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Regional Kolumnist Max Goldt mit seinem Abend „Gattin aus Holzabfällen“
Nachrichten Kultur Regional Kolumnist Max Goldt mit seinem Abend „Gattin aus Holzabfällen“
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19:00 08.11.2010
Verlässt sich auf die Wirkungskraft seiner Wörter: der in Weende aufgewachsene Autor Max Goldt.
Verlässt sich auf die Wirkungskraft seiner Wörter: der in Weende aufgewachsene Autor Max Goldt. Quelle: Heller
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Das Programm „Gattin aus Holzabfällen“ heißt zwar wie die jüngste Buchveröffentlichung des Wahlberliners, hat aber nicht viel, na ja, eigentlich gar nichts mit ihr zu tun. Was, da muss man Goldts bestechender Logik zustimmen, bei einem Bilderbuch auch wenig sinnvoll wäre. Also gab es alte und neue Texte zu hören, die inhaltlich unverknüpft waren, aber dennoch eines gemeinsam hatten: Eine schwelende, zuweilen bissige Persiflage unserer Gesellschaft und ihres Alltags. Auch wenn ihre Herangehensweise an diese Art von Humor grundverschieden ist, fühlt man sich unweigerlich an Loriots Adlerauge für Alltagsgroteske erinnert, wenn Goldt in seelenloser Ruhe vom Kleingedruckten auf Sauerkrautdosen, der Volkskrankheit Sodbrennen oder den seltsamen Vorgängen in Billighotels referiert.
Der Autor überzeugte in seiner Rolle als nüchterner Erzähler, der sein Publikum nur selten eines Blickes würdigt, sich aber ganz auf die Wirkungskraft seiner Wörter verlassen kann. Man könnte nun Wortschöpfungen wie „Zeigefinger in Penisgröße“, „Fußgeweih“ oder „Baumkuchenfigur“ zitieren, doch sein Humor funktioniert nicht auf der Ebene bloßer Wortspielereien, er kommt sogar überwiegend ohne Pointen aus. Goldt kann sich ganz auf seine scharfe Beobachtungsgabe und seine sprachliche Omnipotenz verlassen, mit der er das Gesehene in oft groteske, doch ebenso hintersinnige wie elegante Sätze gießt. Für jeden Angehörigen der schreibenden Zunft sollte ein Vortrag Goldts über die inflationäre Verwendung von Paradoxa Pflicht sein, auch eingefleischte Philologen würden ehrfürchtig erblassen, wenn er sich über den Unterschied der Worte „Spießer“ und „Kleinbürger“ auslässt.

Goldts Texte sind zu jeder Zeit eloquent, oft grotesk und voll mit subtilem Augenzwinkern, ohne altklug zu wirken. Wie ungerecht, dass er „nur“ das Deutsche Theater und nicht wie manch anderer Frontalkomiker das Olympiastadion füllt. Verdient hätte er es ja.

Von Jonas Rohde