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Regional Komische Nacht: Comedy-Marathon auf Göttinger Bühnen
Nachrichten Kultur Regional Komische Nacht: Comedy-Marathon auf Göttinger Bühnen
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15:51 27.02.2019
Ohne Tresen aufgestützt: Herr Niels mit Flasche im APEX. Quelle: Heller
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Göttingen

Wer sich allerdings in der Kulturkneipe auf Hans-Hermann Thielke gefreut hat, wird enttäuscht: Der Strickpullunderträger ist im APEX angesagt, tummelt sich aber zum Leidwesen der 100 Zuschauer auf fünf anderen Bühnen der Stadt – es wird nach 25-minütigen Auftritten fliegend gewechselt.

Herr Niels sieht aus wie der junge Joseph Beuys

Der APEX-Opener, Herr Niels aus Hannover, wetzt diese Scharte jedoch mehr als aus: Herr Niels sieht aus wie der junge Joseph Beuys und bewegt sich mit einer irren Körperbeherrschung wie der junge Michael Jackson. Fließende „Moonwalk“-Bewegungen und eine extrem lässige Performance bringen das sowieso extrem amüsierbereite Publikum so richtig in Wallung.

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Die „Ich lehne mich mal cool an den imaginären Tresen“-Nummer scheint extrem kräftezehrend zu sein, für die APEX-Zuschauer hat Herr Niels aber noch Zugaben in petto – „weil ihr so’n wilder Haufen seid“. Herr Niels, weiß was er kann: „So was habt ihr noch nie gesehen!“, ruft er in gespielter Hybris, und das Publikum antwortet wie die Schulklasse: „Neiiiiin!“

11. Komische Nacht Göttingen

Im APEX herrscht bereits nach fünf Minuten eine Stimmung wie auf der Klassenfahrt zum Titisee, und als „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens als vermeintlich falscher Einspieler ertönt, singt die ganze Mannschaft mit und schwenkt auf Geheiß von Herrn Niels die Arme.

Die Begeisterungsfähigkeit des Publikums ist außergewöhnlich – das trägt den Abend im APEX, und davon profitieren auch die folgenden Künstler. „Ich bin die weltberühmte Andrea Volk“, stellt sich eine Rheinländerin mit schönen Haaren und ziemlich sympathischer Ausstrahlung vor.

Volk ist eher karnevalistisch orientiert

Volks Humor ist weniger subtil als der von Herrn Niels, eher karnevalistisch orientiert. Beispiel: „Man kriegt vom Trinken Organverschiebung. Dann ist die Leber im Arsch.“ Ganz gut ist: „Was sagt eine Ehefrau, wenn sie nach 30 Jahren Ehe morgens in den Spiegel schaut? Das gönn’ ich ihm!“

Vor allem die Frauen amüsieren sich nun – ein Dreier-Grüppchen kriegt sich gar nicht mehr ein. Der feste Wille zum Spaß wird jedoch kurz darauf auf die Probe gestellt.

Grundstimmung ist leicht aggressiv

Toby Käp ist hörgeschädigt und hat einen Sprachfehler. Witze wie „Ich bin auch noch vergesslich. Wenn Leute was gesagt haben, weiß ich nicht, ob ich es nicht gehört oder vergessen habe“ sind nicht so schlecht.

Dann jedoch wird es zunehmend unangenehm. Käps Thema sind hohle Journalisten, die ihm unterstellen, auf der Behindertenwelle zu reiten, hohle Veranstalter, die ihn diskriminieren, seine hohle Mutter, die ihn nicht versteht und die er „nur vom Sehen“ kennt. Die Grundstimmung ist leicht aggressiv, und vielleicht geht deshalb der humoristische Kern flöten. Der Auftritt ist komisch – aber nicht im Sinne von witzig, sondern von merkwürdig, zumal es sich am Ende thematisch fast nur noch um Pornografie und seine Bisexualität dreht.

Diskriminierung ist programmiert

Danach ist die Stimmung ganz schön im Keller, und das ist an diesem Abend eine Kunst. Andererseits hatte Käp schon zu Beginn klargestellt: „Ob ihr lacht oder nicht: Ihr diskriminiert mich in beiden Fällen.“

Was möglich ist im APEX, lotet im Anschluss Roberto Capitoni, ein Deutsch-Italiener aus Schwaben, aus. Damit wären zwei seiner Hauptthemen bereits genannt, und der Karneval ist zurück: „Woran erkennt man ein schwäbisches Kreuzfahrtschiff? Es fliegen keine Möwen hinterher!“ Tusch!

Die undankbare Aufgabe, als Letzter aufzutreten, hat im APEX schließlich Michael Eller – er betritt nach geschlagenen drei Stunden die Bühne. Ein Comedy-Marathon war angekündigt, ein Comedy-Marathon wird geboten.

Eller ist ein Profi, hat eine geschmeidige Art und sich bei der Polizei-Kontrolle nicht auf die Zunge beißen können, weil die Beamtin einen Gesichtsausdruck wie Klaus Kinski nach der Wurmkur gehabt habe. Sie: „Wissen Sie, was mir gar nicht passt?“ Er: „Größe 36?“ Gut, dass die Polizistin nicht auch noch einen Doppelnamen hatte...

Von Eduard Warda