Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Kinostarts der Woche für Göttingen und die Region
Nachrichten Kultur Regional Kinostarts der Woche für Göttingen und die Region
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:23 27.02.2019
Friedrich Mücke als Steve und Julia Koschitz als Carola in einer Szene des Films "Wie gut ist deine Beziehung?"
Friedrich Mücke als Steve und Julia Koschitz als Carola in einer Szene des Films "Wie gut ist deine Beziehung?" Quelle: dpa
Anzeige
Göttingen

Die Kinostarts der Woche für Göttingen und die Region:

„Dirty Dancing“ für Yoga-Fans

Die Unterhaltung zwischen den beiden klingt wie ein oft geprobtes Ritual: „Keine Angst vor Veränderungen!“, sagt Carola (Julia Koschitz) und schaut ihrem Steve beschwörend in die Augen. Und Steve (Friedrich Mücke) antwortet ganz entspannt hinter seinem Zauselbart: „Ich will, dass alles so bleibt, wie es ist.“ Dann gibt es ein Küsschen.

Das kann nicht die erste Unterhaltung dieser Art gewesen sein – und beide wissen genau, woran sie mit dem anderen sind. Jedenfalls glauben sie das zu diesem Moment noch.

Gemessen an der relativen Unvereinbarkeit ihrer Grundüberzeugungen läuft es ja auch wirklich gut bei dem Paar, beide um die 40, er IT-Experte, sie Veranstaltungsplanerin. Aber das bleibt nicht mehr lange so in Ralf Westhoffs Beziehungskomödie „Wie gut ist deine Beziehung?“. Der Regisseur arrangiert einen gezielt katastrophal verlaufenden Versuch der Paarberatung.

Halt, einen Moment bitte: Wer jetzt beim Stichwort „Beziehungskomödie“ entsetzt mit den Augen rollt, sollte vielleicht doch erst noch einmal ganz kurz durchatmen und sich auf diesen Film einlassen: Es handelt sich bei „Wie gut ist deine Beziehung?“ nicht um eine jener seichten Auf-jeden-Topf-passt-ein-Deckel-Spielchen, wie sie das deutsche Kino bis zum Exzess in den Neunzigerjahren durchexerziert hat. Hier passen Topf und Deckel ja längst schon zueinander, und mit einiger Verspätung erst beginnt das große Klappern.

Regisseur Ralf Westhoff, der auch das Drehbuch schrieb, nimmt amüsiert gesellschaftliche Mechanismen unter die Lupe, die aufs Paarverhalten abfärben. Denn der Komödienspezialist weiß genau: Keine Beziehung existiert im luftleeren Raum, auch nicht die von Carola und Steve.

Ein prima Beispiel dafür war schon seine Komödie „Wir sind die Neuen“ (2014): Da zog eine fidele Seniorentruppe unter einer Studierenden-Wohngemeinschaft ein und war deutlich lockerer drauf als die jungen Leute ein Stockwerk darüber, die gebannt auf ihre herannahenden Abschlussprüfungen an der Uni starrten und dem Leben nur das Schlechteste zutrauten. Der zugespitzte Generationenkonflikt mit vertauschten Rollen machte in dieser Erwachsenenkomödie plötzlich richtig Spaß. Der Regisseur beherzigt den schönen Satz, wonach es durchaus möglich ist, sich leicht zu nehmen, ohne an Gewicht zu verlieren.

Nun streut der Regisseur leise Zweifel zwischen Steve und Carola, ob sie wirklich so zufrieden miteinander sein können, wie sie es zu sein glauben. Sollten sie nicht viel lieber schleunigst daran gehen, an ihrer Beziehung zu „arbeiten“, wie es in Ratgebern immer so angestrengt empfohlen wird?

Auslöser für die Krise ist Steves Freund und Arbeitskollege Bob (Bastian Reiber), ein echter Computernerd: Bis eben schienen Bob und seine Freundin noch ein unangefochtenes Paar zu sein. Und dann ist Bobs Liebste plötzlich zum Tantra-Meister Harald (Michael Wittenborn) übergelaufen, der sich offenbar bestens darauf versteht, weibliche Schwingungen zu erspüren und bei der Gelegenheit gleich mal nach der Telefonnummer zu fragen.

Theater zum Freispielen: Julia Koschitz

Zuletzt stand sie zumeist vor der Kamera, aber eigentlich ist sie eine Frau für die Bühne: Julia Koschitz, die dem Kleinen Theater Landshut schon manche Sternstunden beschert hat. Mit ihrer Darstellung der „Nora“ von Henrik Ibsen hatte die 1974 in Brüssel geborene Schauspielerin vor 13 Jahren bei den Bayerischen Theatertagen den Darstellerpreis errungen. Jüngst wurde sie in Landshut wieder gefeiert: In Sven Grunerts Inszenierung von Wolfgang Herrndorfs unvollendet hinterlassenem Roman „Bilder deiner großen Liebe“ spielte sie die Rolle der Isa, die als Nebenfigur schon in Herrndorfs „Tschick“ vorkam. Ein eindringliches Solo..

„Julia Koschitz kann den Raum fast geräuschlos mit dem Gefühl zerbrechlichen Trotzes füllen“, schrieb der „Tagesspiegel“ im Januar. Das zeigte sie schon in ihrer ersten Kinorolle, in Jan Westhoffs Speeddating-Komödie „Shoppen“ (2006), der bislang mehr als 50 Kino- und – vor allem – Fernsehproduktionen folgten.

„Ich habe das Theater gebraucht, um mich erst mal freizuspielen, um zu begreifen, dass man, egal, welche Weltliteratur man vor sich liegen hat, seine eigene Interpretation, seinen Ausdruck finden muss“, sagte Koschitz dem „Straubinger Tagblatt“ zur Premiere von „Bilder deiner großen Liebe“. Auf den Film habe sie sich konzentriert, „weil die Angebote für mich zu spannend waren und es unmöglich war, beides organisatorisch zu vereinen“. (Big)

Ohne fernöstliche Esoterik oder mindestens zwei Yoga-Kurse pro Woche läuft ja heute sowieso nichts mehr bei hippen Großstadtbewohnern. Auch das hat Westhoff gut beobachtet.

Und so macht sich auch Steve an die Optimierung seines Selbst und seiner Beziehung – zum Entsetzen von Carola, die gar nicht recht versteht, was plötzlich in ihren Freund gefahren ist. Gemüse-Smoothie zum Frühstück, Rollschuhfahren am Abend, erstaunliche sexuelle Aktivität in der Nacht: Da fühlt sich auch Carola angespornt zu liefern, wie es in diesem Land sonst immer die FDP von anderen verlangt. Sie geht erst einmal zum Friseur zwecks optischer Verjüngungskur und öffnet sich auch sonst neuen Erfahrungen.

Aber gerade durch die ungeahnten Anstrengungen der Optimierung werden die Risse zwischen den beiden tiefer. Steve, noch dazu geplagt von den schnöselig-besserwisserischen Unternehmensberatern in seiner Computerfirma, stößt bald an Grenzen: „Ich muss Carola mit Dingen erobern, die ich nicht kann, und Fähigkeiten, die ich nicht habe.“ Der vorsichtige Einwand Bobs scheint ihn nicht wirklich zu überzeugen: „Du hast sie doch schon erobert.“

Die von Drehbuchautor Westhoff geschriebenen Dialoge sind klug, hier und da vielleicht sogar ein bisschen zu klug. Zwischenzeitlich können sich die beiden Protagonisten vor originellen Tipps ihrer Umwelt kaum retten. Alle wissen es besser als die beiden Leidtragenden.

Aber das macht nichts: Wer will im Kino schon pointenarme Realität vorgesetzt bekommen? Zumal wir in dieser Komödie auch noch eine Art „Dirty Dancing“ im Yoga-Zeitalter kennenlernen und darüber hinaus entdecken, dass auch eine bequeme Couch das unverrückbare Zentrum einer stabilen Beziehung sein kann.

„Wie gut ist deine Beziehung?“, Regie: Ralf Westhoff, mit Julia Koschitz, Friedrich Mücke, 111 Minuten, FSK 0, Cinemaxx Göttingen

Ein Mann sieht rot-weiß

Hier in Kehoe, Colorado, wo sich Grizzly und Puma gute Nacht sagen, ist Schneepflugfahrer Nels Coxman (Liam Neeson) ein beliebter Zeitgenosse. Alles ist gut, dann stirbt sein Sohn Kyle (Neesons Sohn Micheál Richardson) an einer Überdosis Heroin.

Nels’ Frau Grace (Laura Dern) erstarrt in Trauer, in Nels aber gären die Fragen. Er erfährt, dass der Sohn von drei Handlangern des Drogenbarons Viking (Tom Bateman) ermordet wurde. Nachdem er Limbo, Speedo und Santa (die Namen klingen nach drei von Schneewittchens sieben Gernegroßen) aus dem Weg geräumt hat, arbeitet er sich vor in Richtung kriminelle Chefetage und stiftet versehentlich einen Bandenkrieg an. Wer da glaubte, Wind gesät zu haben, wird von Coxmans Sturm fortgetragen.

Hans Petter Moland hat seine Thrillerkomödie „Einer nach dem anderen“ (2014) noch einmal in den USA inszeniert. Dass Neeson, der wehrhafteste ältere Herr Hollywoods, in seiner Jugend auch privat Rachefantasien nachhing, wie er jüngst dem „Independent“ verriet, hat ihn indes Sympathien gekostet. Anders als im Kino ist Gewalt im Leben eben keine Lösung.

„Hard Powder“, Regie: Hans Petter Moland, mit Liam Neeson, Tom Bateman, 118 Minuten, FSK 16, Cinemaxx Göttingen, Movietown Eichsfeld, Central-Lichtspiele Herzberg

Von Stefan Stosch und Matthias Halbig

27.02.2019
Göttingen Kultur im Second-Hand-Laden KIM - Peter Funk jetzt künstlerischer Leiter
26.02.2019