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Regional Teuflische Prüfung und Knutschen unterm Tschador
Nachrichten Kultur Regional Teuflische Prüfung und Knutschen unterm Tschador
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14:49 27.12.2017
Nicole Kidman als Anna Murphy und Colin Farrell als Steven Murphy in dem Film "The Killing of A Sacred Deer", der am Donnerstag in die Kinos kommt. Quelle: r/Alamode Film
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Göttingen

Teuflische Prüfung

Mit Göttern sind die Griechen bestens vertraut. Wenn Regisseur Yorgos Lanthimos seinen Film „The Killing of a Sacred Deer“ nennt, dann hat er eine antike Tragödie vor Augen: Agamemnon tötete den geliebten Hirschen von Artemis in einem heiligen Hain, dafür muss er sühnen und seine Tochter opfern. Man sollte diese Geschichte stets im Hinterkopf behalten in diesem gnadenlosen Film.

Dem Regisseur ist nicht das böse Grinsen, wohl aber der Spaß abhandengekommen – ganz anders als noch bei seiner skurrilen Partnervermittlungsbörse in der Zukunftssatire „The Lobster“, die für paarungsunwillige Singles ja auch schon ziemlich drastische Strafen bereithielt (Verwandlung in einen Hummer!). Nun unternimmt Lanthimos einen geradezu teuflischen Ausflug ins Unerklärliche, bei dem auch der Zuschauer gute Nerven braucht.

Einen Gott gibt es hier nicht – aber doch wenigstens einen Halbgott in Weiß: den Chirurgen Steven (Colin Farrell), der mit präsentabler Frau Anna (Nicole Kidman) und zwei gut geratenen Kids in einem großzügigen Haus lebt. Unanfechtbar scheint dieser Mediziner zu sein, den wir zunächst bei einer Operation an einem pochenden Herzen, gefilmt in Großaufnahme, sehen.

Aber Steven war nicht immer ein so perfekter Mediziner: Früher hatte er mit schweren Alkoholproblemen zu kämpfen. Er beging einen tödlichen Fehler im Dienst, wie wir eher nebenbei erfahren. Ein Familienvater starb auf seinem Operationstisch, das Krankenhaus deckte den Chirurgen. Doch kann dieser Vertuschungsversuch ihn nicht vor einer viel härteren Strafe beschützen.

In Stevens Umfeld taucht immer häufiger der Jugendliche Martin (Barry Keoghan) auf. Was die beiden verbindet, bleibt zunächst unklar. Steve schenkt dem 16-Jährigen eine teure Uhr, er lädt ihn zum Abendessen ein. Er will Martin offenbar Gutes tun. Zunächst vermutet man ein sexuelles Interesse, aber das ist es nicht. Umgekehrt nimmt die Anhänglichkeit des Jungen bedrohliche Züge an. Martin wird zum Stalker – und er versucht, Steven mit seiner Mutter zu verkuppeln. Steven bleibt lieber bei seiner blonden Gattin. Und nun belegt Martin ihn mit einem Fluch.

Das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Die Stimme eines Racheengels scheint durch den Teenager zu sprechen. Von Siechtum werde seine Familie heimgesucht, kündigt die Stimme an. Nur ein Ausweg bleibe Steven: Er soll Schicksal spielen, seinerseits ein Familienmitglied auswählen und töten. Nur dann könne er die beiden anderen retten.

Wie ernst soll Steven diese Drohung nehmen? Der Regisseur und sein treuer Drehbuchautor Efthimis Filippou haben ein perfides Szenario entwickelt: Die Kinder Bob (Sunny Suljic) und Kim (Raffey Cassidy) verlieren erst den Appetit, dann weisen ihre Beine Lähmungserscheinungen auf – und das ist noch nicht das Ende der Prüfungen. Gegen diese übernatürliche Heimsuchung ist auch keine Hightech-Medizin des 21. Jahrhunderts gewachsen. Stevens Situation wird immer beängstigender.

Ein US-Regisseur in einem handelsüblichen Horrorfilm hätte jetzt vermutlich den Kampf gegen das Böse auf- und Steven eine Teufelsaustreibung in Angriff nehmen lassen. Mit einem Versuch ernsthafter Gegenwehr hält sich Lanthimos in seinem ersten Hollywoodfilm aber gar nicht erst auf. Er fragt danach, ob der Familienvater seine Schuld tatsächlich wieder gutzumachen versucht. Welche Entscheidung wird Steven treffen? Ist er bereit, die Strafe anzunehmen?

Diese archaisch anmutende Prüfung ist angesiedelt in einer geradezu aseptischen Hochglanzwelt von Klinik und Eigenheim. Für reichlich Irritation ist gesorgt – zumal hier einiges im Wortsinn „verrückt“ zu sein scheint: Die Dialoge des Arztes mit seinen Kollegen wirken seltsam steif, Anna muss beim Sex mit ihrem Gatten wie eine narkotisierte Patientin still verharren, und die Kamera zieht sich oft etwas weiter vom Geschehen zurück als gewohnt. Sie lässt die Menschen wie Marionetten erscheinen, die an unsichtbaren Fäden zappeln. Ein surrealer Touch hält so Einzug in diesen Film.

Die eigentliche Faszination aber geht von der grandiosen Vorstellung des 1992 geborenen irischen Schauspielers Barry Keoghan aus, der zuletzt in Christopher Nolans „Dunkirk“ brillierte. Sein Martin verströmt kindliche Naivität und gleichzeitig eine Kälte, die einen erschauern lässt. So viel Unerbittlichkeit wagt im Unterhaltungskino sonst kaum ein Regisseur. Nur Michael Hanekes cineastische Versuchsanordnungen fallen einem da ein.

Irgendwann wird der Vater und Ehemann Steven mit einer Binde vor den Augen dastehen und das Schicksal über Leben und Tod entscheiden lassen. Die Szene ist grotesk, aber lachen wird in diesem letztlich rätselhaften Film garantiert niemand.

„The Killing of a Sacred Deer“, Regie: Yorgos Lanthimos, 121 Minuten, FSK 16

Knutschen unterm Tschador

„Was glaubst du, wie wir in Afghanistan unsere Geliebten getroffen haben?“, fragt ein Freund Armand (Félix Moati) – und zieht ihm demon-strativ den Nikab über. Das wallende, schwarze, bodenlange Kleidungsstück lässt allein die Augenpartie frei und erfüllt nicht nur fundamentalistische Kleidungsvorschriften, sondern bietet auch komplette Anonymität. Unmöglich zu erkennen, wer darunter steckt: Muslim oder Andersgläubiger, Mann oder Frau, junger oder alter Mensch.

Armand studiert in Paris und ist verliebt in seine Mitstudentin Leila (Camélia Jordana). Aber die Beziehung ist gefährdet, als Leilas Bruder Mahmoud (William Lebghil) aus dem Jemen zurückkehrt, wo er von den Taliban zu einem Islamisten umgekrempelt wurde. Leila darf die Wohnung nicht mehr verlassen. Der jüngere Bruder soll zur Ausbildung in den Jemen geschickt werden. Um Leila weiterhin treffen zu können, zieht sich Armand den Nikab über und gibt sich als Freundin aus, die die Schwester mit der Weisheit des Korans vertraut machen soll. Mahmoud zeigt sich fasziniert von dem verschleierten Wesen und ist sich sicher, dass Allah diese Frau für ihn ausgesucht hat.

Wahrscheinlich würde sich der ehemalige iranische Staatspräsident Rafsandschani im Grab umdrehen, wüsste er, dass ausgerechnet er als Inspirationsquelle zu Sou Abadis Komödie „Voll verschleiert“ diente. In einem Interview hatte der Ajatollah zum Besten gegeben, dass er sich während der Revolution als Frau verkleidet unterm Tschador versteckt hatte, um der Polizei des Schahs zu entkommen. Daraus entstand die Idee einer Cross-Dressing-Komödie à la Billy Wilders „Manche mögen’s heiß“ unter muslimischen Vorzeichen.

Regisseurin Sou Abadi ist im Iran aufgewachsen und im Alter von 15 Jahren nach Frankreich gekommen. Mit diesem leichtherzigen, aber keineswegs oberflächlichen Film verscheucht sie auch die Gespenster ihrer Kindheit, in der die Revolutionswächterinnen im Tschador zum stark reglementierten Alltag gehörten. Abadi reichert das humorvolle Verwechslungstreiben mit profundem Detailwissen an und lässt in ihrem Film zwei grundverschiedene Einwandererfamilien aufeinandertreffen.

Die Eltern des liebenden Armand sind aus dem Iran vor vielen Jahren nach Europa geflüchtet und beziehen auch heute noch als überzeugte linke und feministische Aktivisten Stellung gegen das islamistische Regime. Leilas Familie kommt aus dem arabischen Raum, die Eltern sind früh gestorben, und der große Bruder stürzt sich unter dem Druck der familiären Verantwortung in das klare Regelwerk des Fundamentalismus.

Mit größtmöglicher komödiantischer Reibungskraft lässt Abadi die unterschiedlichen Lebens- und Glaubensauffassungen hier aufeinanderprallen. Das geschieht mit einem großen Herz für die Figuren, die weit über die jeweiligen Lustspielklischees differenziert ausgearbeitet wurden. Die offene Haltung, die Abadi von den Charakteren einfordert, praktiziert die Regisseurin selbst gegenüber ihren Figuren.

„Voll verschleiert“, Regie: Sou Abadi, 96 Minuten, FSK 6

Im Reich des Malers

Nicht nur für Van-Gogh-Liebhaber ist dieser Animationsfilm eine faszinierende Reise durch die Bilderwelt des holländischen Malers. Entstanden ist „Loving Vincent“ durch ein ungewöhnliches Verfahren: Die Grundlage bilden Szenen mit echten Schauspielern, die von 200 Künstlern übermalt wurden. Die farbigen Passagen, die in der (Film-)Gegenwart spielen, beruhen auf Werken van Goghs, während die Vergangenheit in schwarz-weiß gehaltenen Rückblenden erzählt wird. Dazu gibt es eine fiktive Rahmenhandlung, in der versucht wird, die ungeklärten Todesumstände des 1890 gestorbenen Malers zu klären.

Armand (Douglas Booth) erhält den Auftrag, den letzten Brief des gestorbenen Malers dessen Bruder Theo zu überbringen. Armand nimmt Kontakt auf zu Menschen, mit denen van Gogh zu tun gehabt hat. Dabei lernt er dessen Arzt samt Tochter kennen, die eng mit dem Verstorbenen verbunden war. Bei Armand wächst der Verdacht, dass van Gogh Opfer eines Verbrechens geworden ist.

Abschließend geklärt wurde der Fall nie. Diesen Anspruch haben auch die Filmemacher nicht. Ihr Werk ist ein Riesenspaß, in dem es viel zu bestaunen gibt.

„Loving Vincent“, Regie: Dorota Kobiela, Hugh Welchman, 95 Minuten, FSK 6

Ritte im Wind: Kino aus Kirgisistan

Sieben Jahre nach seinem preisgekrönten Werk „Der Dieb des Lichts“ erzählt Aktan Arym Kubat von den Menschen in Kirgisistan, vom dörflichen Leben und der Zerrissenheit zwischen Tradition und Moderne. Zentaur (der Regisseur spielt die Hauptrolle), wie ihn alle wegen seiner Pferdeliebe nennen, stiehlt den Reichen edle Rennpferde, die sie als Statussymbol halten. Ihm geht es nicht um den Profit, sondern darum, den Tieren ihre Freiheit zurückzugeben. Auch er selbst genießt die nächtlichen Ritte im Wind, bevor er die Pferde heimlich zurückbringt – bis er erwischt wird. Der Film gipfelt nicht in kruder Kapitalismuskritik, eher trauert der Regisseur um verlorene soziale Bindungen. „Pferde sind die Flügel der Menschen“, lautet ein Sprichwort aus der Zeit, als die Kirgisen noch als Nomaden frei durch die Steppe zogen. Kubat schwelgt in überwältigenden Landschaftsbildern mit schneebedeckten Gletschern, verteufelt aber nicht die Moderne. Letztlich hat der Regisseur eine moderne Parabel auf den Verlust von Identität inszeniert. köh

„Die Flügel der Menschen“, Regie: Aktan Arym Kubat, 86 Minuten, FSK 6

Bärenstark: Für kleine Zuschauer

Dank Omas Donnerhonig ist Bamse der stärkste Bär der Welt – und in seiner schwedischen Heimat zu einer populären Figur geworden. Nun hat er es ins deutsche Kino geschafft. Wegen seines Sinnes für Gerechtigkeit hat Bamse fast alle Gauner seiner Heimatstadt zu einem ehrbaren Leben bekehrt. Nur bei Reinhard Fuchs haben die Resozialisierungsmaßnahmen nicht gefruchtet: Um die Krafthonigquelle trockenzulegen, entführt er Bamses Oma. Der in einfachem Zeichentrickstil animierte Film richtet sich an jüngste Kinogänger. Der Wert von Freundschaft wird ebenso vermittelt wie die Botschaft, dass niemand als Krimineller geboren wird. bra

„Bamse“, Regie: Christian Ryltenius, 63 Minuten, FSK 0

Von Stefan Stosch, Martin Schwickert und Ernst Corinth

Regional 17 Konzerte in drei Wochen - GSO-Neujahrstournee mit Asya Fateyeva

Die Saxofonistin Asya Fateyeva tritt im Januar in 14 Städten zusammen mit dem Göttinger Symphonie Orchester (GSO) auf. Die 2016 als beste Nachwuchskünstlerin mit dem Echo Klassik ausgezeichnete Musikerin ist Solistin im Programm der GSO-Neujahrskonzerte.

26.12.2017
Regional Konzert in St. Jacobi - Silvester mit Orgelmusik

Kantor Stefan Kordes gestaltet das Orgelkonzert in der Jacobikirche. Am Sonntag, 31. Dezember spielt er ab 20 Uhr auf der Ott-Schmid-Orgel, die mit ihren 4806 Pfeifen zu den größten Orgeln Niedersachsens zählt. Auf dem Programm steht romantische und symphonische Musik.

26.12.2017

Ein weiterer Act für das Openair im August 2018 vor dem Schlosshotel Wilhelmshöhe in Kassel wurde bestätigt. Die Broilers werden am 19. August um 19 Uhr die Bühne rocken. Karten dafür sind ab sofort im Ticketshop des Göttinger Tageblatts erhältlich.

24.12.2017