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Regional Konfuse Muse und Bordsteinschwa-ha-halbe
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13:36 28.09.2011
Echtes Kind des Ruhrpotts: Christian Hirdes. Quelle: Heller
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Hirdes empfindet sich selbst als das, was allgemein wohl als „Weichei“ abgestempelt wird: Klavierspielen oder Gitarrezupfen, verträumt Wortspiele und Reime aufsagen und dabei brutal schlecht Fußball spielen, das ist seine Welt, das ist sein Ich. Gnadenlos und „auf die harte Tour“ gewährt er nun Einblicke in sein Leben und gibt sein Scheitern in den verschiedensten Lebenslagen zum Besten.

Hirdes, geboren in Mülheim an der Ruhr, bezeichnet sich selbst zu Recht als „echtes Kindes des Ruhrpotts“ und sieht sich in der Pflicht, den Charme des Ruhrgebiets und seines Lebens in die Welt hinauszutragen. Und so besingt Hirdes dann auch gleich die typische Bude (Kiosk) im Ruhpott samt frecher Göre und rheinischer Gemütlichkeit „Gemischte Tüte für drei Mark. Lass mich doch einfach vor, du dummes Blag. Gemischte Tüte dauert einen halben Tag.“

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Zur konsequenten Begriffsstutzigkeit seiner Mutter, die zu einem großen Elektronikartikelmarkt seit Jahren „Medimarkt“ sagt, meint Hirdes: „Medimarkt könnte auch eine Apotheke für Kassenpatienten im Industriegebiet sein!“ Und seiner Freundin singt er ein durch und durch „gefühlvolles“ Liebeslied: „Mit dir könnt ich mir vorstellen, ein Haus zu kaufen – oder zumindest einen Passat. Mit dir könnt ich mir vorstellen, mal ein Kind zu haben, – oder zumindest einen Hund.“ Vor allem haben es Hirdes aber Reime und Wortspiele angetan, und so ist in seinen Liedern von „Konfuse Muse“ bis „Dass ich mal den Jürgen Klopp verklopp’“ alles dabei.

Und so zappelt, fuchtelt und ulkt sich Hirdes durch den Abend und gibt das Weichei.Als 37-Jähriger, der allerdings auch für zehn Jahre jünger durchgehen würde, kann er die heutige Zeit und mit ihr die Generation Facebook nicht so recht verstehen.

Als Krönung des Abends stellt sich schließlich eine Parodie auf Reinhard Mey heraus. Mit der so unvergleichlich schrägen Kopfhaltung, den Atmenpausen und Rhythmen, wie nur Mey sie spielt, läuft Hirdes zur Hochform auf, und so wird das liebevoll gezupfte Lied „Bordsteinschwa-ha-halbe“ zum Glanzstück. Hirdes ist überhaupt am stärksten, wenn er gnadenlos übertreiben oder parodieren darf. So auch während eines Rolf-Zuckowski-Liedes, aus dem er kurzerhand einen Punk inklusive Headbanging macht oder während eines sentimentalen Organspende-Hits im Grönemeyerstil „Gib mir mein Herz zurück, ich brauch meine Leber noch!“ und „Herr Grönemeyer hat eine Option auf Ihre Eier!“ Auch Hirdes’ Rap „Ich bin ein Kochkulturbanause, ich bin ein Biolek-Schreck, ich lese keine Mälzer-Wälzer“ erntet großen Applaus von dem für einen Kabarettabend im nicht ganz ausverkauften Apex überdurchschnittlich jungen Publikum.

Ein überaus kurzweiliger Abend vielleicht von und mit einem Weichei. Sicherlich jedenfalls von und mit einem guten Musiker und charmanten Zappelphilipp.

Von Indra Hesse