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12:03 24.01.2018
Moritz Bleibtreu als Ricky in dem Film "Nur Gott kann mich richten", der am Donnerstag (25.01.2018) in die Kinos kommt.
Moritz Bleibtreu als Ricky in dem Film "Nur Gott kann mich richten", der am Donnerstag (25.01.2018) in die Kinos kommt. Quelle: epd
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Göttingen

Wer wird schon aus Schaden klug?

Ein Mann betet auf den Knien. Er hat Jesus auf seinen Rücken tätowiert. Dass er kein heiliger Mann ist, ahnt man indes. Rickys Blick ist ernst, entschlossen, Showdown-Augen nennt man das, dabei ist der Film gerade erst einmal eine Minute alt. Und so blendet Regisseur Özgür Yildirim, um die restlichen 99 Minuten zu füllen, erst einmal fünf Jahre zurück, als ein nächtlicher Coup Rickys mit rauchenden Colts endete.

So war das: Zwei Brüder, Ricky und Rafael, ihr Kumpel Latif, eine nächtliche Werkstatt, ein Überfall. Ein stiernackiger Russe, der nicht klein beigeben wollte. Schießerei, Verhaftung, Knast. Fünf Jahre später will Ricky (Moritz Bleibtreu) mit einer Bar im Süden der Welt neu beginnen, und Latif (Kida Khodr Ramadan), den Ricky damals nicht verpfiffen hat, liefert zur Finanzierung dieses Traums die todsichere, allerletzte krumme Tour. Rafael (Edin Hasanovic) ist auch dabei, nachdem Rickys Team von der Polizei festgesetzt wurde. Er wollte eigentlich „nie mehr Scheiße bauen“, aber er träumt auch – von einem Leben mit der schwangeren Freundin Elena (Franziska Wulf). Die rosarote Zukunft versperrt die Sicht auf das böse Ende. Dabei ist die todsichere Sache eine mit kriminellen Albanern. Albaner ziehen einen immer über den Tisch, über den man eigentlich sie ziehen wollte.

Regisseur Özgür Yildirim ist zu den Gangstern zurückgekehrt, die er vor zehn Jahren in seinem Debüt „Chiko“ bereits ausgiebig gefeiert hatte. Damals war Hamburg Gangsterstadt, heute geht’s zu den Klein-Capones, die hinter den Glitzerfassaden der Banker-, Goethe- und Grüne-Soße-City Frankfurt herumkrebsen.

Diesmal gibt es auch Gesetzeshüter. Die Polizistin Diana stoppt Ricky und Rafael direkt nach der bewaffneten Abzocke wegen eines defekten Rücklichts. Nach einer Hatz durch Hinterhöfe bleiben zweieinhalb Kilo Heroin Beute zurück. Und da besinnt sich auch Diana auf ihren Traum: Mit dem Erlös wäre die Herzoperation für ihr Töchterchen erschwinglich.

Yildirims dampfendes Genre-Kino erzählt eine Geschichte, die – von Raoul Walsh bis Brian De Palma – vom Kino bereits tausendfach erzählt wurde. Nie werden Gangster im Film aus Schaden klug. Was den klischeebeladenen Thriller „Nur Gott…“ besonders macht, sind das echt wirkende Milieu, die meist authentische Sprache und die vibrierende Energie. Zudem haben die „Helden“ neben Motiven auch einige Tiefe. Viel Tragödie rollt hier heran, Shakespeare hätte geseufzt.

Und wenn kurz vor Schluss erst die Hälfte davon über den Zuschauer gerollt ist, ist man wieder zurück bei der Anfangsszene. „No Regrets“ hat der betende Ricky über dem Jesuskopf tätowiert – „kein Bedauern“. Nein, Erlösung gibt es für ihn ebenso wenig wie einst für James Cagneys Cody in „Maschinenpistolen“ oder für Edward G. Robinsons Rico in „Der kleine Cäsar“. Gangster sterben, das ist Kinogesetz, die Frankfurter Soße ist in diesem Fall rot.

„Nur Gott kann mich richten“, Regie: Özgür Yildirim, 100 Minuten, FSK 16, Cinemax Göttingen

Wie Wut größere Wut gebiert

Rassistischer Hilfssheriff, prügelnder Ex-Gatte, feixender Klugscheißer: Ziemlich unsympathische Typen bevölkern das Hinterwäldler-Kaff Ebbing in Missouri. Aber man sollte nicht zu schnell urteilen in diesem grandiosen Film. So leicht, wie es auf den ersten Blick scheint, ist die Welt nicht in Gut und Böse aufzuteilen.

Auch Mildred Hayes (Frances McDormand) ist eine schwer auszurechnende Kinoheldin: Ganz sanft dreht sie den Käfer um, der hilflos auf dem Rücken liegt und mit den Beinen strampelt – obwohl sie von Wut und Schmerz gepeinigt wird und man jede Summe gewettet hätte, dass sie dem Tier den Garaus macht, so wie sie auch später vor Gewalt nicht zurückschrecken wird. Sieben Monate zuvor wurde Mildreds Tochter vergewaltigt und ermordet. Noch immer ist die Polizei dem Täter keinen Zentimeter näher gekommen. Es sieht auch nicht so aus, als würde sie sich noch groß um den Fall scheren.

Deshalb ist Mildred in eine Werbeagentur gestapft, hat erst den armen Käfer aus seiner misslichen Lage befreit, dann 5000 Dollar auf den Tisch geworfen und die drei windschiefen Billboards, also die Plakatwände am Ortseingang, gebucht. Seit dem Bau des neuen Highways, also seit einer kleinen Ewigkeit, hat hier niemand mehr etwas annonciert, die Reklametafeln befinden sich schon beinahe im Zustand der Auflösung. Aber jetzt hat Mildred sich eine knackige Zeile einfallen lassen, geschickt verteilt auf alle drei Billboards, die sich am Straßenrand reihen: „Raped while dying ... and still no arrests ... how come Chief Willoughby?“ Das lässt sich bei langsamer Vorbeifahrt – und langsam fährt jeder in Ebbing, Missouri – ganz wunderbar studieren.

Seitdem steht die angeblich so tatenlose Polizei um Bill Willoughby (Woody Harrelson) mächtig unter Druck, die Situation in dem Dorf droht zu eskalieren. Und Mildred, von Beruf Souvenirverkäuferin (welche Besucher kommen bloß in diesem abgeschiedenen Ebbing vorbei?), hat tüchtig Anteil daran. In dieser burschikosen Rolle mag man sich kaum jemand anderen vorstellen als Francis McDormand mit verwitterten Gesichtszügen. Seit sie in dem Coen-Film „Fargo“ (1996) als hochschwangere Polizistin in einem Provinznest Dienst tat und dafür den Oscar bekam, hat man sie nicht mehr so furios gesehen. Für ihren aktuellen Auftritt hat sie schon den Golden Globe bekommen, vier gab’s insgesamt für den Film. Vorgestern kamen sieben Oscar-Nominierungen dazu.

Ihre Mildred schleudert mit ausdrucksloser Miene Wortbomben und manchmal auch Molotowcocktails. Sie wird mit jedem fertig, bedient sich dabei jedoch ihrer ganz eigenen, zweifelhaften Methoden, ob sie nun dem pöbelnden Schuljungen zwischen die Beine tritt und sicherheitshalber auch gleich noch dessen Freundin oder ob sie den Pfarrer zur Rechenschaft zieht, weil in dessen „Gang“ Kinder missbraucht würden. Die „Gang“ ist die katholische Kirche. Der Feldzug gegen eine ignorante Männergemeinschaft drängt Mildred immer stärker in die Rolle einer Extremistin.

Der lakonische Humor in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ erinnert an die Coens, und es fließt auch viel Blut – ganz abgesehen von den Kaskaden von Schimpfwörtern. Doch wechselt die Tonlage immer wieder. Wer eben noch als arroganter Schweinehund durch Ebbing stapft, kann sich plötzlich zum guten Menschen wandeln, ohne seine grundsätzlichen Überzeugungen aufzugeben. Selten haben wohl Rassisten im Kino so viel Sympathie auf sich gezogen – weshalb der Film in den USA auch für Kontroversen gesorgt hat

Regisseur und Drehbuchautor ist der Ire Martin McDonagh, der schon für seine Tragikomödie „Brügge sehen ... und sterben?“ (2008) gefeiert wurde. Nun zettelt er eine genauso komische wie anrührende Geschichte im Südstaaten-Ambiente an. Hier wippen Schaukelstühle gemächlich auf Veranden, aber genauso fliegen Menschen durch Fenster und gehen Polizeistationen in Flammen auf.

Die Handlung lässt sich in keinem Moment wirklich vorhersagen, und das spricht schon mal sehr für diesen Film, der etwas ganz anderes ist als ein handelsübliches Rachedrama. Es ist nur so, dass die Wut in diesem Land namens Amerika immer größere Wut gebiert. Manches Mal sieht das sehr nach trumpschen Reaktionsschemata aus – auch wenn hier niemand auf die Idee kommen könnte, mit einem Handy in die Welt zu twittern.

Das wirklich Überraschende aber ist: Zu Mitleid ist im Zweifelsfall jeder noch so miese Schuft fähig. Der so heftig attackierte Polizeichef entpuppt sich als ein liebender Familienvater, und sogar der brutal-debile Hilfssheriff Dixon (Sam Rockwell, er hat seinen Golden Globe redlich verdient) entdeckt, dass in ihm gute Seiten stecken. Vielleicht geht in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ die ein oder andere wundersame Läuterung zu viel über die Bühne, aber darüber sieht man gern weg: Die White-Trash-Heldin Mildred Hayes hat unser aller Unterstützung bei ihrem schier aussichtslosen Kampf für Gerechtigkeit.

Szene aus "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri." Quelle: Fox Searchlight

Star mit Charakter: Frances McDormand

In ihrem ersten Kinofilm glänzte sie 1984 als untreue Ehefrau, auf die der erboste Ehemann einen Killer ansetzt. Was dann für den Auftraggeber tödlich endete. „Blood Simple“ hatte 1984 schon denselben schwarzen Humor, wie der Film, der Frances McDormand 1996 weltweit bekannt machte – „Fargo“. Darin spielte sie eine hochschwangere Polizistin mit trockenem Witz und guten Instinkten (und bekam für diese Rolle den Oscar). Dazwischen war sie auch in „Arizona Junior“ (1987), „Miller’s Crossing“ (1990) und in „Barton Fink“ (1991) zu sehen – alles Filme von Regisseur Joel Coen, mit dem sie seit 1984 verheiratet ist und einen Sohn adoptiert hat.

Frances Louise McDormand, geboren 1957 in Chicago, wuchs selbst bei Adoptiveltern auf. Die Ziehtochter eines Pfarrers und einer Krankenschwester lebte in der Nähe von Pittsburgh, studierte darstellende Kunst in Yale und begann ihre Karriere 1982 beim Theater. Damals lebte sie in einer WG mit d Holly Hunter, bevor sie mit Hunter, Joel und Ethan Coen sowie „Spider Man“-Regisseur Sam Raimi ein Haus in Los Angeles bezog.

McDormand gehört zu den 16 Darstellern auf Erden, die außer einem Oscar auch einen Tony (beste Hauptdarstellerin im Bühnenstück „Good People“, 2011) und den Fernsehpreis Emmy (beste Hauptdarstellerin in einer TV-Serie – „Olive Kitteridge“., 2015) besitzen. Als Star sieht sie sich keinesfalls: „Filmstars haben Karrieren, Schauspieler arbeiten.“ Zum Beispiel für Wes Anderson: In dessen Animationsfilm „Isle of Dogs“, der im Februar die Berlinale eröffnet, spricht sie einen Hund.

„Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“, Regie: Martin McDonagh, 116 Minuten, FSK 12, Cinemax Göttingen

Nichts wie raus aus der Opferecke

„Ich weiß, dass ich kein gewöhnlicher Zehnjähriger bin“, sagt Auggie (Jacob Tremblay). Der Junge trägt einen Astronautenhelm über dem Kopf. Aufgrund eines genetischen Defektes ist Auggies Gesicht deformiert. Lange Narben ziehen sich die Wangen hinunter, die Nase ist platt, die Augen haben eine tränenartige Form. 27 Operationen hat er hinter sich gebracht, um selbstständig atmen, sehen und hören zu können. Bisher hat ihn seine Mutter Isabel (Julia Roberts) zu Hause unterrichtet. Aber nun soll er eine Schule besuchen. Als er den Schulhof betritt, starren ihn alle an. Manche sehen in ihm ein ideales Mobbingopfer.

Regisseur Stephen Chbosky, der dem Jugendroman von R. J. Palacio folgt, blickt aus vier Perspektiven auf Auggies Umfeld. Der zweite Teil des Filmes gehört Via (Izabela Vidovic), die als große Schwester nur wenig familiäre Aufmerksamkeit bekommt. Das hat sie bisher mit Traurigkeit ertragen. Als sich aber ihre Freundin Miranda (Danielle Rose Russell) neuen Freunden zuwendet, fühlt sich Via verloren. In zwei weiteren Teilen wird der Blick weiter geöffnet. Die multiperspektivische Erzählweise holt Auggie aus der Opferecke heraus.

„Wunder“, Regie: Stephen Chbosky, 113 Minuten, FSK 0, Cinemaxx Göttingen, Neue Schauburg Northeim, Central-Lichtspiele Herzberg am Harz

Traurig: „Letzte Tage in Havanna“

Die Altstadt Havannas hat den eigenwilligen Charme lebendigen Verfalls. Regisseur Fernando Pérez siedelt seinen Film „Letzte Tage in Havanna“ dort an. Alles scheppert, klappert und wackelt und fließend Wasser gibt es auch nicht mehr in dem ziemlich mürben Haus, in dem der lebenslustige Aidskranke Diego (Jorge Martinez) und sein fürsorglicher, indes eher grüblerischer alter Schulfreund Miguel (Patricio Wood) füreinander da sind. Diegos Großnichte Yusis (Gabriela Ramos) ringt ihm das Versprechen ab, ihr die Wohnung zu vererben. Das würde bedeuten, das Miguel ausziehen muss – möglicherweise bevor er die ersehnte Ausreisegenehmgung in die USA erhält. Pérez liefert einen traurigen Blick in ein Kuba, das voller Vergangenheit ist, die es beim Drängen in die Gegenwart aufgeben muss.

„Letzte Tage in Havanna“, Regie: Fernando Pérez, 93 Minuten, FSK 12, Lumiere Göttingen

Von Matthias Halbig, Stefan Stosch und Martin Schwickert

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