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Regional „Klassische Leiber und eine commode Religion“
Nachrichten Kultur Regional „Klassische Leiber und eine commode Religion“
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18:33 22.09.2011
Das Jawort, endlich: Uwe Steinbruch als Valerio, Bernd Hölscher als Hofbediensteter, Björn Bonn als Leonce, Dirk Raulf (Musiker), Anke Stedingk als Gouvernante, Jürgen Wink als König, Aljoscha Langel als Hofbediensteter (von links), vorn Kinderchor Cantamus. Quelle: Klinger
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Intendant Thomas Bockelmann hat in Kassel Büchners federleichtes Lustspiel inszeniert und schenkt seinem Publikum eindreiviertel Stunden Freiheit des Geistes. Hauptverantwortlich dafür ist zwar Büchner als Autor dieser himmlisch subversiv-antiautoritären Dialoge, aber Bockelmann tut auch viel dazu, sie zu sprühendem Bühnenleben zu wecken. Dafür hat ihm Gralf-Edzard Habben ein schön verrücktes Einheits-Bühnenbild entworfen: einen grauen Hügel, in den hinein ein mit spiegelnden Türen gesäumter Gang führt. Der Hügel ist die Welt draußen, der Gang ist die Welt des Palastes drinnen. Habben, Jahrgang 1934, dürfte älteren Göttingern übrigens bekannt sein: Die ersten Jahre seiner Bühnenbildner-Karriere war er am Jungen Theater engagiert.

Ein Hügel auf der Bühne ist praktisch. Dort muss man nicht schreiten, sondern kann sich wälzen, kullern und damit seinen Bewegungen jene Freiheit geben, die Büchner den Worten verliehen hat. Das tun die Protagonisten ausgesprochen gern, allen voran Leonce (Björn Bonn) und Valerio (Uwe Steinbruch). Ob Valerios sprachvirtuoses Lob des Weines oder Leonces finale Fantasie von einer Drehorgel, auf der „die milchweißen ästhetischen Spitzmäuse herumhuschen“: Das ist alles der pure Genuss an grenzenloser geistiger Freiheit, an übermütiger Heiterkeit. Anna-Maria Hirsch ist die liebreizend blonde Lena, ihr zur Seite Anke Stedingk als Gouvernante, die auch als Leonces Geliebte Rosetta für dichte Momente sorgt. Jürgen Wink gibt den wunderbar philosophierenden König Peter. In zahlreichen kleinen Rollen geben Bernd Hölscher und Aljoscha Lange dem Lustspiel weitere Farbtupfer. Und Musiker Dirk Raulf sorgt unter anderem mit dem Triangel (fast) immer pünktlich für den feinen hellen Klang beim Anstoßen der Gläser. Pling.

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Bockelmann hat ein paar hübsche Ideen verwirklicht, die auf Anregungen von Büchner zurückgehen, aber nicht unbedingt so im Text zu finden sind. So lässt er die Personen am Anfang als Automaten-Puppen auftreten (was auf Valerios Text in der Schlussszene verweist). Und er bringt auch das Volk auf die Bühne – in Gestalt des Kinderchores Cantamus, die mit ihren dunkel geschminkten Augen und schwarzen Wämsen wie Miniatur-Erwachsene aussehen.

Schön, dass dieses so dichte und zugleich so unbeschwerte Lustspiel nicht von einer Pause durchschnitten wird – bis zu den letzten Worten Valerios: „Und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion.“ Einhellige Begeisterung bei der Premiere im ausverkauften Kasseler Schauspielhaus.

Nächste Termine: 25. (18 Uhr), 29. September, 1., 7., 16. und 25. Oktober um 19.30 Uhr. Karten: Telefon 05 61 / 10 94-222.

Von Michael Schäfer