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Regional Jim Knopf, die Pharmalobby und mehr
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11:50 28.03.2018
Claire Foy als Sawyer Valentini einer Szene des Films "Unsane - Ausgeliefert"
Claire Foy als Sawyer Valentini einer Szene des Films "Unsane - Ausgeliefert" Quelle: dpa
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Echtes Genrekino

"Unsane“

Das US-Gesundheitssystem mag Steven Soderbergh nicht besonders: Schon in „Side Effects“ rechnete er mit der Pharmaindustrie ab. Nun hat er sich in „Unsane“ die Psychiatrie vorgeknöpft, in der Patienten offenbar mal eben weggesperrt werden, um die Bettenbelegung hochzuhalten. Aber keine Angst: Es handelt sich hier um schnelles Genre-Kino und ganz bestimmt nicht um ein aufklärerisches Sozialdrama.

Sawyer (Claire Foy, Elizabeth II. in der Serie „The Crown“) landet auf der Flucht vor einem Stalker in der Psychiatrie, sucht nur Hilfe und unterschreibt in einem Moment der Unachtsamkeit ihre Selbsteinweisung – wohl kein Einzelfall in diesem ehrenwerten Haus.

Und dann kommt’s: Sawyer meint, in einem Pfleger ihren Verfolger David (Joshua Leonard) zu erkennen. Aber wer glaubt schon einer mit Tabletten vollgepumpten Frau?

Mit delikaten Psychospielchen hält sich Soderbergh nicht lange auf. Wenig subtil appelliert er an unsere Ängste, in einem Zwangssystem zu verschwinden. Um wieder herauszufinden, sollte man eine toughe junge Frau mit ausgeprägten Überlebensinstinkten sein. Vom Opfer verwandelt sich Sawyer in ein wehrhaftes Musterbeispiel für jede #MeToo-Beauftragte. Übergriffige Männer bringt Sawyer auch schon mal mit einem angespitzten Löffel zur Strecke. Die rasante Handlung hilft, logische Löcher zu übersehen.

Ob der Dreh mit dem Handy jetzt die Zukunft ist? Zuvor hat auch schon Sean Baker die Technik in „Tangerine L. A.“ ausprobiert, allerdings aus Kostengründen. Sagen wir so: Hier passt der digitale Schmuddel-Look wunderbar zur Geschichte. Soderbergh, Wanderer zwischen Medienwelten, kann sich eine weitere Kerbe ins Smartphone machen.  sto
„Unsane“, Regie: Steven Soderbergh, 98 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen

„Das Handy bedeutet Freiheit“

Regisseur Steven Soderbergh über seinen dreh mit dem Smartphone

Herr Soderbergh, Sie haben Ihren Thriller „Unsane“ auf dem iPhone gedreht: Ist das eine Einladung ans Publikum, auch mal mit dem Mobiltelefon loszulegen?

Niemand hält Sie davon ab. Aber ein Filmdreh mit dem Handy bedeutet nicht unbedingt, dass was Gutes dabei rauskommt. Technik ist kein Ersatz für Talent. Auch mit dem Smartphone muss man die richtige Kameraperspektive finden. Das Handy ist nur ein Werkzeug.

Wieso haben Sie sich dafür entschieden?

Nach meinem Gefühl war das Handy genau das Richtige für dieses Projekt. Hätte ich mit konventionellem Equipment gefilmt, wäre ein schlechteres Ergebnis herausgekommen. Das Handy bedeutete Freiheit: Die Schnelligkeit, mit der wir arbeiten konnten, war phänomenal.

Was war zuerst da: die Geschichte oder die Smartphone-Idee?

Das war ein wechselseitiger Prozess. Ich saß ja nicht rum und dachte, jetzt muss ich aber unbedingt einen Film mit dem iPhone inszenieren. Aber alles entwickelte sich in die Richtung: Ich habe mit einem iPhone 7 plus mit hochauflösender 4K-Technik gearbeitet und hatte drei Geräte mit verschiedenen Linsen zur Verfügung – 18 Millimeter, 60 Millimeter und einem Fischauge.

Wenn jetzt doch jemand mit seinem Smartphone losziehen will: Worauf muss er achten?

Sie müssen ganz anders mit der Farbgebung umgehen: Bei Zelluloid vermasseln Sie leicht die lichtschwachen Szenen, weil die Bilder plötzlich zu dunkel sind. Da lässt sich beim Entwickeln nichts mehr retten. Beim digitalen Filmen ist es das Gegenteil: Sie müssen sich vor Überbelichtungen hüten, sonst gehen die Details verloren.

Hat das bei Ihnen problemlos geklappt?

In der Praxis war es zunächst beunruhigend. Wir mussten Dinge ausprobieren und uns von alten Gewohnheiten trennen. Ich bin zum Beispiel näher an die Schauspieler ran, als ich das mit einer üblichen Kamera gemacht hätte.

Sie gelten als Kinorevolutionär: Wie groß ist für Sie der Druck, sich bei jedem Film neu zu erfinden?

Ich konzentriere mich stets auf das jeweilige Projekt und frage mich nicht auch noch, wie es wohl nach außen wirkt. Ich hoffe allerdings manchmal, dass sich andere Regisseure meinen Ideen anschließen – zum Beispiel jener, Filme ohne die großen Studios ins Kino zu bringen, so wie ich es jüngst bei „Logan Lucky“ getan habe. Tatsächlich habe in bei „Unsane“ jedoch versucht, die US-Regisseursvereinigung davon zu überzeugen, den Thriller unter einem anderen Namen drehen zu dürfen. Ich wollte mich gewissermaßen von mir selbst befreien. Andererseits: Ohne meinen Namen würde ich kaum so viel Raum für Kinoexperimente bekommen.

Wie viel Spaß macht es Ihnen, das Publikum auf falsche Fährten zu locken?

Ein Regisseur muss sich darüber bewusst sein, wie leicht es ist, das Publikum zu manipulieren. Es handelt sich um eine Form der Verführung.

Werden die Leute irgendwann aufhören, ins Kino zu gehen?

Ich glaube, dass das Kinoerlebnis einzigartig ist. Wir müssen die neuen Technologien aber gut nutzen: Wir können zum Beispiel prinzipiell jeden Film per Server kostengünstig auf die Leinwand bringen. So viele Kinoklassiker warten nur darauf, von jüngeren Zuschauern in ihrer ganzen Schönheit entdeckt zu werden, denken Sie nur mal an den „Paten“. Wenn ich Kinobesitzer wäre, würde ich dafür Nischen schaffen.
Die Leute sitzen aber lieber zu Hause und schauen Serien wie „Mosaic“ oder „The Knick“, beide übrigens inszeniert von Ihnen.
Vielleicht gelingt es ja doch noch, sie in Cineasten zu verwandeln. Auf dem Sofa zu Hause kann man sich von Bildern nicht so mitreißen lassen wie vor einer riesigen Leinwand. Für Sensationen ist das Kino zuständig.

Werden sich die Zuschauer in „Unsane“ nun wundern über die Handybilder?

Nein, die Leute werden gar nicht merken, wie der Film entstanden ist.

Vor fünf Jahren haben Sie gesagt, Sie würden sich in den Ruhestand begeben. Wieso ist daraus nichts geworden?

Damals meinte ich es ernst. Ich hatte keine Projekte in der Pipeline. Ich wollte mich mit Malerei beschäftigen. Dann kam die Krankenhausserie „The Knick“, und dann wurde mir klar: Mich hat nicht der Job als Regisseur frustriert, sondern das Kinogeschäft. Ich liebe es immer noch, Filme zu drehen. Und außerdem: Niemand hat wohl wirklich auf meine Gemälde gewartet.
Interview: Stefan Stosch

Die unbändige Geschichte

„Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“

Als wir nun schon Älteren noch klein waren, öffnete sich im Fernseher eine Holzkiste und eine Kapelle swingte sich quietschvergnügt durch den Jazzschlager über „eine Insel mit zwei Bergen“. Bald wurden wir dieser Berge ansichtig und das Zellophanmeer der Augsburger Puppenkiste schwappte an den Strand. Vier Sonntage hing die Welt für uns an Marionettenfäden, alles Künstliche war teuflisch echt, alles Unplausible völlig logisch. Es ging mit Jim Knopf, Lokführer Lukas und der Lokomotive Emma nach China und noch viel weiter. Michael Ende, Autor der „unendlichen Geschichte“, hatte drauflos geschrieben. Erster Satz – mal sehen was kommt. Wunderbares kam raus.

Was jetzt fürs Kino neu verfilmt wurde: Die Insel Lummerland ist übervoll. König Alfons der Viertelvorzwölfte (Uwe Ochsenknecht) hat seit der Ankunft des Findelkinds Jim (Solomon Gordon) in einem Paket fünf Untertanen. Zu viel für das Eiland, deshalb soll die (lebende) Lok Emma auf den Schrottplatz. Heimlich verlassen die drei von den lummerländischen Öffis die Insel. Sie stranden in China und suchen die von Piraten entführten Kaisertochter. Im Kummerland wird Li-Si von einem bösen Drachenweib namens Frau Mahlzahn gequält, an die auch die Sendung mit Baby Jim adressiert war. Bei den Drachen erhofft sich Jim Antwort auf die existenzielle Frage: Wer bin ich?

Der Hammerschlag-Schriftzug, der an die „Harry Potter“-Streifen erinnert, lässt einen zunächst Babelsberger Größenwahn befürchten. Stattdessen ist Dennis Gansels „Jim Knopf“ ein Werk der Liebe. Figuren und Kulissen erinnern an die Puppenstube, und nur einmal müssen die kleinsten Zuschauer die Luft anhalten – ein Wächterdrachen gemahnt an Smaug, den gefährlichen Lindwurm der „Hobbit“-Filme.

China heißt im Film wieder Mandala (wie schon in einigen Buchauflagen). Angefangen von Personennamen wie Ping-Pong und Pi-Pa-Po bis hin zu den Leckereien der mandalischen Küche (lebendes Gewürm) ist das Fantasiereich der Mitte ein Ort der Überzeichnung.  Wohltuend ist, dass sich die Martial Arts mal nicht gegen die gute alte Boxerfaust durchsetzen. Die kaiserliche Wache wird von Lukas (Henning Baum) mitten im schönsten Kung-Fu-Ballett niedergestreckt. Und an der Rüstung des letzten Gegners entzündet er dann ein Streichholz für seine Pfeife. Bud Spencer lässt grüßen. Was Endes unbändiger Geschichte fehlte, war der Humor. Gansel packt ihn rein.

Mit dem Thema einer Schein-Übervölkerung und der Neigung von Populisten, damit in Immigrationsfragen zu punkten, könnte „Jim Knopf“ einige Aktualität für sich reklamieren. Wobei am Ende bei Ende und Gansel alles gut wird. Vernunft regiert, wahre Nächstenliebe führt zu  Integration. Und der knuffige Jim fragt nicht mehr „Wo komme ich her?“, sondern „Wo gehöre ich hin?“. Die Antwort ist so gewiss wie eine Fortsetzung des Films. Viva Lummerland!
„Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“, Regie: Dennis Gansel,  109 Minuten, FSK 0, Cinemaxx Göttingen, Feilenfabrik Duderstadt, Schauburg Northeim

Wenn der Diktator am Boden liegt ...

„The Death of Stalin“

Da liegt er nun, der gefürchtete Diktator, in seiner Urinlache und keiner kommt ihm zu Hilfe. Die Wachen vor der Tür hatten gehört, wie Stalin zu Boden fiel, trauten sich aber nicht rein. Zu viel könnte man falsch machen, und jeder Fehler kann den Tod bedeuten in der UdSSR des Jahres 1953.

Auch am Abend zuvor, als der Generalsekretär des ZK der KPdSU mit seinen engsten Parteigenossen in seiner Datscha aß, trank und einen Cowboyfilm anschaute, hatte er gerade neue Verhaftungslisten unterschrieben.

Den Tod des Diktators macht der schottische Regisseur Armando Iannucci zum Zentrum einer historischen Farce. Das stalinistische Terrorsystem aus einem komödiantischen Blickwinkel zu betrachten ist natürlich eine harte Gratwanderung. Aber Regisseur Iannucci hat mit seiner Polit-Satire-Serie „Veep – Die Vizepräsidentin“ schon umfangreiche Erfahrungen auf dem Gebiet der schwarzen Komödie gesammelt. Steve Buscemi gibt als Chruschtschow den großen Taktierer, Jason Isaacs als Feldmarschall Schukow ein furchtloses Alphatier und Simon Russell Beale einen widerwärtigen NKWD-Chef.  
„The Death of Stalin“, Regie: Armando Iannucci, 107 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen

Einmal um die ganze Welt

"Vor uns das Meer"

Ein Mann auf einem Segelboot, mitten auf dem Meer ganz auf sich allein gestellt. Der Film von James Marsh („Die Entdeckung der Unendlichkeit“) beruht auf einer historischen Begebenheit.

1968 lobt die Londoner „Sunday Times“ 5000 Pfund für denjenigen aus, der die Welt in einem Einhandsegler auf einer bestimmten Route nonstop am schnellsten umrundet. Donald Crowhurst (Colin Firth) könnte das Geld für die Sanierung seines Peilfunkgeräte-Unternehmens gut gebrauchen. Er gewinnt Stanley (Ken Stott) als Sponsor und den Journalisten Rodney (David Thewlis) als Presseagenten. Und er lässt einen Trimaran bauen, für den er ohne Wissen seiner Frau Clare (Rachel Weisz) Haus und Firma verpfändet.

Sehenswert ist der Film vor allem wegen Colin Firth. Er weckt viel Empathie für den Möchtegern-Weltumsegler, dem irgendwann bewusst wird, dass er sich in ein Dilemma navigiert hat. Kehrt er um, ist er ruiniert, macht er weiter, droht im der Tod auf See. So ist „Vor uns das Meer“ denn auch mehr ein Charakter- als ein Segeldrama. bra
„Vor uns das Meer“, Regie: James Marsh, 102 Minuten, FSK 6, Cinemaxx Göttingen

Monolog des Verlierers

"Im Zweifel glücklich"

Praktisch über Nacht steckt Brad in einer Lebenskrise. Anlass ist eine Reise mit seinem Sohn Troy an die Ostküste, wo sich die beiden Colleges anschauen. Dieser Trip weckt bei ihm Erinnerungen an seine eigene Studienzeit. Vor allem an ehemalige Studienfreunde, die es weiter gebracht haben.

Brad sieht sich in Mike Whites „Im Zweifel glücklich“ als Loser. Nun muss er auch noch einen der Erfolgsmenschen treffen, damit der für Troy ein Vorstellungsgespräch in Harvard organisiert. Große Teile des Films bestehen aus einem inneren Monolog Brads. Dass dies unterhaltsam bleibt, verdankt sich Ben Stillers überzeugender Leistung. eco
„Im Zweifel glücklich“, Regie: Mike White, 102 Minuten, FSK 0, Cinemaxx Göttingen