Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Kenan Khadaj und Mira Sidawi im Literarischen Zentrum
Nachrichten Kultur Regional Kenan Khadaj und Mira Sidawi im Literarischen Zentrum
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:27 28.05.2018
Mira Sidawi
Mira Sidawi Quelle: r
Anzeige
Göttingen

Um Tyrannei und Aufbegehren, um die Ermordung von Kritikern, aber auch um die Lust am Zerstören und Töten ging es in zwei Kurzgeschichten, die es am Donnerstag im Literarischen Zentrum in Göttingen zu hören gab. Der Syrer Kenan Khadaj und die Palästinenserin Mira Sidawi lasen dort.

Khadaj stammt aus einem Gebiet in Syrien, wo die – mehrheitlich dem Assad-Regime verbundene – Glaubensgemeinschaft der Drusen lebt. Er sehe sich als „Mensch“, sei „säkular“, stellte der Autor im Gespräch mit Moderator und Übersetzer Stefan Weidner klar. Bei Ausbruch der „Revolution“ 2013 habe er sein wirtschaftswissenschaftliches Studium abgebrochen und als regimekritischer Journalist gearbeitet. 2014 sei er in den Libanon geflohen und von dort über die Türkei und Griechenland nach Deutschland gelangt. Heute lebe er als Journalist und Schriftsteller in Berlin.

„Ich bin nicht eurer Hampelmann“

„Ich bin nicht eurer Hampelmann“ hieß die Geschichte, die Khadaj in Göttingen vortrug. Er habe sie in Syrien auf der Flucht in einem Versteck geschrieben und später mehrfach überarbeitet, berichtete er. Der Held der Erzählung, deren Übersetzung Schauspielerin Andrea Strube vortrug, versteckt sich vor den Sicherheitskräften des Regimes. Seine Gefährten sind die Traurigkeit über die verpassten Chancen, der Hunger nach den Freuden des Lebens und die Angst vor Verhaftung und Folter.

Lust am Töten

Dann hämmert es plötzlich an die Tür. Todesangst lähmt den Erzähler, bis er erkennt, dass sich die Nachbarkinder einen Spaß mit ihm erlauben. In der Nacht rächt er sich, indem er ihr Fußballfeld verwüstet, den Rasen aufwühlt und die Tore umstößt. Überrascht stellt er fest, was für eine Freude es ihm macht, seinen Hass auszuleben. So müssen sich die Sicherheitskräfte fühlen, wenn sie Regimekritiker abschlachten, erkennt er. Die Antwort auf die Frage weinender Mütter, warum sie ihre Söhne umgebracht hätten, laute: „Es hat uns Spaß gemacht.“ Wieder zurück in seinem Versteck schläft der Erzähler erstmals seit langem wieder friedlich wie ein Kind ein.

„Geh schlafen, Schlaf“

Im Unterschied zu Khadaj, der bereits verschiedene Texte veröffentlicht hat, ist von der Schauspielerin und Regisseurin Sidawi noch nichts erschienen. Sie sei in einem palästinensischen Flüchtlingslager im libanesischen Beirut geboren und aufgewachsen. An ihrer leidenschaftlichen Wut auf die Israelis, die ihr die Heimat und damit die Chance auf ein normales Leben genommen hätten, ließ die junge Frau keinen Zweifel. In ihrer allegorischen Geschichte „Geh schlafen, Schlaf“ rechnet sie allerdings sarkastisch mit den zerstrittenen palästinensischen Organisationen ab, die sich im Lager die Macht teilen.

Der stumme Papagei

Einer der Flüchtlinge bekommt von seinem Arbeitgeber einen stummen Papageien geschenkt. Die Lagerbewohner, die sonst nur Ratten, Katzen und Hühner zu sehen bekommen, versuchen begeistert, das Tier zum Sprechen zu bringen. Als der Papagei sie am Ende mit „Bonjour“ begrüßt, gibt es eine heftige Debatte, ob er einen französischen oder einen arabischen Namen bekommen soll. Das Lager einigt sich auf das arabische Nasser, „Sieger“. Doch dann fängt der Vogel an, die palästinensischen Organisationen zu beschimpfen. Die einen reagieren begeistert. Endlich sage mal jemand mutig die Wahrheit.Die Beschimpften sind sich dagegen für einmal einig. Sie bringen den Vogel kurzerhand um.

Schreibwerkstatt „Beirut Short Stories 2017“

Sidawi bewarb sich mit der Geschichte um die Teilnahme an der Schreibwerkstatt „Beirut Short Stories 2017“, mit der die KfW Stiftung und das Goethe-Instituts den literarischen Nachwuchs im Nahen Osten fördern wollen. Als Finalistin wurde sie nach Deutschland eingeladen.

Kommende Veranstaltungen im Literarischen Zentrum

Die für Sonntag, 27. Mai, geplante Veranstaltung mit José F.A. Oliver unter dem Titel „Mapping poetic voices – Schreiben in einer neuen Sprache. Ergebnisse einer Schreibwerkstatt für Geflüchtete“ wird nach Angaben der Veranstalter zunächst nicht stattfinden, sondern auf einen Termin im Herbst verschoben. Er soll noch bekanntgegeben werden. Weitere Infos zur Veranstaltung.

Maryam Madjidi gastiert unter dem Motto „Marx et la poupée / Du springst, ich falle“ am Montag, 28. Mai, im Literarischen Zentrum, Beginn ist um 20 Uhr. In ihrem autobiografischen Debüt erzählt Madjidi von ihrer Kindheit im Iran, vom Kampf der Eltern für den Kommunismus und davon, wie sie ihr Spielzeug an die Kinder im Viertel verschenken musste, erklären die Veranstalter. Tickets gibt es nur an der Abendkasse.

Garrard Conley liest am Dienstag, 29. Mai, aus „Boy Erased“. Teil der Veranstaltung, die um 20 Uhr beginnt, ist ein Gespräch mit seinem deutschen Verleger Joachim von Zepelin. Mehr über die Veranstaltung lesen Sie hier.

Von Michael Caspar

Regional Sänger der Scorpions - Klaus Meine wird 70 Jahre alt
27.05.2018
Regional Die Göttinger Band Trykka - Inspiration an der Käsetheke
24.05.2018
Regional Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ - Drei erste Preise für Göttingen
24.05.2018