersetzen“. Aber „der große Synchronisator“ der Bewegung sei der Vietnam-Krieg der USA gewesen.

Ladykracher

68-er-Zeitzeugen werden sich am Mittwoch im Alten Rathaus an die guten alten revolutionären Zeiten vor 50 Jahren erinnert haben: Die Männer reden und reden, die Frau(en) sind für die dekorativen Beigaben zuständig. Einziger Unterschied: Die Männer sind nicht mehr lang-, sondern weißhaarig.

Dafür zündete Ebstein zum Schluss der Runde noch einen echten Ladykracher: In einem Spontan-Swing in die Gegenwart bemerkte sie, zwar habe sich die derzeit viel kritisierte Angela Merkel mit ihrer Haltung zur Flüchtlingsfrage weltweit Respekt verschafft, nun aber solle sich Deutschland beim Thema Migration lieber ein Beispiel nehmen an Ländern wie den USA oder Kanada, die sich herausnehmen, ihre Flüchtlingsströme zu steuern. Stattdessen aber, sagte Ebstein, „sind wir bis zur Blödheit tolerant.“ Was die 68er-Führungskräfte dazu wohl gesagt hätten…?

Von Matthias Heinzel

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