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Regional Kinder, wie die Zeit vergeht …
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19:26 12.08.2011
Die Interessierten strömen zahlreich zum Cage-Projekt: Klangwechsel in der Burchardikirche Halberstadt.
Die Interessierten strömen zahlreich zum Cage-Projekt: Klangwechsel in der Burchardikirche Halberstadt. Quelle: Schäfer
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Das langsamste Musikstück der Welt wird an diesem Abend mit zwei Tönen fortgesetzt, „As slow as possible“ – kurz ASLSP – von John Cage 1985 für Klavier komponiert. Die Orgelfassung stammt aus dem Jahr 1987. Die Uraufführung mit Gerd Zacher dauerte 29 Minuten.
Wüsste der vor neun Jahren gestorbene Cage von diesem 2001 gestarteten Projekt, würde er gewiss grinsen. Humor besaß Cage in hohem Maße. Amüsiert hätte er sich auch über ein Symposium im Jahr 1997 von Organisten, Orgelbauern, Musikwissenschaftlern und Philosophen. Sie diskutierten darüber, welchen Grad von Langsamkeit Cage mit dem Titel gemeint haben könnte. Die Symposiums­teilnehmer hatten eine Idee, ja eine Vision: Sie projektierten eine Aufführung mit gut 600-jähriger Spieldauer in Halberstadt.

Halberstadt schien ihnen der geeignete Ort: Im dortigen Dom wurde 1361 die erste Großorgel der Welt aufgestellt, deren Tasten alle zwölf Halbtöne einer Oktave enthielten. Das Jahr 2000 wählten die Wissenschaftler als Zeitachse, markierten das Jahr 1361 als Fixpunkt in der Vergangenheit und projizierten die Spanne zwischen Orgelbau und dem Jahr 2000 – also 639 Jahre – als Aufführungszeit von „As slow as possible“ in die Zukunft.

Die Burchardikirche war nicht unbedingt die ideale Stätte dafür. Der Bau aus dem Jahr 1050, von Napoleon säkularisiert, hat schon als Scheune, Lagerschuppen, Schnapsbrennerei und Schweinestall gedient. Es gab keine Orgel, das Dach war undicht. Doch Halberstadt, mit Dom, Liebfrauenkirche, Gleim-Haus und seit 1883 mit Würstchen aus der Dose überregional bekannt, witterte seine Chance.

Für das Cage-Projekt beseitigte die Stadt ein paar Schäden in der Kirche. Und so konnte am 5. September 2001, dem 89. Geburtstag von Cage, ASLSP starten. Erster Schritt: Einschalten des Gebläses. Denn das Stück beginnt mit einer Pause. Am 5. Februar 2003 ertönte der erste Klang, bestehend aus den Tönen gis’, h’ und gis”. Dementsprechend hatte die Orgel zunächst auch nur drei Pfeifen. Kommt ein neuer Ton hinzu, gibt’s eine neue Pfeife. Ein Organist ist nicht notwendig: Ersetzt wird er durch kleine Sandsäcke an den Tasten. Seit Beginn hat es neun Klangwechsel gegeben. Der schnellste Wechsel – nach nur drei Monaten Klangdauer – wurde am 5. Februar dieses Jahres vollzogen. Welch eine Eile.

Nun hat eine deutlich längere Phase begonnen. Das des’, das zusammen mit dem c’ den neuen Klang bildet, soll bis 2071 zu hören sein, 60 Jahre lang. Das Kleinkind, das heute auf den Schultern seines Vaters dem Ereignis beiwohnt, dürfte also das Ende des Tones noch miterleben. Die meisten anderen Zeitzeugen – was für ein Wort angesichts solcher Ewigkeiten – nicht.

Tatsächlich erzeugt eine derart veränderte Zeitperspektive ein ganz neues Bewusstsein auch bei den Besuchern: Die Gruppe, die aus Berlin angereist ist und vor der Kirche auf den neuen Klang wartet, studiert geduldig die Partitur des Stückes. Hinten an der Mauer hüpfen ein paar halbwüchsige Kinder, lachen, haben ihren Spaß an diesem milden Abend.

Das Ereignis selbst fällt dann eher unauffällig aus. Kurz nach 20 Uhr vollziehen drei Menschen den Klangwechsel: die Musiker Christoph Bossert (einer der Projektinitiatoren), seine Ehefrau Andrea Dubrauszky-Bossert und Nicholas Riddle, Repräsentant der Edition Peters, in der Cages Werke verlegt sind.

Das neue Halbtonintervall c’–des’ reibt sich noch bis 2047, dann wird das c abgeschaltet. Dreht man den Kopf ein wenig, ändert sich der Höreindruck deutlich – Schwebungen beleben den stehenden Klang. An den Wänden der Kirche sind in Augenhöhe kleine Tafeln auf einem Metallband montiert: Hier können sich Sponsoren verewigen, die für (mindestens) 1000 Euro ein zukünftiges Jahr finanzieren helfen. Auf dem ersten Meter der Zeit-Schiene hängt eine Tafel mit zwei bekannten Zeit-Genossen, die aus Halberstadt stammen. Die Journalistin Wibke Bruhns und der Filmemacher Alexander Kluge haben das Jahr 2003 nach Kräften gefördert.

Die Menschen drängen sich in Massen um die Miniorgel. Studenten aus Göttingen sind angereist, ein Physiker aus Hamburg mit seiner Frau ist von der meditativen Stimmung begeistert, die dieser Klang verbreitet. Ebenso Axel Halle, Bibliotheksdirektor aus Kassel. Er möchte vielleicht auch eine Jahrestafel kaufen, möglicherweise mit einem Hinweis auf den Schriftsteller und Gelehrten Hans Jürgen von der Wense, dessen Nachlass in seinem Hause liegt und der, sympathisch verrückt wie er war, sicher ebenfalls dieses Projekt bejubelt hätte.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis an diesem Abend: Auch wenn es sich um ein Musikstück handelt, wird die Musik selbst eher unwichtig – ähnlich wie im Cage-Stück mit dem Titel 4’33”, das aus vier Minuten und 33 Sekunden Stille besteht. Vor allem geht es um das Verhältnis des Menschen zur Zeit. Hier in Halberstadt existieren die vergehende und die scheinbar stillstehende Zeit in friedlichem Nebeneinander.

Nur Menschen schaudert es vor Jahrhundert-Perspektiven. Die Natur ist da gelassener. Jahr für Jahr lässt sie Eicheln keimen, von denen etliche länger grünen, als Menschen planen mögen. Eigentlich hätte man 2001 an der Burchardikirche eine Eiche pflanzen sollen. Aber es ist ja noch Zeit.

Die Initiatoren sind vorsichtig, was die fernere Zukunft angeht. Sie haben nur den ersten Abschnitt der fünfteiligen Komposition organisiert. Der zweite Teil soll am 5. September 2072 beginnen – wenn die Welt dann noch steht. In welcher Form das Projekt danach fortgesetzt wird, sollen künftige Generationen entscheiden. Et nunc et semper et in saecula saeculorum. Jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Von Michael Schäfer