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Regional Kießling und Kaffka geben „Abschiedskonzert“
Nachrichten Kultur Regional Kießling und Kaffka geben „Abschiedskonzert“
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20:12 05.12.2018
Improvisiertes Abschiedskonzert mit schlagkräftigen Argumenten: Nele Kießling, Jannis Kaffka. Quelle: r
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Göttingen

Am 16. November wird das Duo-Dasein abgefeiert. Beide geben auf der Bühne alles: Alles, was das Publikum von ihnen will. Im Interview spricht die gebürtige Göttingerin über ihre große Liebe.

Frau Kießling. Sie schreiben „Mit 16 Jahren lernte ich meine große Liebe kennen: Improvisationstheater.“ Bei wem und welcher Gelegenheit?

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Ich war als Jugendliche viele Jahre im Theater-Jugendclub des Deutschen Theaters unter der Leitung der großartigen Theaterpädagogin Bettina Braun. Dort habe ich zum ersten Mal Improvisationstheater gespielt und gleich dafür gebrannt. Ich war so beeindruckt, dass man mit so viel Spielfreude zusammen Szenen aus dem Nichts erschaffen kann. Kurz danach habe ich die Göttinger Comedy Company das erste Mal auf der Bühne gesehen und war hin und weg, wie unterhaltsam Impro-Theater sein kann.

Für den Laien scheint ein einstudiertes, mit Kollegen geprobtes Stück deutlich einfacher zu leisten. Warum ist Improtheater so faszinierend?

Improvisationstheater ist immer Prozessschau. Perfektion im Sinne einer klassischen Inszenierung kann es nicht geben. Ich finde es enorm spannend, Teil von etwas zu sein, das jetzt und hier entsteht: zwischen mir, meinen Bühnenparterinnen und Bühnenpartnern und dem Publikum. Und dennoch liegt viel Verantwortung in meiner Hand, für das, was aus diesem Abend wird. Ich muss enorm wachsam sein, was ich absolut herausfordernd und faszinierend finde.

Inszenierte Theaterstücke sind eine ganz andere Theaterform. Das ist nicht mein Schwerpunkt und würde mir demnach bestimmt schwerer fallen.

Kann ja mal vorkommen, dass einem die Worte fehlen, wenn sie gerade dringend benötigt werden; da es keinen Souffleurkasten gibt und ein auf Zuspiel wartender Partner Jannis Kaffka neben Ihnen steht: was tun?

Einfach weitermachen, die Muse wird schon vorbeirauschen. Es gibt so viel anderes, das man tun kann, wenn einem die Worte fehlen. Schauspiel bedeutet ja auch nonverbales Spiel auszukosten. Ich muss mich, ehrlich gesagt, manchmal eher zwingen, nicht zu viel zu sprechen.

Hatten Sie in der Anfangszeit Angst/Lampenfieber in der Erwartung, Sie könnten plötzlich sprachlos sein? Und wie haben Sie diese Befürchtungen überwunden?

Mit 16 hatte ich oft großes Lampenfieber! Auch später, noch in meinen Anfangsjahren bei Schmidt‘s Katzen, war ich oft schon zwei Wochen vor einem Auftritt nervös. Das hat sich zum Glück mit den Jahren der Erfahrung echt gelegt. Ich bin schon immer noch aufgeregt – je nach Show-Format mehr oder weniger. Da geht es nicht so sehr um Angst vor Sprachlosigkeit, als vielmehr darum, für die jeweilige Veranstaltung den richtigen Ton zu treffen. Eine Improshow vor 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eines Unternehmens verlangt nach einer anderen Performance als ein „Abschiedskonzert“ im Apex.

Was bei mir gegen Lampenfieber geholfen hat, war spielen, spielen, spielen. Ich war auf unfassbar vielen Theaterfestivals im In- und Ausland, habe Workshops und Fortbildungen besucht, mit vielen unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern gespielt, auf Englisch/Deutsch/ohne Sprache. Das hat mich immer mehr entspannt. Bei einem Auftritt gebe ich jedes Mal alles, was möglich ist. Mehr kann ich nicht tun, der Rest ist das Risiko dieser Kunstform.

Nele Kießling: Impro-Theater in Göttingen kennengelernt

Seit dem Klick auf den ersten Blick sind 21 Jahre vergangen. Ist Impro zur Routine geworden – oder ist die Zweisam-/Dreisamkeit auf der Bühne/mit dem Publikum weiterhin Leidenschaft pur?

Wirklich alles mitzubekommen während einer Improvisation, meine Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne gut wahrzunehmen und ihnen aufmerksam die Bälle zuzuwerfen, nah am Publikum zu sein: Das ist wirklich immer wieder herausfordernd. Das liegt für mich fern ab von Routine. Hinzu kommt, dass bei mir jede Arbeitswoche mit all seinen Auftritten, Trainings und Moderationen anders aussieht. Ohne Leidenschaft würde ich das gar nicht packen, glaube ich.

Hatten Sie die Antwort parat, oder haben Sie gerade improvisiert?

Hätten Sie mir die Frage live gestellt, wüssten Sie es jetzt.

In Ihrem Programm „
Abschiedskonzert
“ spielen Sie ein „abgefeiertes Musikduo“: Das Publikum bestimmt, was passiert und serviert – was dürfen die Zuschauer/Akteure; was nicht?

Wir lassen uns vom Publikum inspirieren, fragen sie zum Beispiel nach einem Namen für das Duo, und wie die Bandmitglieder zueinander stehen. Der Rest hängt an unserer Improvisationskunst und der Dynamik des Abends. Das Publikum wird währenddessen automatisch zum Publikum der fiktiven Band – und somit vielleicht sogar zu Fans, die ein letztes Mal ihre Lieblingsband sehen. Wir hatten schon mal spontane Fangesänge, das war großartig! Man kann sich aber auch einfach zurücklehnen und improvisiertes Musiktheater schauen, ganz nach Belieben.

„Ein Abschiedskonzert darf alles sein“, sagt die gebürtige Göttingerin Nele Kießling

Ein ausgesungenes Duo, das wehmütig zurückblickt; versucht, Melodien zu altem Leben zu erwecken und das Letzte für die Gäste gibt: Hört sich nach einem heftigen Spagat an - zwischen Lächerlichkeits-Potenzial und Heiterkeitsausbrüchen.

Ein Abschiedskonzert darf alles sein: lustig, traurig, erleichternd, verwirrend. Da aber durch die darunter liegende Improvisation gleichzeitig alles zum ersten und einzigen Mal entsteht, wird das zusätzlich ad absurdum geführt.

Ist „Abschiedskonzert“ eine echte berufliche Herausforderung? Der permanente Versuch, Komik und Tragik in Balance zu halten? Oder lancieren Sie Comedy und damit Lachsalven als Leitmotiv?

Improvisiertes Abschiedskonzert mit allen Tricks: Nele Kießling, Jannis Kaffka. Quelle: r

Welche/n Bedeutung/Stellenwert hat die Unterhaltung des Publikums in Ihren beruflichen Bereichen?

Als Schauspielerin für Improvisationstheater einen großen Stellenwert. Für mich geht Unterhaltung mit einer großen künstlerischen Leistung einher. Ich versuche während der Improvisation immer wieder in die Tiefe zu gehen: Themen einzubauen, die die Gesellschaft zurzeit beschäftigen oder Charaktere auf der Bühne zu schaffen, die berühren, und nicht nur ein Abziehbild sind. Mir ist es wichtig, das Publikum nicht zu unterfordern. Ich habe einen guten Job gemacht, wenn die Zuschauer mal belustigt, mal irritiert, mal erstaunt, mal gerührt und mal sauer waren.

Info: Am Freitag, 7. Dezember, gibt es das „Abschiedskonzert – Das Weihnachtsspecial mit Kießling&Kaffka“ in Hildesheim im Littera Nova, Wallstraße 12a, zu sehen um 20 Uhr. Der GT-Bericht vom Auftritt im Apex 2017. www.nelekiessling.de

Von Stefan Kirchhoff

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