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11:04 07.07.2019
Schauspielerin Katja Riemann verkörpert in dem „Märchen vom letzten Gedanken“ verschiedene Charaktere. Musikalisch unterstützt wird sie vom gefühlvollen Spiel des französischen Pianisten Guillaume de Chassy, hier beim Auftritt auf der Bühne des Deutschen Theater Göttingen. Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Es gibt Märchen, bei denen sich der Leser wünscht, dass sie wahr wären. So schön, so romantisch ist ihr Inhalt, dass es höchst bedauerlich erscheint, die Helden nie kennenlernen zu können. Leider alles erfunden. Es gibt Ereignisse in der Menschheitsgeschichte, von denen sich der Zuhörer, der sie erzählt bekommt, zutiefst wünscht, dass sie Märchen seien. So schockierend, so ernüchternd ist ihr Inhalt, dass der Versuch zu akzeptieren, dass alles wahr sein sollte, wie eine Unmöglichkeit erscheint.

Grausamkeit kennt keine Grenzen

Mit der Inszenierung des „Märchens vom letzten Gedanken“ konfrontieren die Schauspielerin Katja Riemann und der Pianist Guillaume de Chassy ihr Publikum mit der Schilderung dessen, was Menschen Menschen antun können und angetan haben. Die Fantasie der Märchenerzähler scheint Grenzen zu haben, die menschlichen Fähigkeiten zu absurdem Denken, zu Überheblichkeit und leider auch zur Grausamkeit sind hingegen grenzenlos. Mit nichts anderem als der Schilderung eines Völkermords beschäftigt sich das „Märchen vom letzten Gedanken“, das aus der Feder des deutsch-jüdischen Schriftstellers Edgar Hilsenrath stammt.

„Deshalb habe ich Albträume“

Es geht um das Schicksal des armenischen Volkes im Kriegsjahr 1915. Was von der türkischen Regierung noch heute abgestritten wird, wird im Stück mit einem klaren Ja beantwortet. Ja, es war Völkermord. Das geplante, systematische Auslöschen eines ganzen Volkes. Im Gedächtnis der Nachgekommenen hat sich das Grauen von damals zu einem weißen Fleck entwickelt, zumindest auf türkischer Seite. Das mit gesundem Menschenverstand Unvorstellbare kann unmöglich wahr sein. Auch das wird angesprochen, Schauspielerkollegin Jasmin Tabatabai hilft per Videosequenz. „Völkermord? Ich habe irgendwann von so etwas gehört“, sagt sie als türkischer Politiker zweifelnd. „Deshalb habe ich Albträume.“ Das Aufarbeiten des tatsächlich Geschehenen scheint unmöglich. „Das Vergessen soll man nicht entstauben. Es ist zu gefährlich“, heißt es.

Zwei Vertriebene treffen aufeinander

Katja Riemann eröffnete am 6. Juli mit dem „Märchen vom letzten Gedanken“ den Göttinger Kultursommer 2019. Nach der Uraufführung des von ihr zusammengestellten Abends im Frühjahr dieses Jahres war Göttingen die erste Station für die Inszenierung. Die Erzählung von Hilsenrath traf im Deutschen Theater auf Musik von Kurt Weill. „Weill und Hilsenrath haben sich nie kennengelernt, obwohl sie zur gleichen Zeit in New York lebten“, schreibt Riemann über das Programm und verweist auf das Exil, das die beiden in der Zeit des deutschen Nationalsozialismus gewählt hatten.

In der Inszenierung ist ein armenischer Dichter, sein Leben und Leiden, menschlicher Mittelpunkt der Ereignisse. Er übersteht die Folter im türkischen Gefängnis, weil er ein absurdes Geständnis von der armenischen Weltverschwörung unterschreibt. Die Parallelen zwischen dem Völkermord der Türken an den Armeniern und dem der Deutschen am jüdischen Volk sind offensichtlich. „Ratten, alles Ratten“ seien die Armenier. Ihre Vernichtung ein Akt der Befreiung der türkischen Nation, lautet die Doktrin – von zu wenigen Menschen hinterfragt, aus Angst, aus Gleichgültigkeit.

Gott muss wohl Glasaugen haben

Und schließlich das Sterben und der Tod des armenischen Dichters drei Jahrzehnte später in einem deutschen Vernichtungslager, Seite an Seite mit jüdischen Leidensgenossen. Der Schlusspunkt des leider wahren Märchens. Und die Vermutung, dass Gott wohl Glasaugen haben muss, um alles das, was der Mensch dem Menschen antut, nicht zu sehen.

Die Inszenierung ist keine leichte Kost. Ihr Inhalt erschüttert. Die schauspielerische Kunst der Riemann ist beeindruckend. Praktisch gestenlos gibt sie allein durch Rede und Mimik den handelnden Personen Ausdruck. Und sie gibt dem armenischen Volk und seinem unfassbaren Schicksal eine Stimme und holt das Leiden jener Menschen aus dem verstaubten Arsenal der Völkergeschichte. Und kein Trost weit und breit? Vielleicht doch. Ein türkisches Wiegenlied ist genauso zärtlich wie ein armenisches, heißt es.

Der 31. Göttinger Kultursommer bietet vom 6. Juli bis 17. August eine Reihe musikalischer, literarischer und – wie es in der Ankündigung der Stadtverwaltung heißt – komischer Veranstaltungen. Weitere Informationen unter www.kultursommer.goettingen.de.

Von Ulrich Meinhard

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