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Regional Kaya Yanar zu Gast in der Göttinger Stadthalle
Nachrichten Kultur Regional Kaya Yanar zu Gast in der Göttinger Stadthalle
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23:05 07.11.2010
Begeistert vom Publikum empfangen: der Comedian Kaya Yanar, ein „Deutscher mit Migrationshintergrund“.
Begeistert vom Publikum empfangen: der Comedian Kaya Yanar, ein „Deutscher mit Migrationshintergrund“. Quelle: Vetter
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Sein Einzug in die ausverkaufte Stadthalle ist aufgemotzt und großspurig: laute Musik mit stark hämmerndem Bass wie beim Aufmarsch eines Schwergewichtsboxers in die Kampfarena. Dazu grelle Scheinwerfer, die in ihrer farbenfrohen Kitschigkeit blenden. Donnernder Applaus, Pfeifkonzert und Jubelrufe vom auffallend jungen Publikum.

Und doch begegnet er den Beifallsstürmen nicht, wie es nach dem aggressiven Vorspann zu erwarten gewesen wäre, mit geschwellter Brust und in Machohaltung. Yanar macht eher den Eindruck, als würde er nur mal eben in Jeans und Turnschuhen vorbeischauen, um sich ein bisschen mit den Göttingern zu unterhalten, und zeigt dabei ehrliche, sympathische Freude über den herzlichen Empfang.

Eigentlich bräuchte er die Bühnentechnik auch gar nicht, denn ob es nun im Hintergrund blinkt und glitzert oder nicht, seine stärksten Momente hat Yanar ohnehin, wenn er einfach improvisiert und mit dem Publikum herumulkt, das ihm vor Begeisterung geradezu zu Füßen liegt. So fragt er herum, welche Nationen unter den Zuschauern vertreten seien. Wie sich herausstellt gar nicht mal so viele. Als er einen Italiener nach seinem Namen fragt und dieser meint, dass er Andrea heiße, reagiert Yanar spontan und gutgelaunt: „Und mit Nachnamen? Berg?“

Sein Programm besteht aus einzelnen Anekdoten, in denen es immer wieder um sein Leben als „Deutscher mit Migrationshintergrund“ geht und durch die er mit Witz und unwiderstehlicher Gesichtsakrobatik jedes noch so kleinliche Vorurteil gegen sich anspricht und genüsslich ausweidet. Zum einen vergleicht er immer wieder die verschiedenen Nationen anhand ihres Autofahrens. Über seine türkischen Freunde sagt er: „In Istanbul haben die nicht rechts vor links, da haben die „Isch fahr hier du Arsch!“, um sich im gleichen Atemzug selbst als „Mittelstreifenfahrer“ zu outen. Außerdem erklärt er, dass die türkische Sprache zwar voller Üs sei, aber die Türken, wenn sie deutsch lernten und schließlich integriert seien, unmittelbar und für immer die Pünktchen überm Ü ignorierten: Gemuse, Musli....

Auch der Artikelwald der deutschen Grammatik sei für Nichtmuttersprachler geradezu unbegreiflich („Warum ist die Karotte weiblich?“). Und so würden die meisten Türken ohnehin alle drei Artikel einfach durch „de“ ersetzen: „de Karotte“, natürlich mit genüsslich rollendem R.

Yanar parodiert außerdem in unvergleichlicher Gewitztheit die Eltern seiner so unterschiedlichen Sandkastenfreunde Ranjid, Francesco, Hakan und Kai-Uwe („Kai Uwe, du, wir müssen mal miteinander reden.“). Dazu karikiert er seinen eigenen türkischstämmigen, strengen Vater („Papa, ich muss mal mit dir reden …“, „Ich werd dir gleich reden!“) und gibt damit urkomisch und beschwingt Einblick, was es heißt, als Sohn türkischstämmiger Eltern in Deutschland aufzuwachsen und schließlich wohl das zu sein, was man erfolgreich integriert nennt, wenn er glaubhaft resümiert: „Ich kann kein Wort Türkisch, ich hatte neun Jahre lang Latein.“

Von Indra Hesse